Gut versteckt

Fast perfekte Tarnung: Fall Vincenz zeigt, wie sich Besitzverhältnisse verschleiern lassen

In Untersuchungshaft: Beat Stocker  (links, von 1999 an CEO der Aduno) und Pierin Vincenz, Chef der Raiffeisen und von 1999 an Präsident von Aduno.

In Untersuchungshaft: Beat Stocker (links, von 1999 an CEO der Aduno) und Pierin Vincenz, Chef der Raiffeisen und von 1999 an Präsident von Aduno.

Der Fall Vincenz zeigt: Das Bankgeheimnis und ein intransparentes Firmenregister reichen, um Besitzverhältnisse zu verschleiern

Die Baarerstrasse geht mitten durch Zug. Hier befinden sich die Metalli, ein riesiger Sitz der UBS und die Zuger Kantonalbank. Hier sind unzählige Treuhänder, Vermögensverwalter und Anwälte zuhause. Allein im 13-stöckigen 60er-Jahre-Bau an der Baarerstrasse 43 sind gemäss Handelsregister über 140 Firmen eingetragen. Eine davon ist – oder besser war – die i Finance Management AG, gegründet am 27. Juni 2005. Inzwischen wurde die Firma gelöscht beziehungsweise umbenannt.

Briefkastenfirmen wie die i Finance Management gibt es zu Tausenden im steuergünstigen Innerschweizer Kanton. Gemeinsames Merkmal: Die Unternehmen haben kein Management, sondern nur einen einzigen Verwaltungsrat, meistens einen Anwalt; der Firmenzweck ist vage umschrieben. So heisst es bei der i Finance Management: «Kauf, Verkauf und Halten von Beteiligungen an in- und ausländischen anderen Gesellschaften und deren Verwaltung und Finanzierung (…).»

Die i Finance Management AG ist nicht irgendeine Firma, sondern das berüchtigte Vehikel, worüber Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und sein Geschäftspartner Beat Stocker heikle Firmenkäufe und -verkäufe abwickelten. Die Finanzgesellschaft an der Baarerstrasse 43 war die geheime Schaltzentrale, über die Millionenbeträge verschoben wurden – und die nun im Zentrum der Ermittlungen der Zürcher Staatsanwaltschaft steht.

Typisch für viele Firmen wie i Finance: Die eigentlichen Nutzniesser, die sogenannten wirtschaftlich Berechtigten, erscheinen nirgends in den Handelsregisterunterlagen. Sowohl bei der Firmengründung als auch bei deren späteren Löschung tauchen die Namen von Vincenz und Stocker nicht auf.

In der Gründungsurkunde, die beim Handelsregisteramt in Zug verlangt werden kann, sind folgende drei Namen als Aktionäre genannt: Beat M. Barthold (1 Aktie à 1000 Franken), Sabine W. (98 Aktien à 1000 Franken) und Yvonne S. (1 Aktie à 1000 Franken). Sabine W. und Barthold arbeiteten damals für die grosse Anwaltskanzel Froriep in Zug. Barthold ist ein auf Finanztransaktionen spezialisierter Anwalt und war damals Partner bei der Zuger Kanzlei. Heute ist Barthold, gegen den die Staatsanwaltschaft ebenfalls ermittelt, bei einer US-Kanzlei in Zürich tätig. Hauptaktionärin Sabine W. war als Sekretärin bei Froriep tätig.

Wie aus den Gründungsunterlagen ebenfalls hervorgeht, kam das nötige Kapital für die Gründung der Aktiengesellschaft von einem Konto der Privatbank Julius Bär. Wer das Geld einbezahlt hat, wird in der Urkunde nicht genannt. Das Julius-Bär-Konto wird später eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung der privaten Geschäfte und letztlich beim Fall des Starbankers Pierin Vincenz spielen.

i Finance: Die Tarnfirma

Pierin Vincenz war zwischen 1999 und 2015 Chef der Raiffeisen-Banken. Daneben sass er in etlichen Verwaltungsräten. So auch beim Finanzinfrastrukturunternehmen Aduno, an der die Genossenschaftsbank 25 Prozent hält. Zwischen 1999 und 2017 war Vincenz Präsident von Aduno. Beat Stocker war zwischen 1999 und 2011 CEO und zwischen 2011 und 2015 VR-Mitglied bei Aduno. Das Unternehmen verfolgte damals das Ziel, zu einem bedeutenden Finanzdienstleister in der Schweiz aufzusteigen. Um das zu erreichen, gingen Vincenz und Stocker auf Einkaufstour.

