«Jedes Opfer ist eines zu viel.» Diesem einfachen Leitsatz lebt die Flugbranche seit Jahren nach. Alle Unfälle werden akribisch untersucht, es werden jedes Mal Lehren daraus gezogen. Und zwar in der ganzen Branche, weltweit.

Die Sicherheitskultur in der Zivilluftfahrt ist im Prinzip eine Kultur der breiten Fehlerdiskussion und -behebung.

Der Erfolg kann sich sehen lassen. Mehr als 3,5 Milliarden Menschen waren 2015 unterwegs, 10 Millionen täglich, fast doppelt so viel wie vor 10 Jahren. Gleichwohl hat die Zahl der Unfälle und der Unfalltoten abgenommen. 2015 gab es bei Unfällen der kommerziellen Zivilluftfahrt gemäss der Organisation Aviation Safety Network 470 Tote. 2014 waren es noch 920, ein Jahr zuvor 200 Tote.

Absichtlich herbeigeführt

Die Zahlen sind mittlerweile so tief, dass ein einziger Unfall in der Statistik einen grossen «Ausreisser» nach oben verursachen kann. Doch noch etwas fällt auf. In den vergangenen zwei Jahren haben sich aussergewöhnliche Katastrophen gehäuft: 2014 waren es das noch immer nicht aufgeklärte Verschwinden der Boeing 777 der Malaysian Airways MH370 im Indischen Ozean und der Abschuss ebenfalls einer Boeing 777 der Malaysian über der Ukraine.

Im März 2015 sorgte der Germanwings-Airbus, der in Südfrankreich von einem psychisch kranken Co-Piloten in den Boden gesteuert wurde, für Schlagzeilen. Er hatte sich, als sich sein Kollege kurz aus dem Cockpit begab, eingeschlossen. Ende Oktober wurde im Sinai-Gebiet ein Airbus der russischen Fluggesellschaft Metrojet von einer Bombe an Bord zerrissen.

Diesen drei Katastrophen ist gemeinsam, dass sie absichtlich herbeigeführt wurden: Abschuss, Selbstmord, Bombe. Das ist in dieser Häufung nach dem 11. September 2001 nie mehr vorgekommen.

Rechnet man diese ausserordentlichen Katastrophen aus der Statistik heraus, so hätte es in der kommerziellen Zivilluftfahrt 2014 nicht 920, sondern 380 Tote gegeben, und 2015 nicht 470, sondern gerade mal 100 Tote. Letztere bei zwei Unfällen in Südostasien. Pilotenfehler waren mit im Spiel.

Der erste Fall ereignete sich nach einer Triebwerkpanne in Taipeh kurz nach dem Start einer fast fabrikneuen Turboprop-Maschine ATR-72 der Transasia Airways. Doch statt das defekte Triebwerk schalteten die Piloten das intakte aus. Das Flugzeug streifte eine Autobahnbrücke und stürzte in einen Fluss. 43 Tote waren zu beklagen, 15 überlebten. Im zweiten Fall, ebenfalls eine ATR, flogen die Piloten vor der Landung in einen Berg. 54 Menschen verloren ihr Leben.

Nun kann man mit Fug und Recht sagen: Dem Passagier ist das im Prinzip egal. Er will gesund ankommen, er will keine technische Panne, er will zuverlässige Piloten, er will nicht abgeschossen werden oder sonst wie schrecklich zu Tode kommen.

Der deutsche Aviatikexperte Andreas Späth, der im Februar 2016 ein Buch zum unerklärlichen Verschwinden der MH370 veröffentlichen wird, sagt: «Die Probleme liegen teilweise in der Branche selbst. Die Bombe wurde wahrscheinlich mithilfe eines Insiders an Bord geschmuggelt.» Auch bei Germanwings war der Täter in den eigenen Reihen. Gänzlich auszuschliessen ist menschliches (absichtliches wie unabsichtliches) Fehlverhalten nicht, das weiss man auch beim Branchenverband Iata. Doch man gibt Gegensteuer.

Als direkte Folge der Germanwings-Katastrophe haben zahlreiche Fluggesellschaften zum Standard erhoben, dass kein Pilot mehr alleine im Cockpit sein darf. Das heisst also, wenn einer der Piloten mal rasch «muss», kommt ein anderes Crewmitglied ins Cockpit.

Auch die Behörden blieben nicht untätig. Eine EU-Arbeitsgruppe fordert psychologische Untersuchungen für alle Piloten. Jeder Pilot solle während seiner Ausbildung oder vor Dienstantritt psychologischen Tests unterzogen werden, heisst es in einem Bericht der Arbeitsgruppe vom Juli: «Derzeit gibt es angehende Berufspiloten, die für ihre Ausbildung niemals eine psychologische Bewertung absolvieren.» Verbessert werden solle auch die psychologische Betreuung von Piloten. Zudem werden Drogen- und Alkoholtests empfohlen.

Tracking-System ab 2018

Die Kontrolltechnologien werden auf allen Ebenen des Fliegens weiter ausgebaut. Das wird auch die Passagiere auf den Flughäfen betreffen. Aufgrund des mysteriösen Verschwindens der MH370 ist der Airline-Verband Iata ausserdem dabei, ein neues Tracking-System zu entwickeln, welches die genaue Nachverfolgung eines Flugzeuges ermöglicht. Ein Fall wie die MH370 soll nie mehr vorkommen. Allerdings sei die Technologie erst 2018 einführungsreif, sagte Iata-Chef Tony Tyler kürzlich an einem Medienseminar in Genf.