Für den Basler Pflanzenschutzmittel-Riesen Syngenta war es eine gute Woche. Indien und Guatemala blockierten die Aufnahme seines hochgiftigen, in Europa längst verbotenen Unkrautvertilgers Paraquat in die Ächtungsliste der Rotterdam-Konvention.

Nun bereitet sich Syngenta auf den nächsten Abwehrkampf vor. In den USA droht ihrem Herbizid Atrazin ein Verbot, nachdem eine von der staatlichen Umweltbehörde eingesetzte unabhängige Wissenschaftergruppe Hinweise gefunden hatte, dass Atrazin mehrere Krebsarten verursacht («Schweiz am Sonntag» vom 5. Mai). Die Behörde selbst hatte bisher keinen Zusammenhang zwischen Atrazin und Krebs gesehen.

Wer also hat recht? Diese Frage sei entschieden, jubelte Syngenta im Februar in einer Medienmitteilung. Eine neue wissenschaftliche Studie habe die beiden Positionen gegeneinander abgewogen und sei zum Schluss gekommen, dass Atrazin kein Krebsrisiko berge. Syngenta verliert allerdings kein Wort darüber, wer hinter der Studie steckt: Syngenta selbst. Ihr Projekt sei vollumfänglich von Syngenta finanziert worden, bedanken sich die Autoren Jack Mandel, Hans-Olov Adami, Colin Berry und Paolo Boffetta am Schluss der Studie artig.

Die Recherchen zeigen: Die vier Autoren sind seit Jahren eng mit dem Konzern verflochten. So verfassten Mandel und Adami im Jahr 2002 im Auftrag von Syngenta eine Studie, gemäss der es keine Beweise gibt, dass Atrazin bei Mitarbeitern einer Syngenta-Fabrik Prostatakrebs verursacht. Etliche unabhängige Wissenschafter hatten es anders gesehen. 2003 traten Mandel und Adami an einem Panel der US-Umweltbehörde zum gleichen Thema auf, laut Protokoll «im Auftrag» von Syngenta.

2011 schrieben die beiden im Auftrag von Syngenta eine Studie, in dem sie den Zusammenhang von Pestiziden und Parkinson herunterspielten. Sie widersprachen damit unabhängigen Forschern. Zusammen mit Syngenta-Angestellten veröffentlichten Adami und Berry im gleichen Jahr eine weitere Studie.

Damit nicht genug. Adami & Co. gehören industriellen und wissenschaftlichen Vereinigungen an, die von Syngenta mitfinanziert werden. Adami ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Verbands der europäischen Chemieindustrie. Berry ist Mitglied der industrienahen britischen Scientific Alliance, die sich für gentechnisch veränderte Nahrungsmittel einsetzt und den Klimawandel leugnet. Er arbeitet auch im Science Media Centre mit, das von Syngenta mitfinanziert wird. 2008 trat er am «World Food Day» von Syngenta auf. Dort geisselte er kritische Organisationen, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln behinderten. Vor den Verbänden der britischen und der europäischen Chemieindustrie trat er mehrfach als Redner auf.

Wenig unabhängig ist auch Jack Mandel. Er ist Angestellter von Exponent, einer kalifornischen Beratungsfirma, die für die Pharma- und Biotechindustrie Auftragsstudien zur «Product Defense» (Produktverteidigung) erstellt. Noch heikler sind die Verbindungen von Paolo Boffetta, einem ehemaligen Assistenzprofessor in Adamis Institut. Zusammen mit Syngenta- und anderen Industrievertretern organisierte er im Jahr 2009 einen Workshop des European Centre for Ecotoxicology and Toxicology of Chemicals. Dieses erstellt für die Chemie- und Pharmaindustrie wissenschaftliche Studien. Syngenta gehört zu den Finanzgebern.

Zum Zeitpunkt des Workshops arbeitete Boffetta für die Internationale Agentur für Krebsforschung, einem Institut der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zwischen 1995 und 2003 war er Chef jener Abteilung, die den Zusammenhang zwischen Umwelteinflüssen und Krebserkrankungen erforschte. Er hatte somit Einfluss auf die Entscheidungen der WHO. 1999 stufte Boffettas Agentur Atrazin von «möglicherweise krebserregend» auf «nicht als krebserregend einstufbar» herunter. Prompt gelangte die WHO zur Einschätzung, dass kein Zusammenhang zwischen Atrazin und Krebs nachweisbar ist.

Einen Interessenkonflikt ihrer Autoren bestreitet Syngenta trotz dieser mannigfaltigen Verbindungen. «Dass sich Unternehmen auch in der Finanzierung von gesellschaftlich relevanten Risikoabklärungen engagieren, ist kein Grund, eine unbotmässige Beeinflussung zu vermuten», sagt Sprecher Daniel Braxton. Die Unabhängigkeit der Verfasser sei «unbestritten», ihre Studien würden «höchsten wissenschaftlichen Standards» entsprechen.

Zweifel an ihren Methoden sind jedoch angebracht. Ein Blick in die von Syngenta als Beweismittel für die Unbedenklichkeit von Atrazin gelobte Studie zeigt: Die vier von Syngenta finanzierten Forscher stützen sich zu einem guten Teil auf ebenfalls von Syngenta finanzierte Studien. Auf Seite 1 beispielsweise legen sie als «Beweise» zwei Studien einer Syngenta-Mitarbeiterin vor – die eine wurde von Syngenta finanziert, die andere von der Vorgängerfirma Novartis Crop Protection.