Spekuliert wird bereits länger darüber. Nun ist es mindestens halbwegs offiziell: ABB denkt über die Zukunft des traditionsreichen Geschäfts mit der Stromübertragung nach. Gemäss einem Bericht der japanischen Wirtschaftszeitung «Nikkei» führen ABB und Hitachi Gespräche über eine Verbindung ihrer Aktivitäten in diesem Bereich.

Gemäss dem Blatt wird über ein Gemeinschaftsunternehmen gesprochen, das im Lauf der Zeit vollständig in den Besitz der Japaner übergehen soll. Offenbar ist von einem Transaktionswert von 7 Milliarden Dollar die Rede, den Hitachi bereits abgesegnet habe.

Die offizielle Kommunikation der Firmen klingt dagegen deutlich verhaltener: Man bestätigt Gespräche über eine «Neudefinition» der bestehenden Partnerschaft aus dem Jahr 2014, die sich bislang auf eine Zusammenarbeit im japanischen Markt beschränkt. Es gebe keine Gewissheit darüber, dass es zu einer Transaktion kommen werde.

Für Investoren ist die Botschaft deutlich genug. Die ABB-Aktien legten gestern um über vier Prozent auf Fr. 19.75 zu. Gerüchte über einen Verkauf der Stromnetzsparte von ABB machen schon seit einiger Zeit die Runde. Befeuert wurden sie erstmals vom schwedischen Grossaktionär Cevian, der im September 2016 öffentlich die Abspaltung der Geschäftssparte gefordert hatte. Denn im internen Vergleich ist der Bereich weniger profitabel.

Der Ärger des Chefs

Die erste Reaktion von Konzernchef Ulrich Spiesshofer auf den Vorschlag der Schweden fiel nicht besonders wohlwollend aus. Die öffentlichen Diskussionen über die Zukunft der Sparte verunsicherten nur die Kunden und würden das Geschäft bremsen, sagte der Manager damals mit unverhohlenem Ärger.

Dass sich Spiesshofer die Sache nun doch noch anders überlegen könnte, mag mit einem Stimmungswandel seines grössten Aktionärs, der schwedischen Wallenberg-Familie, zusammenhängen. Auch dieser ist nicht entgangen, dass die Stromnetzsparte den von Spiesshofer erhofften Schwung bis heute nicht erreicht hat.

Für Hitachi mit seinen 300 000 Angestellten käme ein Kauf der ABB-Sparte einem Quantensprung gleich. Die Japaner kämen dadurch zu einer komfortablen Weltmarktführerschaft. Hitachi ist in den vergangenen fünf Jahren auf die Erfolgsstrasse zurückgekehrt und will die Firma nun mit Volldampf stärker globalisieren. Der Bau von Kraftwerken und die Stromübertragung gelten als Kernelemente der Strategie.

Dagegen hat sich ABB bereits vor 18 Jahren aus dem Kraftwerkbau verabschiedet. Mit einem Verkauf der Stromübertragung würde sich das Gesicht des Konzerns grundlegend verändern. Als BBC und die schwedische Asea vor 30 Jahren zu ABB fusionierten, plante man einen ungefähr gleichgewichteten Anteil der beiden Sparten Kraftwerkbau und Stromnetz von rund einem Drittel am Konzernumsatz.

Inzwischen repräsentiert letzterer Bereich noch rund einen Viertel des ABB-Umsatzes. Das meiste Geld verdient der Konzern mit Produkten zur Elektrifizierung und mit Industrierobotern. Auch die Industrieautomation ist ein wichtiger Bestandteil.