Vor vier Jahren kaufte Hans-Ueli Regius (59) das Boutique-Hotel Romantica Val Tuoi mit 18 Zimmern in Guarda GR. Daher verbringt er heute den grössten Teil seiner Zeit im «Schellen-Ursli»-Dorf im Unterengadin. Daneben ist er als Berater im Gesundheitswesen tätig. Er führte zuvor zwei Jahrzehnte lang den Winterthurer Krankenversicherer Swica. Geplant war, dass Regius Sohn das Hotel managt. Doch der hat ein florierendes Cateringgeschäft im Unterland aufgebaut. Daher sucht Hans-Ueli Regius einen Käufer für sein Hotel.

Herr Regius, wie viele Gäste trieb die Hitze im Unterland in Ihr Hotel?

Hans-Ueli Regius: Die Zahl der Anfragen stieg seit zehn Tagen klar. Wir sind mehr oder weniger ausgebucht.

Wie viele hielt der starke Franken ab, bei Ihnen zu buchen?

Bis Ende Juni verzeichneten wir einen Einbruch von 30 Prozent. Im März, unserem zweitbesten Wintermonat, belief sich das Minus auf 60 Prozent.

Welche Gästesegmente fehlten?

Bei den Deutschen betrug der Rückgang nur 5 Prozent. Viele verlor das Unterengadin bereits vor Jahren wegen der Frankenstärke. Aber wir hatten 25 Prozent weniger Schweizer. Sie gehen ins Ausland. Viele halten sich für blöd, wenn sie von der Frankenstärke nicht profitieren würden.

Welche Folgen hat das für Sie?

Ausgerechnet die uns jetzt fehlenden Schweizer geben fast 50 Prozent mehr aus als deutsche Gäste. Deshalb legen wir im personalintensiven Restaurantbereich drauf. Ich stellte den Chefkoch erst ab Juni mit einem halben Pensum ein und arbeitete seit Mai mit der Jungköchin.

Im Engadin geht man davon aus, dass die Hotelübernachtungen um rund 10 Prozent einbrechen. Was bedeutet dies für die Region?

Unter der Frankenstärke leiden nicht nur die Exportindustrie und der Tourismus. Darunter leidet das gesamte Gewerbe, angefangen vom Baugewerbe über Sanitär- und Malerbetriebe, bis zum Bäcker, Garagenbetriebe, der Molkerei oder dem Metzger. Dorfläden fehlten bisher die Kunden. Hoteliers stellen Investitionen zurück, lassen meist nur noch die notwendigsten Reparaturen durchführen. Zudem stellen sie weniger Personal ein oder entlassen Angestellte. Wem das passiert, sucht eine Stelle im Unterland. Zurück kommen diese Jungen nicht mehr.

Hilft Ihnen, wenn Schweiz Tourismus versucht, neue Gäste aus Asien, oder Südamerika anzuziehen?

Die einseitige Konzentration der Marketingmittel für den Aufbau neuer Märkte ist risikoreich. Niemand weiss, wie sich diese mittel- und langfristig entwickeln werden. Das ist gut für Vier- und Fünfstern-Hotels. Ich kann verstehen, dass sie auf vermögende Gäste aus neuen Märkten setzen.

Hotels mit 1 bis 3 Sternen profitieren davon nicht?

Unsere bewährten Massenmärkte sind Deutschland, Frankreich, Italien und Osteuropa. Sie müsste man mit zwei Dritteln der Marketinggelder beackern. Diese Gäste sind uns emotional viel näher, bleiben länger und geben hier vor Ort erst noch mehr Geld aus. Viele buchen Ferienwohnungen, was dem Gewerbe Einnahmen bringt. Gerade in Deutschland boomt die Wirtschaft. Doch davon profitiert im Moment vor allem Österreich.

Wie können kantonale Politiker den Tourismus fördern?

Sie müssten in die Standortförderung wie Infrastruktur und Attraktivitätssteigerung investieren. Sie tun das aber nicht.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Gäste reklamieren täglich, dass es nur alle zwei Stunden eine Postautoverbindung nach Guarda gibt. Um 19 Uhr fährt das letzte. Wer bei mir abends essen will, kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr ins Tal. Um einen Stundentakt sowie eine Verlängerung der Betriebszeiten einführen zu können, bräuchte es einen Chauffeur mit einem halben Pensum mehr. Das kostet 32 000 Franken. Doch dafür gibt es wegen des laufenden Sparprogramms kein Geld. Angesichts des Ausbau des öffentlichen Verkehrs im Unterland halten das viele Gäste für einen schlechten Witz.

Wie lässt sich dies ändern?

Der Kanton muss jetzt in die Zukunft investieren. Am meisten gefordert ist die Nationalbank, die heute nur traditionelle Geldpolitik betreibt. Statt einfach Geld zu drucken und Euro-Stützungskäufe zu tätigen, müsste sie Anleihen zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten auflegen. Das entlastet die Kantone entscheidend. Sie hätten für regionale Projekte wie den öffentlichen Verkehr, Bäder sowie Wander- und Bikerwege die erforderlichen Mittel. Alle würden profitieren.

Welche Projekte müsste die Nationalbank über Anleihen finanzieren?

Alle aufwendigen Infrastrukturprojekte wie Tunnels, Bergbahnen oder Energieprojekte. Investitionen in die Realwirtschaft fördern den Standort Schweiz. Die Nachfrage wäre bei privaten und institutionellen Anleger im Ausland und im Inland vorhanden.

Würde der Postautobetrieb nach Guarda ausgebaut, fände sich wohl leichter ein Käufer für Ihr Hotel. Finanzieren Banken Nachfolgeprojekte, zum Beispiel eines jungen Paars?

Banken investieren generell nicht mehr in Zwei- und Dreistern-Hotels in Berggebieten. Dies hat mit den neuen Finanzierungsauflagen der Nationalbank, aber auch mit Renditeüberlegungen zu tun. Solange die Nationalbank und die Politik nicht für konkurrenzfähige Rahmenbedingungen sorgen, sind keine ausreichenden Businesspläne möglich. Ohne Bankkredite könnten Hotels nicht überleben und finden keine Nachfolger. Müssen deswegen Hotels schliessen, schwächt dies die regionale Wirtschaft weiter.