Ende 2006 kam das Übernahmeziel Commtrain Card Solution (CCS) auf den Radar, ein kleines, auf Kartenbezahllösungen spezialisiertes Unternehmen aus der Ostschweiz. Gemäss übereinstimmenden Quellen soll es insbesondere Beat Stocker gewesen sein, der als CEO für eine Übernahme lobbyierte. Vincenz unterstützte das Vorhaben.

Bank Julius Bär, Hauptsitz in Zürich: Hier befinden sich Konten von Beat Stocker und i Finance.

Bank Julius Bär, Hauptsitz in Zürich: Hier befinden sich Konten von Beat Stocker und i Finance.

Was niemand wusste: Beat Stocker und Pierin Vincenz kontrollierten die CCS indirekt über ihr gemeinsames Vehikel i Finance. Vincenz und Stocker traten konsequenterweise auch nicht in den Ausstand, als Aduno sich mit dem Kauf beschäftigte. Das hätten die beiden tun müssen, doch wäre dann ihre Tarnung aufgeflogen. Denn der Zweck der i Finance war es ja, die wahre Eigentümerschaft zu verschleiern.

Als die Aduno-Verwaltungsräte den Kauf bewilligten und den Kaufpreis von sechs Millionen Franken an die CCS beziehungsweise an die i Finance auslösten, wussten sie also nicht, an wen genau sie das Geld überwiesen hatten. Sie wussten nur, dass Beat Barthold als alleiniger Verwaltungsrat die Firma vertrat. Dieser soll zwar gefragt worden sein, wer die wirtschaftlich Berechtigten hinter der Gesellschaft waren, doch soll er dazu keine Angaben gemacht haben, wie ein Kenner der Vorgänge bestätigt. Barthold sass gleichzeitig im Verwaltungsrat von CCS und arbeitete in Mandaten für Aduno. Das zeigt die enge Verflechtung zwischen Aduno, CCS und i Finance bereits vor dem Kauf.

Pikant ist: Kein VR-Mitglied ging auf die Barrikaden und verlangte die Identifikation der wirtschaftlich Berechtigten hinter i Finance. Trotzdem stimmten die Verwaltungsräte dem Deal zu, darunter gestandene Banker wie ZKB-Chef Martin Scholl, BSI-Finanzchef Rudolf Dudler (heute EFG) oder Ex-Coop-Bank-Chef Andreas Waespi.

Konten bei Bank Bär

Im Frühling 2009 kamen erste Gerüchte auf, wonach sich Pierin Vincenz und Stocker vorgängig an CCS beteiligten und so einen Gewinn einstrichen. Pierin Vincenz stritt alles ab. Aber auch sein Stellvertreter Patrik Gisel, die Aufsichtsbehörden und Verwaltungsrat Martin Scholl wurden durch Medienanfragen auf ein mögliches Doppelspiel von Vincenz hingewiesen.

Für den Raiffeisen-CEO wurde die Situation langsam brenzlig. Er ergriff die Flucht nach vorn und beauftragte mit Unterstützung des damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty den prominenten Anwalt und Professor Peter Forstmoser mit einem Gutachten. Forstmoser ist in der gleichen Kanzlei (Niederer Kraft Frey) tätig wie Peter C. Honegger, der für Vincenz und Raiffeisen beratend tätig war.

Pikanterweise erwähnt Forstmoser in seinem Gutachten auch Beat Stocker als Beteiligter der i Finance. Doch der bekannte Rechtsgelehrte ging nicht weiter auf seine Rolle ein und blendete insbesondere aus, wie Vincenz und Stocker gemeinsam vorgingen. Dies abzuklären, war offenbar nicht Teil des Auftrages. Doch genau in dieser engen Zusammenarbeit liegt das zentrale Element, das letztlich im November 2017 zu einer Strafanzeige gegen Vincenz und Stocker führte. Jurist Forstmoser aber hielt in seinem Gutachten fest, dass Vincenz zwar auf beiden Seiten aktiv war und damit gegen Best-Practice-Regeln verstossen habe – aber nicht gegen das Gesetz.

