Das bittere Ende zweier Studios

Frauen verlieren zwei Fitnessstudios

Da war die Welt noch in Ordnung: Frauen trainieren im Dietiker Viva Studio.

Fitnessstudio

Da war die Welt noch in Ordnung: Frauen trainieren im Dietiker Viva Studio.

Ein Konkurs, viel verlorenes Geld und unzählige Missverständnisse: Die Geschichte um die Schliessung der beiden Viva-Figurstudios in Dietikon und Spreitenbach ist eine Geschichte ohne Gewinner, dafür mit vielen Verlierern.

Bettina Hamilton-Irvine

Es ist das dritte und wohl letzte Mal, dass sich die Gruppe von Frauen trifft. Zu siebt sind sie an diesem Morgen im Migros-Restaurant in Dietikon zusammengekommen um ihre Cappuccinos zu trinken und ein letztes Mal zu besprechen, «ob es vielleicht nicht doch noch etwas gibt, was man tun könnte.» Sie sind verärgert, das wird schnell klar, aber sie haben schon alles versucht und langsam scheinen sie sich damit abzufinden, dass sie am kürzeren Hebel sitzen. «Je länger desto mehr sehe ich, dass wir einfach keinen Stich haben», sagt Sonja Nehmer.

Die Geschichte ist kompliziert und so sind die Frauen denn auch vorsichtig mit Schuldzuweisungen. Was sie jedoch wissen: Sie fühlen sich ohnmächtig, sie sind enttäuscht. Es geht um das Dietiker Figurstudio Viva, welches Ende November letzten Jahres gleichzeitig mit dem Studio in Spreitenbach geschlossen wurde. Beide Studios gehörten Olivia Walker, die sie im September und Oktober 2008 als Franchise - ein eigenes Unternhemen, bei dem Konzept und Marke übernommen werden - eröffnet hatte. Ein gutes Jahr später ging Walker Konkurs und infolge der Schliessung verloren die Frauen am Tisch, wie viele andere Kundinnen, je rund 1000 Franken. Das Geld werden sie wohl nie mehr sehen. «Wir sind alle total gefrustet. Was passiert ist, ist schlimm», sagt Nehmer stellvertretend für die Frauen - die meisten im mittleren Alter und alle aus Dietikon und der Umgebung.

Nehmer präsentiert ein Sichtmäppli mit fein säuberlich geordnerter Korrespondenz zwischen der Viva Figurstudios AG, Olivia Walker und rund 20 Frauen, die sich für ihr Anliegen einzusetzen versucht haben. Was sie besonders ärgert ist, dass sie alle entweder als bestehende Mitglieder oder Neuabonnentinnen kurz vor der Schliessung der Studios nochmals zum Abschluss eines einjährigen Abos im Wert von 990 Franken animiert worden seien. Die Frauen vermuten, dass schon damals offensichtlich war, dass das Geschäft wohl nicht mehr zu retten sei. Doch zum einjährigen Jubiläum des Dietiker Studios Ende August seien sie noch einmal mit einer Aktion geködert worden, erzählt eine der Frauen: Drei Monate Abo gratis, wenn man gleich wieder für ein Jahr bezahlt habe. Das Geld hätten sie sofort und in bar überreichen müssen, eine Banküberweisung sei nicht akzeptiert worden.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Doris Tschopp, eine der Frauen am Tisch, hatte im Sommer 2008 über eine Freundin von der Viva-Trainingsmethode gehört und war begeistert, als sie herausfand, dass im September an der Dietiker Löwenstrasse ein Studio eröffnet würde. Sie war die erste, die dort einen Vertrag abschloss. Begeistert war sie auch weiterhin, genauso wie die anderen Frauen, welche das Training unter Frauen und auf den Maschinen ohne Gewicht sehr schätzten. Auch im Sommer 2009, als Walker bereits aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen nach einer Nachfolgerin für die Studios suchte, wusste keine der Frauen, wie schlecht es um das Geschäft stand.

