Bankendeal

Führen die Amerikaner einen Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz?

Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann.

Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann.

Tobias Straumann sieht im 2,6-Milliarden-Deal, den die Credit Suisse eingegangen ist, auch positive Seiten. Die Schweizer Banken könne man nicht mit der Mafia vergleichen. Warum das so ist, erklärt der bekannte Wirtschaftshistoriker im Interview.

Die CS ist die bisher grösste Bank, die bekennt, kriminell gehandelt zu haben. Wird das eine Signalwirkung haben?
Tobias Straumann: Wahrscheinlich schon. Es ist nun offensichtlich, dass die UBS kein Einzelfall war, und es waren auch nicht bloss ein paar einzelne kriminelle Banker, die amerikanisches Gesetz gebrochen haben. Es war ein System der Schweizer Vermögensverwaltung. Wer das heute noch nicht einsehen will, ist unbelehrbar.

Die Amerikaner sagen de facto, die Schweizer Banker waren eine Art Mafia. Wird das nun zu einem grossen Köpferollen führen?
Nach Schweizer Recht haben diese Banker nichts Illegales getan. Deshalb ist es gar nicht so einfach, die Schuldigen zu finden. Aber etwas darf man nicht vergessen: Der heutige Präsident Urs Rohner war in der entscheidenden Phase Chef des Rechtsdienstes und CEO Brady Dougan war in der Geschäftsleitung. Sie haben es - genau wie die Verantwortlichen der UBS - versäumt, dass die neuen Richtlinien konsequent umgesetzt worden sind. Sie wollten die Vermögensverwaltung rechtzeitig in eine neue Ära führen, aber haben zu wenig entschlossen gehandelt.

Für Banken gibt es eigentlich nur die Todesstrafe oder Freispruch. Die Amerikaner haben nun dieses Problem gelöst, indem sie einerseits sagen: Ihr seid schuldig, aber gleichzeitig auch erklären, ihr dürft weitermachen. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?
Die Banker haben amerikanisches Recht gebrochen, dafür werden sie jetzt bestraft. Aber ob sie in grossem Stil Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet haben, ist sehr schwer zu beweisen. Man musste lange Zeit niemanden dazu auffordern, Schwarzgeld auf Schweizer Banken zu tragen. Das Geld ist einfach gekommen. Erst in den letzten fünfzehn Jahren ist man aggressiv auf Kundensuche gegangen.

Die Amerikaner wollten die CS nicht zum Tode verurteilen. Haben sie die Bank aber mit dem Zwang, einen Schuldspruch zu unterschreiben, tödlich verletzt?
Nein, und ich finde es auch richtig, dass die CS weiter existieren kann. Die Schweizer Banken kann man auch nicht mit der Mafia vergleichen. Diese lebt einzig von den illegalen Geschäften, bei den Banken war nur ein kleiner Teil gesetzeswidrig.

Andere Banken wie Goldman Sachs oder grosse institutionelle Anleger wie Calpers sagen nun, sie würden weiterhin mit der CS zusammenarbeiten. Ist das ernst gemeint, oder sind es Lippenbekenntnisse?
Bei den Amerikanern gilt: Wenn etwas erledigt ist, dann ist es erledigt. Daher glaube ich, dass es ernst gemeint ist. Zudem wäre es geradezu grotesk, wenn sich eine Bank wie Goldman Sachs moralisch auf das hohe Ross setzen würde. Sie hat den viel grösseren volkswirtschaftlichen Schaden in den USA verursacht als die CS oder die UBS.

Wird das Urteil aus Amerika eine neue Welle von Bankenbashing aus anderen Ländern, vor allem aus Deutschland und Frankreich, zur Folge haben?
Kaum. Die wesentlichen Entscheide sind gefallen. Es geht nun hauptsächlich darum, das Ganze auch vernünftig abzuwickeln. Wer heute noch glaubt, man könne die alte Schweizer Vermögensverwaltung in die Zukunft retten, lebt auf einem anderen Planeten.

Was ist mit dem Bankgeheimnis?
Das ist vorbei, endgültig. Viel interessanter und entscheidender wird sein, wie der automatische Informationsaustausch gestaltet werden wird. Offenbar stehen da mehrere Varianten zur Diskussion.

Müssen sich jetzt auch die anderen 13 angeklagten Banken warm anziehen?
Wahrscheinlich schon, es wird teuer werden. Weil die Amerikaner jedoch keine personellen Konsequenzen fordern, ist es gut möglich, dass die Spitzenmanager ihre Posten werden behalten können.

Führen die Amerikaner einen Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz - oder haben die Schweizer Banker ihre gerechte Strafe erhalten?
Die Schweizer Banker haben ein Geschäftsmodell auf Kosten eines anderen Staates unterhalten. Dafür muss man bestraft werden. Stossend ist jedoch, dass sich der Grosse auf Kosten des Kleinen durchgesetzt hat. Doch die Massnahmen der Amerikaner sind hauptsächlich darauf ausgerichtet, zu verhindern, dass die eigenen Staatsbürger Steuern hinterziehen, wo auch immer sie sich befinden.

Was sind die Folgen für den Finanzplatz Schweiz?

Das Bankgeheimnis war ein integraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Sein Ende wird auf die Marge drücken, die Blütezeit ist vorbei. Aber wie bei den Versicherungen sehe ich durchaus eine wichtige internationale Rolle des Bankenplatzes Schweiz.

Ist in der Bankenszene Heulen und Zähneklappern angesagt?
Nein, gerade in der Vermögensverwaltung werden sie ihre Nischen finden. Zudem bin ich aus innenpolitischen Gründen froh über diese Entwicklung. Der Bankenplatz Schweiz war ganz einfach zu gross. Wenn er jetzt ein bisschen zurück gestutzt wird, ist das gar nicht so schlecht. Insgesamt profitiert die Schweiz von diesem Strukturwandel.

Dieser Artikel ist zuerst auf watson.ch erschienen.

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