Der Champagner war schon kaltgestellt. Doch nun kommt es zum grossen Knall. Grund für die überraschende Auflösung des Engagements von Andrea Orcel kurz vor dem geplanten Stellenantritt ist ein millionenschweres Bonuspaket, für das die spanische Bank Santander hätte aufkommen müssen. Offenbar gab es erhebliche Vorbehalte von gewichtigen Aktionären, für den Transfer des UBS-Bankers rund 50 Millionen Franken auf den Tisch zu legen. Dass es zum Bruch zwischen Orcel und Santander gekommen ist, ist ohne Beispiel in der Welt der Hochfinanz.

Bislang wurden selbst horrende Ablösesummen ohne Murren übernommen. Es ist eine der Folgen der Finanzkrise, dass Bank-Manager, wenn sie den Arbeitgeber wechseln, einen Teil ihrer Bonuszahlungen verlieren. Bankregulatoren wie die Finma in der Schweiz erliessen nach 2008 neue Vergütungsvorschriften, welche die Finanzinstitute dazu verpflichten, die Vergütungsmodelle von Bankkadern an den langfristigen Erfolg des Unternehmens zu koppeln und beispielsweise die Ausschüttung von Bonuszahlungen über mehrere Jahre zu staffeln.

Die Möglichkeit, Boni nicht sofort auszuzahlen, sondern über Jahre aufzuschieben, sollte zudem Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen binden. Wechselt ein Banker zur Konkurrenz, verfallen folglich die Bonuszahlungen. Allerdings hat sich auf dem Finanzplatz schnell die Praxis eingebürgert, dass in aller Regel der neue Arbeitgeber die verlorenen Anteile ersetzt.

UBS zahlte schon 25 Millionen

Als Andrea Orcel im Jahr 2012 zur UBS wechselte, musste bereits die UBS tief in die Tasche greifen und für 25 Millionen Franken entfallene Boni seines früheren Arbeitgebers Bank of America/ Merrill Lynch ersetzen, wo er das Investmentbanking leitete. Damals war die hohe Zahlung kaum ein Thema bei der UBS. Heute würde das der Verwaltungsrat wohl anders sehen, tönt es aus dem Innern der Bank.

Für die UBS ist der geplatzte Wechsel kein Thema: «Dies ist eine Sache zwischen Andrea Orcel und Santander. Wir haben in diesem Fall die relevanten Vergütungsregelungen angewandt und diese auch allen Parteien transparent gemacht, bevor irgendwelche Entscheidungen getroffen worden waren», schreibt die Bank in einem Statement. Mit anderen Worten: Die UBS hat auch Santander mitgeteilt, wie hoch die aufgeschobenen Boni sind und dass diese bei einem Wechsel verfallen.

Nun bleibt die UBS aber weiterhin in der Pflicht, die Boni an Orcel auszuzahlen, mit entsprechender Kostenfolge. Der Manager befindet sich immer noch im sogenannten «Garden Leave». Das heisst, er ist freigestellt, aber weiterhin bei der UBS unter Vertrag. Wenn Orcel nun keinen neuen Arbeitgeber findet, dann kann er darauf pochen, dass ihm die UBS die aufgeschobenen Millionen über die nächsten Jahre vertragsgemäss überweist. Rechtlich scheint die Sache einigermassen klar: Geht Orcel nicht zu einer Konkurrenzbank, sondern entscheidet sich, zu privatisieren, dann dürfte die UBS zahlen müssen. Ein Grenzfall wäre es, wenn Orcel eine eigene Investmentbanking-Boutique eröffnen würde.

UBS-Insider gehen davon aus, dass die Bank wird zahlen müssen. Bei den kolportierten 50 Millionen Franken, die Orcel über die nächsten Jahre erhalten wird, ist das kein Pappenstiel. Allerdings trauen ihm manche Beobachter zu, dass der «hochkarätige Dealmaker» («Financial Times») bei einem anderen Institut eine Chance erhält. Der gebürtige Italiener steht mit 55 Jahren im Zenit seiner Karriere. Er gilt als extrem ehrgeizig und sei voller Tatendrang, sagen Bekannte.

Rückkehr unwahrscheinlich

Bereits wird gemutmasst, dass Orcel nun doch Sergio Ermotti an der Spitze der Bank ablösen könnte. Lange galt er als aussichtsreichster Kandidat für die CEO-Nachfolge bei der grössten Schweizer Bank. Doch unmittelbar erscheint eine Rückkehr zumindest kaum realistisch. Wenn schon, wäre ein Wiedereinstieg in 12 oder 24 Monaten denkbar – allerdings auch das nur mit geringer Realisierungswahrscheinlichkeit.

Nur schwer zu verstehen ist, warum es letztlich zum Bruch zwischen Andrea Orcel und der Banco Santander gekommen ist. Zumal der Deal auf höchster Ebene, also zwischen der Verwaltungsratspräsidentin Ana Botín und Orcel, eingefädelt wurde. Kommt hinzu, dass Ana Botín nicht irgendwer ist. Sie ist die Tochter des langjährigen Bankenchefs Emilio Botín, einer Überfigur in Spanien, den man den «inoffiziellen König» nannte. Seine Tochter, die 2014 das Präsidium übernahm, gilt als eine der einflussreichsten Frauen in der Finanzwelt. Sie führt die Bank inzwischen in der fünften Generation. Es war ihr Ururgrossvater, der Santander 1857 gründete. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist Santander das grösste Unternehmen in Spanien.

Doch die Familie besitzt nur noch einen kleinen Anteil an der Bank. Das Sagen haben inzwischen institutionelle Anleger wie bei vielen anderen Banken auch. Offenbar geriet diesen die hohe Ablösesumme von 50 Millionen Franken in den falschen Hals und sie übten Druck auf Ana Botín und den Verwaltungsrat aus. Orcel, der bei der UBS über 10 Millionen Franken kassierte, hätte freilich auf einen Teil seines Bonus verzichten können. Doch er wollte offenbar keine Abstriche machen.