Nun, im Nachhinein, sagen sie, sie hätten mehrmals «hellhörig» werden müssen. Zum Beispiel, als Gegenstände wie Trainingsbüchlein nicht mehr zur Verfügung gestanden seien und, wie sie informiert worden seien, im Moment nicht mehr hätten geliefert werden können. Auch dass Dietikon für Fitnessstudios «ein hartes Pflaster» sei, da es bereits drei Studios gäbe, erscheine ihr nun logisch, sagt Nehmer. Schliesslich sei auch das vorherige Fitnessstudio am selben Standort, «Calorie Coach», - ebenfalls ein Franchise-Unternehmen mit verblüffend ähnlichem Konzept - Konkurs gegangen. «Doch im Nachhinein ist man immer schlauer», meint Nehmer.

Die ehemalige Studioinhaberin Olivia Walker beteuert, das Viva Management sei immer über ihre finanzielle Situation informiert gewesen und habe schon Monate vor der Schliessung gewusst, dass sie eine Nachfolgerin für die Studios suche. «Da die Sommermonate umsatzmässig sehr schlecht liefen, besprach ich schon damals mit Viva mögliche Massnahmen», erklärt Walker. Bei einem dieser Gespräche im September sei ihr jedoch mitgeteilt worden, Viva könne sie bei der Suche nach einer Nachfolgerin nicht unterstützen, da «die Prioritäten bei der Expansion des Unternehmens» lägen.
Anders tönt es vonseiten Viva: In einem Brief an die Kundinnen schreibt die Firma, Walker hätte den Betrieb «von heute auf morgen» eingestellt - und hätte «erhebliche Anstrengungen» seitens Viva, eine Nachfolgerin zu finden, durch unkooperatives Verhalten «endgültig verunmöglicht». Wie Daniel Levy, Verwaltungsrat der Viva Figurstudios AG auf Anfrage erklärt, sei alles getan worden, um die Studios offen zu halten: «Zum einen für die Kundinnen und die Vertragspartnerin, zum anderen auch aus einem ureigenen Interesse, da unsere Investitionen erst nach längeren Vertragslaufzeit amortisiert sind.» Schliesslich sei der Firma durch die Schliessung des Studios ebenfalls ein Schaden in sechsstelliger Höhe entstanden.

Nebst dem finanziellen Verlust haben die Dietiker Frauen andererseits noch eine andere Sorge: «Uns wäre es am liebsten gewesen, wir hätten weiter trainieren können, denn uns gefält das Prinzip des Trainings», schreiben sie in einem Brief an das Viva Management. Doch auch in diesem Punkt scheint es gleich mehrere Missverständnisse zwischen den involvierten Parteien gegeben haben: Olivia Walker schrieb in einem Brief an die Kundinnen, diese hätten die Möglichkeit, ihr Abo in einem anderen Studio weiterzuführen - was jedoch so nicht stimmt, da die Studios alle von Franchisennehmerinnen geführt werden. Sie sei der Annahme gewesen, dies sei möglich und sie hätte von Viva keinen gegenteiligen Bericht erhalten, erklärt Walker diese Diskrepanz.

Levy jedoch betont, das Viva Managment könne den einzelnen Studios nicht vorschreiben, sie müssten die Kundinnen übernehmen. «Unsere Empfehlung, die wohl von Seiten der Studios, nicht aber von allen Kundinnen akzeptiert wurde, lautete wie folgt», sagt der Verwaltungsrat: «Die ehemalige Kundin aus Dietikon kann ihre Restlaufzeit abtrainieren, wenn sie gleichzeitig am neuen Ort ein Abo abschliesst.» Sonja Nehmer reagiert erstaunt auf diese Aussage: «Eine solche Offerte wurde uns nie gemacht», sagt sie.

So scheint es ganz, dass es sich um eine Geschichte ohne Gewinner, dafür mit vielen Verlierern handelt. Dies scheint auch den Dietiker Frauen bewusst zu sein, die unterdessen ihre Cappucinos ausgetrunken haben und sich auf den Heimweg machen. Ob sie wieder einmal in einem Viva Studio trainieren werden, wissen sie noch nicht. Doch zuerst verabreden sie sich mal zum Walking. «Das kostet nichts und tut gut», lacht eine.

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