Peter Spuhler hat keine einfachen Tage hinter sich. Zwar freue er sich über den gelungenen Börsengang, wie man aus seinem Umfeld hört. Gleichzeitig falle es ihm auch schwer, sich von seiner Firma zu lösen. Zwar besitzt Spuhler weiterhin knapp 45 Prozent des Unternehmens, das er über die letzten Jahrzehnte aufgebaut hat. Seit letztem Freitag ist der Ex-SVP-Nationalrat aber nicht mehr alleiniger Herrscher. Mit dem Börsengang kann er nicht mehr bestimmen, wer Mitbesitzer «seiner Firma» ist und wer nicht.

Auffallend am Börsengang von Stadler Rail ist, wie breit Spuhler die Aktien bereits im Vorfeld unter dem Management, dem Verwaltungsrat und den Kadermitarbeitern gestreut hat. Gemäss Recherchen sind es 170 Angestellte, die durch den Börsengang reich wurden. Zieht man die Mitglieder des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung ab, bleiben gut 150 Kaderleute, die rund 3,2 Prozent aller Aktien halten.

Nicht nur das Spitzenkader kam in den Genuss der Aktien, es waren auch vermeintlich gewöhnliche Angestellte, wie etwa die Sprecherin Marina Winder. Sie sei plötzlich zur Millionärin geworden, wie das deutsche Boulevardblatt «Bild» hinausposaunte. «Einmal über Nacht Millionärin werden», schrieb das deutsche Millionenblatt, das sich auf eine Liste des «Blicks» stützte, wonach Winder mit insgesamt 40'000 Aktien mit einem Wert von 1,7 Millionen Franken die «einzige Frau» unter «den Absahnern» sei.

Was die Zeitungen jedoch unterschlagen: Marina Winder ist nicht einfach «nur» Sprecherin des Unternehmens, sondern sitzt als Kommunikations- und PR-Chefin in der Geschäftsleitung. Sie nimmt zudem als Generalsekretärin eine wichtige Rolle für den Verwaltungsrat wahr – und ist Mitglied des Kaders.

Erst kurz dabei, schon Millionär

Viele Kaderleute, die nun Millionäre geworden sind, haben während Jahren für das Thurgauer Unternehmen gearbeitet. Doch schaut man genau hin, entdeckt man Mitarbeiter mit kurzer Einsatzdauer. Zum Beispiel Finanzchef Raphael Widmer. Er ist erst seit Anfang 2017 oberster Zahlenmensch beim Zugsbauer. Er kommt bereits auf ein stattliches Paket mit 100'000 Aktien, das an der Börse 4,2 Millionen Franken wert ist.

Stadler Rail: «Mit dem Börsengang wollen wir das starke Wachstum in den letzten Jahren absichern»

Stadler Rail: «Mit dem Börsengang wollen wir das starke Wachstum in den letzten Jahren absichern»

Video vom 19. März 2019

Zu den ganz grossen Verdienern beim Börsengang zählen jedoch andere, insbesondere die Verwaltungsräte: Roche-Präsident Christoph Franz und Ex-ABB-Chef Fred Kindle besitzen Aktien im Wert von je 55 Millionen Franken. Die Pakete von Stadler-Vizepräsident Hans-Peter Schwald sowie des Deutschen Werner Müller belaufen sich auf je 42,3 Millionen Franken. Insgesamt besitzen Verwaltungsräte und Geschäftsleitung exklusive Spuhler Aktien im Wert von 292 Millionen Franken.

Nach welchem Schlüssel die Aktien verteilt wurden, ist weitgehend unbekannt. Aus dem letzte Woche aufgeschalteten Finanzbericht für das Jahr 2018 lassen sich jedoch interessante Anhaltspunkte finden. So geht aus dem Bericht hervor, dass die Aktien letztes Jahr zu einem Wert von Fr. 7.92 pro Aktie den Mitarbeitern zugeteilt wurden. Anstatt eines Bonus in Cash konnten «ausgewählte Mitglieder des Managements und des Verwaltungsrats» Aktien beziehen. Im Vergleich zum aktuellen Aktienkurs ist das ein Dumpingpreis, bei dem sich auch steuerliche Fragen stellen.

«Beträge sind sehr hoch»

Der Stadler-Börsengang ist ein Thema in der Politik. «Ja, die Beträge sind sehr hoch und können Fragen aufwerfen», sagt CVP-Nationalrat und Bauernpräsident Markus Ritter zu den Bezügen der Topkader. «Allerdings muss ich sagen, dass Stadler Rail jedem Quervergleich mit Bombardier und seinem Wunderzug FV-Dosto, der zu einer unendlichen Geschichte zu werden scheint, standhält.» Deshalb sei es schwierig, «jetzt an Stadler Rail den Vorwurf zur richten, sie verdienen zu viel». Qualität habe auch ihren Preis, sagt Ritter. Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog verteidigt das Unternehmen ihres Parteikollegen: Stadler Rail sei ein «höchst erfolgreiches privates Unternehmen, das nun auch den Börsengang erfolgreich über die Bühne gebracht hat». «Die Politik sollte sich nicht in private Unternehmen einmischen. Jede Person muss für sich selber entscheiden, ob der Preis einer Aktie, die sie kauft respektive verkauft, gerechtfertigt ist», sagt Herzog.

Auch von linker Seite erhält der Millionensegen Zuspruch. Stadler Rail stehe in einem hart umkämpften internationalen Umfeld, sagt die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher. «Ein erfolgreicher Börsengang ist nur mit engagierten Mitarbeitenden im ganzen Betrieb möglich. Deshalb gehe ich davon aus, dass das ganze Personal durch den Millionen-Segen eine angemessene Wertschätzung erhalten wird», sagt Graf-Litscher.

Wertschätzung bestimmt, aber keine Aktien. Das Beteiligungsprogramm stand lediglich den rund 170 Kaderleuten offen. Die Facharbeiter in den Werkshallen, die Ingenieure an ihren Computern konnten keine Vorzugsaktien beziehen, wie Sprecherin Marina Winder bestätigt. Sie hätten einen 13. Monatslohn und Weihnachtsgeld in Cash erhalten, sagt sie.