Der Forstmoser-Bericht und zwei weitere Gutachten zur Commtrain-Übernahme werden bei Raiffeisen bis heute unter Verschluss gehalten. Man muss davon ausgehen, dass lange Zeit nur Präsident Franz Marty und Vincenz die Gutachten überhaupt lesen konnten. Vincenz’ Stellvertreter Patrik Gisel behauptet bis heute, dass er zwar Kenntnis von den Gutachten hatte, diese aber bis 2016 nicht gelesen habe. Warum er die Dokumente nicht ultimativ einforderte, bleibt sein Geheimnis, zumal er ja durch die Medienanfragen bereits zuvor Kenntnis von den Vorwürfen gegen Vincenz hatte.

Erst im Jahr 2016 kam die Causa wieder ins Rollen. Initialzündung war eine offensichtliche Bankgeheimnisverletzung bei der Julius Bär in Zürich – der Bank also, welche die 100 000 Franken für die Gründung der i Finance entgegennahm. Dem Blog «Inside Paradeplatz» wurden Informationen über Banküberweisungen zwischen zwei Bär-Konten, Pierin Vincenz sowie der Firma Commtrain zugespielt. Die beiden Bär-Konten lauteten auf Beat Stocker – und auf i Finance Management.

Damit gab es erstmals handfeste Indizien, dass tatsächlich Vincenz und Stocker hinter der i Finance standen. Aufgrund der Berichterstattung wurde auch die Finanzaufsicht aktiv und begann, kritische Fragen zu stellen. Sie klärte ab, ob Vincenz möglicherweise gegen die «Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit» verstossen hatte. Wenn ein Banker bei einer Firmenübernahme auf beiden Seiten steht, dies nicht transparent macht und bei der Übernahme zudem einen nicht unerheblichen Gewinn einstreicht, ist das Verdachtsmoment virulent.

Was danach folgte, ist Geschichte. Mehrere Untersuchungen bei Raiffeisen, bei Aduno sowie das Enforcement-Verfahren der Finma gegen Vincenz und die Bank engten den Spielraum für den Starbanker immer mehr ein. Vincenz musste die meisten seiner Ämter niederlegen. Am 27. Februar klingelten Polizisten am Wohnsitz von Vincenz in Niederteufen AR und führten den Banker ab. Seither sitzt er in Untersuchungshaft in Zürich. Diese Woche wurde die Zwangsmassnahme um drei weitere Monate verlängert. Eine zweite Transaktion in Zusammenhang mit Aduno rückt dabei in den Fokus. Es handelt sich um einen weiteren Firmenkauf, die Eurokaution im Jahr 2012. Auch bei dieser Transaktion flossen Gelder über Konten bei der Julius Bär. Die Untersuchungen dürften sich noch Wochen hinziehen.

Entscheidend war eine Bankgeheimnisverletzung

Offiziell will sich die Finanzmarktaufsicht nicht äussern, doch es ist klar, dass die Behörde nur wegen der Bankgeheimnisverletzung überhaupt aktiv geworden war. Wäre es nicht zu dieser Verletzung gekommen, wäre das ganze Konstrukt möglicherweise gar nie aufgeflogen. Das Bankgeheimnis in Kombination mit dem Firmenregister, das die wirtschaftlich Berechtigten nicht aufführt, bot Vincenz und Stocker eine nahezu perfekte Tarnung, ihre heiklen Privatgeschäfte zu verschleiern.

Viele Organisationen machen schon seit Jahren Druck, Transparenzstandards zu erhöhen. Die Schweiz schneidet in internationalen Vergleichen oft schlecht ab. «Bezüglich Identifikation und Offenlegung der wirtschaftlich Berechtigten hinkt die Schweiz vielen Ländern hinterher», sagt Martin Hilti, Geschäftsführer von Transparency International in der Schweiz. Der Fall Vincenz zeige, wie wichtig ein zentrales Register der wirtschaftlich Berechtigten in der Schweiz wäre, sagt Hilti.

Allerdings: Beim Aduno-CommtrainDeal hätte bereits ein kritischer Verwaltungsrat gereicht. Denn möglich wurde der Kauf nur, weil dieser die Beteiligungsverhältnisse nicht abgeklärt hatte. Unternehmen, die sich hohen Ethikstandards verpflichtet fühlen, verlangen Transparenz über die wirtschaftlich Berechtigten einer Firma, die sie kaufen oder mit der sie auch nur zusammenarbeiten wollen. Wenn die Verhältnisse nicht offengelegt werden, müssen sie die Finger davon lassen.

Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

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