Mehrmals täglich checkte Uli Hoeness die Kurse, trug einen Börsenpager bei sich. Sogar nachts habe er mit seiner Bank telefoniert, erteilte Anweisungen. Immer wilder habe er gezockt an der Börse. Es sei der pure Kick gewesen. Seine Frau wusste nichts vom Konto bei der Bank Vontobel. Es sind Hoeness' eigene Aussagen vor Gericht oder zuvor in den Medien, die vermuten lassen, dass der FC-Bayern-Präsidenten tradingsüchtig ist.

Börsen- oder Onlinetradingsucht ist unter Psychologen ein bekanntes Phänomen. Das Krankheitsbild entspricht dem der Glückspielsucht. Der Betroffene will in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld verdienen.

«Bei der Onlinetradingsucht geht es vor allem um Daytrading: hohe Summen, bei denen kleine Kursveränderungen hohe Verluste oder Gewinne generieren», sagt Franz Eidenbenz vom Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte. Er ist spezialisiert auf Glückspielsucht. Sowohl der Spielsüchtige im Casino als auch der Tradingsüchtige gehen von der riskanten Fehlannahme aus, dass zukünftige Ereignisse vorhersehbar sind, obwohl sie oft vom Zufall bestimmt sind.

Besonders gefährlich ist das private Onlinetrading, bei dem sich der Zocker weitgehend der Kontrolle durch Dritte entzieht. Mit Smartphones oder Tablets und entsprechenden Online-Banken ist es viel einfacher geworden, schnell viel Geld zu verdienen - oder zu verlieren. «Es gibt Apps zu Börsenkursen; man hat jederzeit Internetzugriff, kann parallel beim Arbeiten zocken und keiner merkt es», sagt Michael Schaub. Er ist Leiter des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung in Zürich.

Schon ein kleines Budget genügt

Fachpsychologe Eidenbenz sagt: «Betroffen sind vor allem Menschen, die im Finanzbereich tätig sind: Banker, Börsen- und Devisenhändler, Unternehmer oder Finanzdienstleister.» Doch am Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte behandle er nicht nur Kadermitarbeiter, die sich mit grösseren Beträgen in den finanziellen Ruin stürzen, sondern auch Personen mit kleinem Budget. Das grosse Problem sehen die Psychologen in der Anonymität der Süchtigen. «Sie führt dazu, dass Tradingsüchtige viel seltener Hilfe suchen», sagt Schaub.

Anders sieht es bei den Casinos aus: Sie sind per Gesetz verpflichtet, ein Suchtpräventionskonzept zu haben und im Extremfall Spielsperren für Glücksspielsüchtige auszusprechen. Kontrolliert werden sie dabei von der Eidgenössischen Spielbankenkommission. Weil die Casinos untereinander vernetzt sind, kann ein Spielsüchtiger nicht einfach in einem anderen Casino weiterzocken. «Das führt dazu, dass sich solche Menschen Hilfe suchen», so Schaub.

Und was tun die Banken, um ihre Mitarbeiter und Kunden zu schützen? Auf Anfrage der «Nordwestschweiz» wollte sich die Bank Vontobel, bei der Hoeness zockte, nicht äussern.

Die UBS konnte die Fragen, die um halb zehn Uhr gemailt wurden, am selben Tag nicht beantworten, die Credit Suisse wollte keine Stellung nehmen. Die Onlinebank Swissquote reagierte bis Redaktionsschluss nicht auf die schriftliche Anfrage.

Einzig Franz Würth, Mediensprecher der Raiffeisenbank, schrieb: «Die Raiffeisen ist nicht auf Kunden ausgerichtet, die ein intensives Trading betreiben. Sollten solche Problemfälle auftreten, würden wir mit den Betroffenen das Gespräch suchen.» Die Raiffeisen-Bank ist allerdings immerhin mit 12,5 Prozent an der Vontobel beteiligt.

Suchtprävention ohne viel Geld

Die Psychologen liefern Ideen für den Umgang mit Tradingsucht: «Wenn Banken auf ihren Websites einen Selbsttest für potenzielle Tradingsüchtige anbieten und auf Anlaufstellen für Suchtprävention hinweisen würden, dann wäre das ein wichtiger Schritt», sagt Schaub.

«Zudem könnten die Banken gefährdete Personen brieflich anschreiben.» Dazu brauche es weder viel Geld noch grossen Aufwand. Eidenbenz findet auch die Frage berechtigt, ob nicht die Finanzmarktaufsicht eine ähnliche Kontrollfunktion beim Börsenplatz einnehmen könnte, wie die Eidgenössische Spielkommission bei Casinos. «Wünschenswert wären auch Studien zur Onlinetradingsucht. Die fehlen bisher in der Schweiz», sagt er. Gemäss «10 vor 10» seien in der Schweiz nach Schätzungen 6000 Personen börsensüchtig.

Hier geht es zum Selbsttest zur Glückspielsucht.