Interview

Finanzmanagerin warnt: «Die Gefahr einer Blase an der Börse nimmt zu»

Sie gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Schweizer Finanzbranche: Antoinette Hunziker-Ebneter. Nun warnt sie vor den hohen Risiken an der Börse. Gegenüber digitalen Währungen ist sie skeptisch.

Antoinette Hunziker, reden wir doch zuerst einmal über die Finanzmärkte. Die Entwicklung der Finanzmärkte 2017 ist äusserst positiv. Kann das so weitergehen?

Antoinette Hunziker: Die Aktienmärkte weisen tatsächlich zweistellige Zuwachsraten auf, beispielsweise der SPI mit über 16 Prozent. Die Bewertungen der Aktien sind dadurch hoch, aber nicht exzessiv.

Das tönt also eher optimistisch.

Ja, die positiven Makrozahlen und überdurchschnittlichen Unternehmenszahlen untermauern die Entwicklung an den Aktienmärkten. Auf der anderen Seite treibt die expansive Geldpolitik der Notenbanken die Aktienmärkte zusätzlich in die Höhe. Schaut man die Zinsen an, sind sie zwar übers Jahr etwas angestiegen, sie sind jedoch weiterhin auf sehr tiefem Niveau.

Das heisst, die Nationalbanken sind gezwungen, die Zinsen tief zu halten?

Eine Normalisierung der Zinsen verlangt zuerst die Aufhebung der Negativzinsen durch die Nationalbank. Dazu braucht es auch Inflation auf den Gütermärkten. Diese Teuerung sehen wir aber noch nicht. In Europa werden die Zinsen künstlich tief gehalten, damit die Zinslast der hohen Verschuldungen in den Südstaaten (Italien, Spanien, Portugal) überhaupt getilgt werden kann. Ohne die expansive Geldpolitik der Notenbanken wären die Zinsen dieser Problemstaaten deutlich höher. Jedoch nimmt die Verschuldung nicht nur in Europa, sondern auch weltweit zu.

In der Schweiz werden die Zinsen tief gehalten, um einen hohen Schweizer Franken zu vermeiden. Gehören Sie auch zu den Kritikerinnen der Tiefzinspolitik?

Nicht nur. Die tiefen Zinsen haben beispielsweise aber auch Auswirkungen auf das Vorsorgesystem und dessen Entwicklung. Die expansive Geldpolitik schafft zudem Anreize, günstig Kredit aufzunehmen und sich zu verschulden, da man ja praktisch keine Zinsen mehr zahlen muss.

Sehen Sie die Gefahr einer Blase auf den Finanzmärkten?

Durch das tiefe Zinsumfeld und die Suche nach Renditen sind Investoren immer mehr Risiken eingegangen. Dies erinnert zum Teil an die Entwicklung vor der Finanzkrise, welche nicht unterschätzt werden darf. Aus meiner Sicht sehen wir insbesondere bei den Technologieaktien in den USA die Gefahr einer Blasenbildung.

Der Anleger ist gefangen: Einerseits muss er immer höhere Risiken eingehen, anderseits steigt die Gefahr einer Korrektur?

Ja, diese Gefahr nimmt eher zu.

Wie kann man sich als Anleger vor einem Crash schützen?

Eine breite Diversifikation, hohe Handelbarkeit, Transparenz und Liquidität der Anlagen sowie ein konsequentes Risikomanagement bei den Investitionen, gekoppelt mit einem nachhaltigen Ansatz, sind der Schlüssel, um in diesen anspruchsvollen Märkten zu bestehen.

Sie haben mit der Gründung Ihres Unternehmens vor über 11 Jahren auf nachhaltige Investitionen gesetzt, inzwischen sind grössere Unternehmen wie Swiss Re gefolgt.

Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass nachhaltiges Investieren zunehmend «mainstream» wird. Es gibt kaum eine Bank, die nicht auch etwas in diesem Bereich anbietet. Allerdings geschieht dies oft erst auf Nachfrage von Kundinnen und Kunden und nicht aktiv durch die Kundenberatenden. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen, der Fachverband für nachhaltige Geldanlagen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz, publiziert jedes Jahr einen Marktbericht. Dieser weist per Ende 2016 für die Schweiz ein Volumen der nachhaltigen Geldanlagen von 266,3 Milliarden Franken aus. Das sind 39 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der weltweite Anteil an Social, Responsible and Impact (SRI) Investments beträgt laut Global Sustainable Investment Review rund 26 Prozent. In absoluten Volumen ausgedrückt, sind das immerhin rund 22,9 Billionen US-Dollar. Man muss diese Zahlen allerdings mit Vorsicht geniessen, da es eine einheitliche Definition der nachhaltigen Anlagen nicht gibt. Oft gilt schon die Berücksichtigung eines einzigen Ausschlusskriteriums – zum Beispiel kontroverse Waffen – als SRI.

Bei aller Euphorie, so richtig bewirkt haben die Investitionen noch nichts. Viele Firmen liefern zwar brav ihre Nachhaltigkeitsberichte ab, doch die Temperatur auf dem Kontinent steigt weiter an.

