Lädt der Bundesrat im edlen «Bernerhof» zu Tische, sagt selten ein Gast ab. Genau das aber tat der Bauernverband. Er war gestern von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann zum Mercosur-Agrar-Gipfel eingeladen, kanzelte den Anlass aber als «Alibiübung» ab. Dabei gehören die Bauern zu den Hauptbetroffenen: Am Runden Tisch ging es um das geplante Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis Mercosur und um die künftige Agrarpolitik. Die beiden Themen hängen zusammen, wie Schneider-Ammann nach dem Gipfel vor den Medien klarstellte: Ohne Konzessionen bei der Landwirtschaft seien keine Freihandelsabkommen mehr möglich.

Die Wirtschaft ist auf diese Verträge angewiesen. Der Bundesrat ist deshalb bereit, den Grenzschutz für landwirtschaftliche Produkte zu lockern. So hat er es im Herbst in seiner «Gesamtschau» dargelegt – und die Bauerverbandsspitze um den St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter derart verärgert, dass sie den Gipfel im «Bernerhof» boykottierte.

«Es wäre falsch, nicht teilzunehmen»

Das hielt andere bäuerliche Organisationen nicht davon ab, teilzunehmen. Mit dabei war unter anderen Hanspeter Kern, Präsident der Schweizer Milchproduzenten – und Mitglied des Vorstands des Bauernverbands. Er wolle die Milchproduzenten aktiv vertreten; so wie auch Organisationen wie Bio-Suisse, IP-Suisse und Agrarallianz ihre Interessen einbrächten und präsent gewesen seien. «Ich will wissen, welche Risiken und Optionen auf uns zukommen.»

Aus Sicht der Landwirtschaft gibt es laut Kern bei einem Freihandelsabkommen mit Mercosur drei heikle Punkte: Fleisch, Getreide und Früchte. Die Mercosur-Länder stellen unter anderem viel Rind- und Pouletfleisch her – und sie würden dieses gerne zu besseren Bedingungen in die Schweiz exportieren. Die Branchenorganisation der Fleischwirtschaft warnte den Bundesrat gestern, den Grenzschutz stark abzubauen. «Es sollen möglichst wenig Konzessionen gemacht werden», fordert Proviande-Präsident Markus Zemp. Chancen für den Export von Schweizer Fleisch sieht er nicht: «Die Südamerikaner sind stolz auf ihre Fleischproduktion und produzieren Exportüberschüsse.»

Das Mercosur-Abkommen wäre nicht das erste, das am Widerstand der Bauern scheitert. Schneider-Ammann ist sich bewusst, dass die Bauern eine «sehr starke Lobby» haben. Er versuchte daher, deren Befürchtungen zu zerstreuen. Dazu verwies er auf die Verhandlungen zwischen der EU und Mercosur: Wenn man diese Angaben auf die Schweiz übertrage, sehe man, dass es «eher bescheidene Preiskonzessionen» brauche. «Die Gefahr, überrannt zu werden, existiert nicht», sagte er. Das Bundesamt für Landwirtschaft geht davon aus, dass die Produzentenpreise für Rindfleisch um «eine relativ tiefe einstellige Prozentzahl» sinken würden. Proviande überrascht dies positiv: Das schlechtestmögliche Szenario wäre damit abgewendet, sagt Zemp.

Vorteile von einem Abkommen mit Mercosur erhofft sich hingegen die Schweizer Wirtschaft. «Das Potenzial ist sehr gross», sagt Heinz Karrer, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. «Der Wohlstand unseres Landes hängt zu einem ganz grossen Teil von solchen Freihandelsabkommen ab.» Den Boykott des Bauernverbands bezeichnet er als «völlig unschweizerisch».

«So kann man nur Luftschlösser bauen»

Ganz anders sieht dies Bauernpräsident Markus Ritter. Aus seiner Sicht kommt die Diskussion zu früh. «Der Bundesrat hat noch gar keine konkreten Verhandlungsgrundlagen zu Mercosur», sagt er. Dass der Bundesrat Angaben aus den laufenden Verhandlungen zur EU auf die Schweiz ummünze, sei nicht seriös. «Auf dieser Basis kann man nur Luftschlösser bauen.» Den Dialog verweigere er nicht. Der Runde Tisch mit über zwei Dutzend Teilnehmern aus ebenso vielen Organisationen sei aber das falsche Gefäss dafür. Der Bauernverband bat deshalb um ein Gespräch im kleinen Kreis. Bisher vergeblich.

Wirtschaftsminister Schneider-Ammann zeigte sich gestern optimistisch, dass der Dialog wieder in Gang kommen wird: «Der Bauernverband weiss so gut wie wir, dass es nicht möglich ist, unseren Wohlstand mit Abschottungspolitik verteidigen zu wollen.» Und er gab zu bedenken, dass von diesem Wohlstand ja auch die Direktzahlungen für die Bauern abhängen.