Der Fleischkonzern Bell schluckt die traditionsreiche Firma Hügli aus Steinach SG, die vor allem für ihre Gewürze, Fertigsaucen und Suppen bekannt ist. Damit will Bell seine Stellung im europäischen Convenience-Markt ausbauen. 

Dies gab die Firma am Montag bekannt. Hügli ist damit bereit für die zweite Übernahme von Bell im Geschäft mit Fertigprodukten innerhalb der letzten zwei Jahre. So kaufte Bell 2016 die Eisberg-Gruppe, welche vor allem Fertigsalate produziert.

Zudem übernahm Bell den Frisch-Convenience-Produzenten Hilcona im letzten Jahr vollständig. Hügli, der neuste Kauf, ist im Bereich der haltbaren Convenience zu Hause. Dadurch deckt Bell künftig den gesamten Convenience-Markt ab, mit Ausnahme des Tiefkühlsegments.

Bell investiert in einen Markt, der einen schlechten Ruf hat: Bei Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffen und Co. rümpfen immer mehr Konsumenten die Nase. Trotzdem wächst das Geschäft mit den Fertigprodukten weiter.

Obwohl der nächste Trend eigentlich ein anderer ist. Der Trend in Richtung gesunde Ernährung, weg von der Schnell-Schnell-Mentalität. «Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch», sagt Christine Schäfer, Trendforscherin beim Gottlieb-Duttweiler-Institut.

Denn das Angebot im Convenience-Bereich habe sich dem Bedürfnis nach gesünderem Essen angenähert. Ein Beispiel sei etwa die Restaurantkette Dean&David, die unter anderem an Bahnhöfen Essen anbiete, das von den Kunden als gesünder wahrgenommen werde, sagt Schäfer. Aber auch die beiden Grossverteiler Migros und Coop hätten mit Migros Daily und Coop to go reagiert.

Convenience statt Fleisch

Auch in Zukunft werde sich der Trend hin zu Convenience-Food – also bequemem Essen – nicht abschwächen, glaubt Schäfer. «Wir werden sicher nicht plötzlich mehr Zeit haben, um selber zu kochen», sagt sie. Fehlende Zeit sei denn auch der Hauptgrund dafür, dass Konsumenten zu Fertigprodukten greifen. Doch auch eine gewisse Bequemlichkeit der Konsumenten sei nicht auszuschliessen, sagt Schäfer.

Bell-CEO: "Der Preis für Hügli ist fair"

Bell-CEO: «Der Preis für Hügli ist fair»

Der gebotene Preis von 915 Franken pro Aktie entspricht volumengewichtet dem Durchschnittspreis der letzten 60 Handelstage, inklusive einer Prämie von 14,4 Prozent. Im Interview mit AWP Video bezeichnet Bell-CEO Lorenz Wyss diesen Betrag als «fair». Letztlich gehe es seinem Unternehmen um eine Fokussierung auf den Bereich Convenience.

Mit dem Kauf von Hügli wird Bell neu einen Viertel des Umsatzes mit margenstarken Convenience-Produkten machen; bisher waren es 17 Prozent. Reagiert Bell damit darauf, dass in der Schweiz der Pro-Kopf-Fleischkonsum sinkt? «Wir wollen uns vor allem diversifizieren. Wir müssen dort investieren, wo die Post abgeht», sagt Bell-Chef Lorenz Wyss zur «Nordwestschweiz».

Der Fleischmarkt sei international sehr kompetitiv, und in der Schweiz sei kaum Wachstum möglich. «Wir sehen natürlich auch, dass Alternativen zum Fleisch gefragt sind, wie etwa vegetarisches oder veganes Essen», so Wyss.

Die Zahlen zum europäischen Convenience-Markt zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend: Seit 2010 wächst der Markt in Europa im Durchschnitt um 3 Prozent pro Jahr. In der Schweiz lag das Wachstum im kleinflächigen Detailhandel, also bei Convenience-, Tankstellenshops und Kiosken, von 2013 bis 2016 bei jährlich 1,5 Prozent.

In der gleichen Zeit wuchs der gesamte Food-Detailhandel nur um rund die Hälfte, wie ein Retail-Spezialist der Credit Suisse auf Anfrage schreibt. Das zeigt, dass auch in der Schweiz der Convenience-Trend ungebrochen ist. Dieser soll laut Credit Suisse weiter anhalten.

Verstärktes Ausland-Engagement

Bell blickt in Zukunft noch stärker in Richtung Ausland. Denn durch den Kauf von Hügli werde Bell rund 40 Prozent seines Umsatzes im Ausland erwirtschaften, sagt Wyss. Investitionen seien vorwiegend dort geplant. So etwa in einen neuen Produktionsstandort für Fertigprodukte in Österreich. Mittelfristig will Bell 50 Prozent seines Umsatzes im Ausland machen.

Hügli beschäftigt von den rund 1500 Mitarbeitern einen Grossteil in Europa. Die Produktionsstätte im deutschen Radolfzell ist mit gut 700 Angestellten am besten bestückt. In der Schweiz beschäftigt die Firma lediglich 210 Mitarbeiter. Auch der Umsatz kommt bei Hügli mehrheitlich aus dem Ausland: Nur gerade 14 Prozent werden in der Schweiz erwirtschaftet, hingegen über 50 Prozent in Deutschland.

Mit dem Kauf von Hügli erwirbt Bell ein traditionsreiches Familienunternehmen. Erst Ende September des letzten Jahres ist Alexander Stoffel, Firmenpatron von Hügli, verstorben. Er begleitete die Verkaufsverhandlungen. Stoffel trat 1957 als Geschäftsleiter in die Firma ein und sass bis zuletzt im Verwaltungsrat von Hügli. Bell übernimmt 50,5 Prozent der Hügli-Aktien. Diese befinden sich momentan im Besitz der Dr. A. Stoffel Holding. Bell will zudem die restlichen Aktien aufkaufen. Der gesamte Kaufpreis liegt bei 444 Millionen Franken.