Auf Schweizer Baustellen ereignen sich laut der Suva noch immer zu viele Unfälle: Allein im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe sind es über 50'000 im Jahr. Mit aufwendig produzierten Merkblättern, Broschüren und sogar Filmbeiträgen kämpft die nationale Unfallversicherung deshalb unermüdlich für mehr Sicherheit auf Baustellen.

Doch der Versicherung stellt sich aktuell und auch in Zukunft ein grosses Problem: Immer weniger Bauarbeiter können aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse die zum Teil lebenswichtigen Präventions-Informationen lesen. Was laut Anfragen der «Schweiz am Wochenende» bei mehreren Schweizer Maurer- und Gipserfirmen im Arbeitsalltag an der Front zu vielen gefährlichen Situationen führt. Jedes Jahr verlieren in der Schweiz gegen 100 Menschen ihr Leben bei einem Arbeitsunfall.

Die Suva fördert Bildsprache

Auch bei Implenia, dem grössten Bauunternehmen der Schweiz, ist das ein Problem. Denn gemäss eigenen Angaben arbeiten mittlerweile sehr viele Mitarbeiter, die keine der vier Schweizer Landessprachen beherrschen. «Das führt dazu, dass wir mit entsprechendem Aufwand Suva-Hinweise oftmals intern übersetzen. Deshalb würden wir es begrüssen, wenn die Suva ihre Merkblätter und Broschüren zusätzlich in weiteren Sprachen herausgeben würde», sagt Sprecherin Luzia Montandon. Man sei sich der Herausforderung für die Unfallversicherung bewusst, doch: «Auf den Baustellen reicht die Diversität in der Kommunikation von afrikanischen über ost- und südeuropäische bis hin zu arabischen Sprachen beziehungsweise Dialekten.»

Bei der Suva kommt die Übersetzungsforderung nicht gut an – nicht einmal in Englisch will man die Sicherheitshinweise künftig produzieren und schiebt die Verantwortung ab: Es liege in der Verantwortung des Arbeitgebers, seine Mitarbeiter in der geeigneten Form zu instruieren, wehrt sich Suva-Sprecher Serkan Isik.

«Wir sehen es als unsere Aufgabe, die Arbeitgeber dabei bestmöglich zu unterstützen und die Präventionsmittel zur Verfügung zu stellen.» Damit die Präventionsbotschaften auch bei Mitarbeitern ankommen, die keine Landessprache beherrschen, habe man «Lebenswichtige Regeln» für die verschiedenen Branchen erarbeitet. Isik: «Eine starke Bildsprache und kurze prägnante Botschaften unterstützen die Arbeitgeber bei der Instruktion für sicheres Arbeiten.» Fakt ist: Die Zeiten, als die Fremdarbeiter, sogenannte Saisonniers, nur für wenige Monate in der Schweiz arbeiteten und vorwiegend aus Italien kamen, sind längst vorbei. Auf dem Bau haben die offenen Grenzen zur kulturellen Vielfalt geführt. Luzia Montandon: «Implenia beschäftigt gruppenweit Menschen aus rund 80 Ländern.»

Gefahr Asbest

Laut einer aktuellen Publikation des Bundesamts für Statistik hat sich die Verteilung der Landessprachen in den letzten vier Jahrzehnten stark verändert. Die Anteile des Deutschen, Italienischen und Rätoromanischen als Hauptsprachen sind zurückgegangen, während jene des Französischen und der Nichtlandessprachen angestiegen sind. Englisch und Portugiesisch sind die in der Schweiz am häufigsten gesprochenen Fremdsprachen – weitere oft gesprochene Sprachen sind Serbisch, Kroatisch und Albanisch. Arbeiter aus diesen Ländern sind es vor allem, die bei Abbruch-, Umbau- und Renovationsarbeiten immer wieder auf asbesthaltige Werkstoffe stossen. Bei Kontakt mit Asbest müssen zum Schutz der Beschäftigten die «Lebenswichtigen Regeln» der Suva für das Arbeiten mit Asbest eingehalten werden – lesen können diese aber nur die wenigsten.