Zwei Massenentlassungen, total ein Abbau von rund 2400 Mitarbeitern – das war bislang die Geschichte von General Electric in der Schweiz, seit der Industriekonzern im November 2015 von der französischen Alstom die Energieaktivitäten übernahm. Nun kamen neben der Absetzung von CEO John Flannery neue Wendungen hinzu, teilweise kuriose.

General Electric gab bekannt, ungefähr 23 Milliarden Dollar in seiner Energiesparte abschreiben zu wollen. Das allermeiste davon betrifft die von Alstom übernommenen Energieaktivitäten, für die GE damals 10 Milliarden bezahlte. Die Finanzwelt fragte sich verwundert, wie das geht: Eine Abschreibung vornehmen, die grösser ist als der Kaufpreis?

Auf den Spuren dieses Kuriosums fand die britische «Financial Times» im GE-Jahresbericht von 2016 eine aufschlussreiche Notiz. Demnach hatten nach dem Alstom-Deal zunächst GE-Experten ein Jahr lang alles durchsucht. Erst dann war klar, was sie gekauft hatten: ein Finanzloch von 7 Milliarden Dollar. Unter anderem, weil Alstom unerfüllte Verpflichtungen gegenüber Kunden hatte.

Rückblickend heisst das: Im Herbst 2015 war man in der Schweiz, wo Alstom damals 6500 Mitarbeiter beschäftigte, zwar noch hoffnungsvoll. Bundesrat Johann Schneider-Ammann zeigte sich zuversichtlich, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Aber damals war Alstom schon ein Sanierungsfall.

2016 hatte die GE-Führung ein Problem: Sie hatte 10 Milliarden gezahlt für etwas, was minus 7 Milliarden wert hatte. Wie nun diesen Missgriff bilanzieren? Die Lösung war, einen Goodwill von rund 17 Milliarden zu buchen – und mit «GE-spezifischen Synergien» zu rechtfertigen. Ein altgedienter Analyst sagte dazu: «Das ist der ungewöhnlichste Deal, den ich je gesehen habe.»

Mit einem Goodwill werden immaterielle Werte berücksichtigt, die bei einem Firmenkauf mitübernommen werden. Etwa die Marke oder die Reputation. Somit kommt der Goodwill meist der Prämie gleich, die auf den Buchwert bezahlt wird. Im Falle der Alstom-Übernahme wären das tatsächlich 17 Milliarden. Doch normalerweise liegt der Goodwill deutlich unter dem Kaufpreis – nicht weit darüber wie bei GE.

Diesen Goodwill hatte General Electric wiederholt überprüft und im Grossen und Ganzen so belassen, zuletzt im zweiten Quartal 2018. Drei Monate später kam der Konzern zum Schluss, der Goodwill von noch 23 Milliarden sei nun nichts mehr wert. Damit wird auch das GE-Energiegeschäft in der Schweiz neu in den Büchern mit einem negativen Netto-Buchwert geführt. 2800 Angestellte arbeiten hierzulande, doch in den GE-Büchern ist das ein Nonvaleur.

Der 23-Milliarden-Abschreiber spielt eine Rolle in der letzten Wendung. Mit Larry Culp kommt erstmals in der 126-jährigen Geschichte von General Electric ein Aussenstehender auf den Chefsessel. Damit er sich auch auf diesen aktuell wackligen Platz setzt, wurde ihm ein Millionen-Paket geboten. Das wurde bekannt, weil es der Konzern der US-Börsenaufsicht melden musste.

Im besten Fall wird Culp in vier Jahren rund 300 Millionen Dollar reicher sein. Das Paket setzt sich so zusammen: Er wird jährlich fix 2,5 Millionen erhalten. Dazu kommt pro Jahr ein Bonus von 3,75 Millionen sowie ein Aktienpaket, das mit rund 15 Millionen bewertet ist. Das macht 21 Millionen, die Culp vier Jahre lang zugeschrieben werden. Total also 84 Millionen.

Die finale Pointe

An das grosse Geld gelangt Culp, sofern die Aktie einen bestimmten Preis erreicht. Die Bewertung müsste um 50 Prozent zunehmen und dieses Niveau dann im Mittel dreissig Handelstage halten, irgendwann von heute bis 2022. Als Ausgangspreis nimmt GE die durchschnittliche Bewertung in den dreissig Tagen vor dem Amtsantritt von Larry Culp am 1. Oktober 2018, wie GE dem «Wall Street Journal» bestätigte. Wird diese Bewertungs-Schwelle erreicht, tritt das Extrabonus-Paket in Kraft. Culps 2,5 Millionen Aktien wären je 18.60 Dollar wert, total also 46,5 Millionen. Stiege der GE-Titel noch höher und schaffte eine Aufwertung von 150 Prozent, würde das Extrabonus-Paket grösser. Culp erhielte 7,5 Millionen Aktien, die je 31 Dollar wert hätten – also 232,5 Millionen Dollar. Zusammen mit den 84 Millionen an Fixsalär und Boni käme er auf rund 300 Millionen.

Die 23 Milliarden an Goodwill werden zum Amtsantritt von Culp abgeschrieben sein. Damit muss er nicht fürchten, dass künftige Abschreiber den Gewinn drücken und damit die Bewertung der Aktie. Gelingt im Energiegeschäft eine Wende, spielt ihm die Bewertung von netto null nochmals in die Hände. Er kann Aufwertungsgewinne verbuchen, die wiederum die Aktie nach oben drücken könnten.