Wir schauen uns wirklich jede Firma für sich an und entscheiden dann, ob wir in dieses Unternehmen investieren. Zudem treten wir systematisch in einen Dialog mit den Firmen und haben dadurch auch eine bewusstseinsbildende Wirkung. Aus Sicht der Investoren ist es so, dass die zunehmende Belastung der Umwelt mit Kohlenstoffdioxid ein Risiko darstellt. Wenn eine Firma in diesem Bereich noch exponiert ist, läuft sie Gefahr, Fehlinvestitionen zu tätigen. Namhafte grosse Institutionen haben sich nicht zuletzt aus Risikoüberlegungen zum Rückzug aus diesen Firmen entschlossen. So etwa der Rockefeller Brother Fund, der Norwegische Staatsfonds oder der Fonds des Weltkirchenrats.

Vor elf Jahren haben Sie sich in die Selbstständigkeit gewagt und sind in den Bereich des nachhaltigen Investierens eingestiegen. Würden Sie es wieder wagen?

Ja, obwohl der Zeitpunkt für unseren Start nicht ideal war, da wir just am Anfang der Finanzkrise angefangen haben. Inzwischen sind wir mit der Entwicklung zufrieden, immer mehr Kundinnen und Kunden wollen in der Schweiz das Geld nachhaltig anlegen. Was wichtig ist: Wir bezahlen nicht die exorbitanten Löhne, die sonst in der Bankbranche üblich sind, sondern versuchen auch hier masszuhalten.

Seit 2015 sind Sie Verwaltungsratspräsidentin der Berner Kantonalbank BEKB. Auch hier versucht man, nachhaltiges Investieren zu fördern. Entsteht für Sie kein Interessenkonflikt mit Forma Futura?

Nein. Forma Futura und die Berner Kantonalbank haben zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle und arbeiten voneinander unabhängig. Aber die Nachhaltigkeit ist auch ein zentraler Wert und fundamentales Grundanliegen der BEKB . Wir haben ein massvolles Lohnsystem und investieren als Ausbildungsbank in unseren Nachwuchs und in die nächste Generation. Die BEKB will im Privat- und Firmenkundengeschäft auch in Zukunft die führende Bank in ihrem Marktgebiet sein. Parallel dazu bau- en wir die Vermögensverwaltung und das Angebot als nachhaltige Anlage- und Vorsorgebank aus. Das heisst, ich kann auch hier meine Erfahrungen einbringen, ohne direkt finanziell zu profitieren.

Der Finanzplatz Schweiz steht unter massiven Druck, die Digitalisierung ist ein Thema, die Suche nach höheren Margen ein anderes. Wie nehmen Sie den Druck wahr?

Ich sehe es weniger dramatisch. Die Bankbranche verändert sich stetig. Konsolidierungen sind ein ganz normaler Prozess im sich verändernden Umfeld, diese passieren wohl in erster Linie bei kleineren Privat- und Regionalbanken.

Was heisst das für die Kantonalbanken?

Ich bin davon überzeugt, dass man bald wieder vermehrt über eine engere Zusammenarbeit sprechen wird.

Der Begriff «Fintech» ist derzeit in aller Munde. Viele Banken steigen in diesen Bereich ein oder kaufen sich junge Start-up-Unternehmen in diesem Bereich. Wie sehen Sie die Lage?

Nach einer ersten Euphorie folgte die Ernüchterung. Es gab zwar Super-Ideen, doch die Umsetzung war nicht immer einfach. Viele Initiativen verursachten bei den Finanzinstituten nur hohe Kosten und führten zu wenig Ertrag. Immerhin konnte man sicher viel voneinander lernen. Ich bin jedoch überzeugt, dass Fintech die Art und Weise, wie Banken und Vermögensverwalter ihr Geschäft betreiben, auch in Zukunft stark prägt.

Hoch umstritten sind Kryptowährungen wie Bitcoin. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Ich verstehe, dass die Blockchain-Technologie, die hinter den neuartigen Währungen steht, einen Nutzen im Sicherheits- und Dokumentenmanagement haben kann. Dass ein Algorithmus mit dezentraler Rechenleistung ein Recht auf das Schürfen von Geld haben soll, wünsche ich mir aber nicht. Das Geldmonopol sollen die Staaten respektive die Zentralbanken haben. Der Gegenwert ist die Leistung und das Vertrauen in eine Volkswirtschaft. Dass ein Bitcoin über Nacht plötzlich Tausende von Dollars mehr Wert sein soll, wirkt nicht vertrauensfördernd. Interessant sind allerdings die Überlegungen einzelner Zentralbanken, beispielsweise in England oder Schweden, die darüber nachdenken, durch sie kontrollierte Kryptowährungen herauszugeben. Finanzdienstleister müssen bereit sein, den Zahlungsverkehr ihrer Kundinnen und Kunden auch in Bitcoins oder anderen Kryptowährungen abwickeln zu können.

Sehen Sie auch Gefahren, die von diesen Kryptowährungen wie Bitcoin ausgehen könnten?

Trotz der Transparenz, auf der die Blockchain-Technologie beruht, kann im Kryptowährungs-Universum eine Art Pseudoanonymität entstehen, welche mit entsprechendem Wissen ausgebaut werden kann. Beispielsweise in Bezug auf Geldwäscherei werden hier neue Anforderungen an die Prävention respektive die Ermittlungen gestellt. Auch aus Nachhaltigkeitssicht muss die Blockchain-Technologie im Auge behalten werden. Der jährliche Energieverbrauch aller Bitcoin-Aktivitäten – ohne andere Kryptowährungen – wird mit rund 31,6 Terawattstunden (TWh) geschätzt. Das liegt zwischen demjenigen von Marokko (30,7 TWh) und Serbien (32,2 TWh). In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, ob das Schürfen mit erneuerbarem Strom durchgeführt wird oder nicht.

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