Es dauerte nur zwei Stunden, dann ging die Legendenbildung los. «Wie sind eigentlich die ganzen Pappkartons so rasch herangeschafft worden?», fragten sich die Journalisten der «New York Times» am Montagmorgen nach der Lehman-Pleite, als sie sich vor dem Hauptsitz zwei Häuserblöcke vom Times Square bereit machten. «Die wussten doch schon längst Bescheid», riefen vorbeihetzende Passanten. Und hatten damit gar nicht unrecht. Denn hinter einer Legende steckt oft ein wahrer Kern und es gab vor der Lehman-Pleite mit den Problemen von Bear Stearns, Freddie Mac und Fannie Mae sichtbare Alarmsignale.

Fünf Jahre nach der spektakulären Pleite der US-Investmentbank wird die Erinnerung weniger von Fakten als vielmehr von Legenden dominiert. Man könnte diese als unwichtig abtun – aber es sind genau diese Legenden und Mythen, welche die politische, mediale und gesellschaftliche Debatte heute dominieren, wenn es um die Lehren der Finanzkrise geht. Und diese Mythen und Legenden tragen auch dazu bei, dass die politisch-gesellschaftliche Debatte in eine Richtung läuft, mit der auch der Boden für die nächste Krise vorbereitet wird.

1. Mythos Lehman war der Anfang. Das trifft nicht zu. Bereits Ende 2006 zeichnete sich auf dem US-Immobilienmarkt das Ende des Booms ab. Am 2. April 2007 meldete der Immobilienfinanzierer New Century Financial Insolvenz an. Im Sommer 2007 gerieten etliche weitere Banken in Schieflage und die Krise erreichte Europa: BNP Paribas schloss drei Fonds, die deutschen Landesbanken von Sachsen, Bayern und die WestLB meldeten erste Verluste. Am 10. Dezember 2007 meldete die UBS einen Abschreibungsbedarf von 10 Milliarden US-Dollar. Politiker und Regulatoren blieben weitgehend stumm.

2. Mythos Die Kontrolle von Banken gehört in die Hände der Politik. Ausserhalb der USA waren die von Politikern beaufsichtigten deutschen Landesbanken die grössten Opfer der Krise. Banker und Risikomanager hatten zwar Mühe, Risiken zu verstehen, und sie verkaufen lieber Produkte, weil das gut ist für den Bonus. Aber viele Politiker schoben Bankern die Schuld in die Schuhe und lenkten oft von ihrer eigenen Untätigkeit und Inkompetenz ab. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück beispielsweise beaufsichtigte die WestLB, die Milliardenabschreiber auf US-Immobilienverbriefungen vornehmen musste. Die gleiche Bank gründete während Steinbrücks Aufsichtszeit Tochtergesellschaften in Steuerparadiesen. Und Steinbrück rettete für 10 Milliarden Euro mit Steuergeldern die nicht systemrelevante Bank IKB.

3. Mythos Derivate waren an allem Schuld. Viele Medien stellten einen Bezug her zwischen Retail-Derivaten und den forderungsbesicherten Wertpapieren, die Lehman oder die UBS in Schwierigkeiten gebracht hatten. Diese beiden Asset-Klassen haben nichts miteinander zu tun: Käufer von Lehman-Zertifikaten verloren ihr Geld, weil diese Produkte, anders als Fonds, rechtlich nicht besonders geschützt sind. Retail-Zertifikate sind mit Ausnahme der sogenannten Hebelprodukte nicht einmal besonders riskante Anlagen. Sie schwanken aufgrund ihrer Konstruktion oft weniger stark als die Aktien, Aktienindizes oder Rohstoffe, die ihnen zugrunde liegen.

Die unter professionellen Investoren verbreiteten Derivate, die Lehman selber in den Büchern hielt, wurden nach der Pleite weitgehend geräuschlos und mit kleinen Verlusten unter den Banken gegenseitig verrechnet.

Lehman scheiterte wie viele andere an den forderungsbesicherten Wertpapieren, die mit den Buchstabenkürzeln ABS, RMBS, CMBS oder CDO versehen werden. Diese gleichen eher einfach gestrickten Spezial-Obligationen. Die grössten Probleme waren die fehlende Liquidität für diese Produkte an den Märkten und die unzureichende Wahrnehmung der Risiken.

4. Mythos Die «Lehman-Oma». Tatsächlich gibt es Ruth K. aus Frankfurt. Sie war allerdings bereits Ur-Oma, als ihr ein Berater der Sparkasse Frankfurt Anfang 2008 Lehman-Zertifikate im Wert von über 102 000 Euro verkaufte. Ins Gerede kam aber Lehman und weniger die vermeintlich seriösen Sparkassen, die in Deutschland einen vergleichsweise guten Ruf hatten. Frau K. wurde übrigens knapp zwei Jahre nach der Pleite entschädigt.

5. Mythos Die Lehman-Pleite riss die Aktienmärkte in die Tiefe. Eines der bemerkenswertesten Phänomene der Pleite war, dass es drei Wochen dauerte, bis der Dow-Jones-Aktienindex so richtig einbrach. Unmittelbar nach der Lehman-Pleite verlor die US-Börse zwar vier Prozent, aber am 26. September lag der Index wieder fast auf dem Stand vom Freitag, 12. September. Der Absturz kam erst nach dem Wochenende vom 4. und 5. Oktober, als weltweit Express-Bankenrettungen organisiert wurden.

6. Mythos Die Lehman-Pleite liess die Weltwirtschaft abstürzen. Auch dieser Mythos lässt sich widerlegen – denn bereits vor der Pleite gab es vielerorts Signale, die auf eine Überhitzung und eine Korrektur der Weltwirtschaft hindeuteten. Die USA fielen Ende 2007 in eine Rezession. Sehr sensibel reagieren beispielsweise die Rohölmärkte auf Veränderungen. Und da brachen die Preise bereits ab Ende Juli 2008 massiv ein.

7. Mythos Die Steuerzahler bluteten am meisten. Nein: «Die Steuerzahler kamen vergleichsweise gut weg», sagt der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Selbst die UBS-Rettung endete mit einem Gewinn. Auch in den USA holte sich der Staat die meisten Rettungsgelder wieder zurück. Selbst in Deutschland reduzierte sich die Summe der Rettungsgelder seit Ende 2012 um 4 auf 18 Milliarden Euro. Am meisten bluteten direkt die Aktionäre von Banken durch Pleiten, Zwangsverstaatlichungen, Kursverluste, Kapitalerhöhungen und entgangene Dividenden. Indirekt litten auch viele Menschen über Verluste ihrer Pensions- und Vorsorgekassen. Und ebenfalls zu den Verlierern zählen die vielen Menschen, die ihre Jobs infolge der Krise verloren.

8. Mythos Lehman ist verschwunden. Nein, Lehman lebt noch: Im März 2012 verliess Lehman formal das Bankrottverfahren. Rund 300 Angestellte bewerkstelligen den Verkauf der Beteiligungen, Immobilien und Anlagen der gescheiterten Bank. Man erwartet, dass die Gläubiger mit 22 Prozent der Nominalwerte entschädigt werden. Zum Vergleich: Die Swissair-Gläubiger können mit 7 bis 18 Prozent rechnen.