Der Abbau von Stellen und Produktionskapazitäten in der Schweiz geht unter dem deutschen Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider zügig voran. Gestern kündigte der Nahrungsmittelriese eine «Neuausrichtung» des Produktionsstandortes Basel an. Gemeint ist die alteingesessene Thomy-Fabrik im Kleinbasel, die seit 1971 mehrheitlich und seit 1989 vollständig dem Viviser Multi gehört. Die Fabrik soll buchstäblich zerlegt werden. Die Herstellung von Salatsaucen und Dips wandert nach den Plänen von Nestlé nach Serbien, Polen und in die Ukraine ab. Der traditionsreiche Zichorienkaffee der Marke «Incarom» soll künftig aus Portugal kommen, und für den Brotaufstrich der Nation, die Schweinsleber-Paste «Le Parfait» aus der roten Tube, sucht man einen Käufer, wie auch für die andere Zichorienkaffee-Marke «Franck-Aroma».

Dem Kahlschlag fallen 100 Stellen zum Opfer. In Basel verbleibt ein KMU mit weniger als 80 Mitarbeitern, das sich ganz auf die Herstellung von Senf und Mayonnaise konzentrieren soll. Nestlé verspricht auch Investitionen von 15 Millionen Franken in den Standort und will diesen als «Kompetenzzentrum» für Senf und Mayonnaise «zukunftsfähig» machen.

«Überrissene Profitforderungen»

Die Gewerkschaft Unia, die laut Gesamtarbeitsvertrag die Arbeitnehmerinteressen vertritt, hat bereits heftige Gegenwehr angekündigt. Die Entlassungen liessen sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen, da es sich um rentable Produktionslinien handle. Der Plan der Geschäftsführung entspringe vielmehr den «überrissenen Profitforderungen» von gewissen Aktionären. Erwähnt wird der Fonds des amerikanischen Grossinvestors Daniel Loeb, der im Sommer 2017 kurz nach Schneiders Antritt als CEO lautstark Massnahmen zur Steigerung der Aktionärsrendite gefordert hatte. Am Freitag werde mit der Belegschaft das weitere Vorgehen besprochen, sagte eine Unia-Verantwortliche auf Anfrage. Man wolle auf jeden Fall einen Stellenabbau verhindern.

Nestlé scheint indessen fest entschlossen zu sein, die Geschäfte in der Schweiz zu straffen. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Mitarbeiterbestand hierzulande um 400 auf 9700 Angestellte geschrumpft. Im August 2017 kündigte Nestlé die Verlagerung der Produktion der Sonnencrème «Daylong» von Egerkingen im Kanton Solothurn nach Kanada und Frankreich an. 190 Stellen sind dadurch verloren gegangen. Auch bei Nespresso wird die internationale Arbeitsteilung verfeinert. Das Laden-Design kommt aus Italien, den Internethandel besorgen die Spanier, und das Beschaffungswesen verantworten die Portugiesen. In Lausanne gibt es deshalb 80 Jobs weniger. Auch die Informatik ist von Schneiders Reorganisationswut nicht verschont geblieben. 500 Arbeitsplätze wandern von der Schweiz nach Spanien.

«Die Schweiz ist Nestlés Heimat»

Eine Nestlé-Sprecherin wiegelt ab: «Die Schweiz ist die Heimat von Nestlé, und wir sind hier nach wie vor stark verwurzelt.» 11 Fabriken und 4 Forschungsstandorte zählt das Inventar. 300 Millionen Franken flössen jährlich als Investitionen in die Produktions- und Vertriebsinfrastruktur in die Schweiz. «Gerade mit den Plänen in Basel unterstreichen wir unser Engagement für den Standort Schweiz», sagt die Sprecherin. «Es geht darum, Nestlé sicher in die Zukunft zu führen, um in der Schweiz stark verwurzelt zu bleiben.» Tatsächlich hat Nestlé in den vergangenen 15 Jahren auch viele Arbeitsplätze in der Schweiz geschaffen. 2003 betrug der Mitarbeiterbestand nach Angaben der Sprecherin 6700 Personen.

Klar ist dennoch, dass Schneider bei Nestlé eine neue Ära eingeleitet hat. Als der Konzern 1971 die Thomy-Fabrik in Basel kaufte, stand er in der Hochblüte der Expansion. Es war die Zeit, als er sich zum weltgrössten Lebensmittelkonzern emporschwang und diese Stellung durch den Zukauf immer neuer Marken laufend stärkte. Doch diese Expansionsphase ist bereits vor über 10 Jahren zu Ende gegangen. Ein äusserlich sichtbares Zeichen dafür war der erste Aktienrückkauf in der Geschichte im Jahr 2005. Seither hat Nestlé Aktien im Wert von über 50 Milliarden Franken zurückgekauft. Die grösste Transaktion kündigte Schneider unmittelbar nach der aggressiven Intervention des Aktionärs Daniel Loeb an. Dass Nestlé in der ganzen Welt die Strukturen verschlankt und Personal freisetzt, ist für die Belegschaft in Basel ein schwacher Trost.