Novartis hat am Dienstag mit der Ankündigung des grossen Stellenabbauprogrammes die ganze Schweiz aufgeschreckt. Nicht zufällig hatte das Unternehmen vorgängig auch (Noch-)Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann informiert. Der Verlust von 2150 Stellen ist nicht nur absolut gesehen ein trauriger Rekord.

Für die Schweiz ist der Kahlschlag bitter, weil die Pharmaindustrie eine überragende volkswirtschaftliche Bedeutung für das Land besitzt. Mit gegen 30 Milliarden Franken oder rund 4,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes hat die Bruttowertschöpfung der Pharmaindustrie inzwischen etwa jene der Banken erreicht – allerdings mit 60 Prozent weniger Beschäftigten.

Die durchschnittliche Bruttowertschöpfung eines Pharmamitarbeiters in der Schweiz beträgt fast 650 000 Franken pro Jahr – weit mehr als in jedem anderen Industriezweig. In dieser Pro-Kopf-Betrachtung ist der Pharmasektor der mit Abstand grösste Wohlstandsbringer der Schweiz.

Die Auswirkungen des Abbaus

Grund genug also, den jüngsten Zug von Novartis noch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Unweit des Rheins, in der Fricktaler Gemeinde Stein, betreibt Novartis das grösste Produktionswerk mit aktuell 1670 Mitarbeitern. Dessen Bestand soll nach den vorliegenden Plänen um 700 Mitarbeiter oder rund 40 Prozent verringert werden. Stein ist aber die wahrscheinlich grösste Exportmaschine der Schweiz. Novartis verantwortet nach eigenen Angaben 13,6 Prozent aller Warenausfuhren aus der Schweiz. Der grösste Teil davon entfällt auf das Werk in Stein.

Was geschieht nun mit dem Schweizer Aussenhandel, wenn diese Maschine teilweise stillgelegt wird? Zu erwarten wäre ein signifikanter Rückgang der Exporte. Doch Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich winkt ab. «In den Exportzahlen erwarte ich keine grosse Veränderung, dafür aber bei den Importzahlen», sagt er.

Die überraschende Prognose des erfahrenen Forschers hat ihren Grund im Geschäftsmodell der Pharmabranche. Die Industrie importiere viele eigene Produkte von Tochterunternehmen im Ausland zu tiefen Preisen, um sie in der Schweiz zu konfektionieren und zu deutlich höheren Preisen in die Endmärkte im Ausland zu exportieren, erklärt Abrahamsen. Das Motiv für diesen Umwegverkehr ist klar: Die Gewinnsteuern liegen in der Schweiz deutlich unter dem Niveau der meisten anderen Länder. Die Industrie spart also viel Geld.

Änderung der Praxis möglich

Bis dahin werden aber noch einige Jahre ins Land ziehen. In dieser Zeit würden die zunehmenden Importe bei gleichzeitig unveränderten Exporten dazu führen, dass der notorisch hohe Handelsbilanzüberschuss der Schweiz kleiner werde, erklärt Abrahamsen. Ungeachtet davon bleibt der grosse Personalabbau aber ein Stich ins Herz der Schweizer Wirtschaft. Umso mehr, als dieser in seiner volkswirtschaftlichen Wirkung sogar noch weit über die 2150 Stellen hinausgehen können.

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“ (25. September 2018)

Novartis will in der Schweiz rund 2150 Stellen innerhalb von vier Jahren abbauen. Dieser Schritt sei Teil eines Programms, um Novartis effizienter und agiler zu machen, sagt Novartis-CEO Vasant Narasimhan im Interview.

Interpharma differenziert

Der Branchenverband Interpharma rechnet in seiner im November veröffentlichten Studie über die Bedeutung der Pharmaindustrie in der Schweiz vor, dass jede in der Pharmabranche geschaffene Vollzeitstelle 4,2 zusätzliche Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftszweigen erzeugt. Nach Adam Riese würde der Stellenabbau bei Novartis somit insgesamt rund 9000 Arbeitsplätze in der Schweiz kosten. Kommt hinzu, dass der Durchschnittslohn in der Pharmabranche mit 139 000 Franken pro Jahr fast 50 Prozent über dem Niveau der anderen Branchen liegt.

Allerdings wird Novartis auf den Umstand verweisen wollen, dass sich die Löhne der geopferten Produktionsjobs in der Schweiz und in Grossbritannien eher unter dem Durchschnittsniveau bewegen und dass die erwähnte Multiplikatorlogik in der Generierung von Arbeitsplätzen in anderen Branchen bei Produktionsjobs weniger ausgeprägt zum Tragen komme als die Interpharma-Studie suggeriert. Freilich pflegt Interpharma auf solchen, durchaus berechtigten, Differenzierungen nicht zu bestehen, wenn es darum geht die Pharmabranche zum Zweck des politischen Lobbyings noch grösser zu rechnen, als sie es ohnehin schon ist.