Soziales Netzwerk
Facebook will nun auch eine Bank werden – was steckt dahinter?

Facebook hat in Irland eine Banklizenz beantragt. Damit könnte der Tech-Gigant den elektronischen Zahlungsverkehr abwickeln und Geld ausgeben. Nutzer in den USA können schon seit Juli per Messenger Geld überweisen.

Adrian Lobe
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Was hat Facebook mit einer Banklizenz vor? In erster Linie geht es wohl um Geldüberweisung.

Was hat Facebook mit einer Banklizenz vor? In erster Linie geht es wohl um Geldüberweisung.

Keystone / Montage: sat

Facebook ist mit 1,4 Milliarden Mitgliedern das grösste soziale Netzwerk der Welt. Doch nicht nur das: Facebook ist Medienkonzern, Filmproduzent, Spieleentwickler. Und nun schickt sich der Konzern an, ins Bankgeschäft einzusteigen. Facebook hat vor kurzem ein Patent angemeldet, das es unter anderen Kreditgebern ermöglichen soll, das soziale Umfeld bei Facebook als Entscheidungsgrundlage für die Bewilligung eines Kredits zu nutzen. Wörtlich heisst es in dem Patent: «Wenn ein Individuum einen Kredit beantragt, prüft der Gläubiger die Kreditwürdigkeit derjenigen Mitglieder in sozialen Netzwerken, die mit dem Individuum vernetzt sind.»

Die Marktforschungsgesellschaft Forrester hat bereits 2008 prognostiziert, dass Finanzdienstleister mittel- und langfristig Informationen aus dem Web und aus sozialen Netzwerken nutzen werden. «Dort, wo nationale Regulierer dies erlauben, nutzen einige Banken bereits diesen Ansatz oder planen dies zu tun», sagt Jost Hoppermann von Forrester. Facebook hat enormes Wissen über Präferenzen seiner Nutzer gesammelt, aus denen sich die Kreditwürdigkeit ableiten lässt. Und dieses Wissen will der Konzern kapitalisieren.

Hat Facebook schon eine Lizenz?

Im vergangenen Jahr hat Facebook bei der irischen Zentralbank eine Banklizenz beantragt. Mit der Lizenz könnte Facebook den elektronischen Zahlungsverkehr abwickeln. Die Anerkennung würde Facebook überdies erlauben, Geldeinheiten auszugeben, die eine Forderung gegenüber einem Unternehmen begründen. Ob die Lizenz erteilt wurde, darüber schweigt der Konzern. «Eine Facebook-Bank würde den gleichen Regulierungen unterworfen sein und die gleichen Aufgaben zu erfüllen haben wie andere Banken auch», erklärt Hoppermann. Die Margen wären kaum höher. ‹Facebook Bank› müsste daher neue Geschäftsmodelle hinzufügen, über die man durchaus spekulieren kann», so Hoppermann.

Seit Juli ermöglicht Facebook seinen Nutzern in den USA, sich über den Kurzmitteilungsdienst Messenger kostenlos Geld zu überweisen. Der Nutzer tippt dazu ein Dollarsymbol in der App oder Desktop-Anwendung an, gibt den Geldbetrag ein und bestätigt die Überweisung. Die Überweisungen werden mit Visa- und Mastercard abgewickelt. Womöglich ist das der Grund, warum Facebook nach dem Bankenstatus strebt.

Schwellenländer im Visier

Jim Stewart, Professor für Finanzwirtschaft am renommierten Trinity College Dublin, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: «Wenn Facebook in den Bankensektor einsteigt, ist es wahrscheinlich, dass sie nicht die gesamten Bankdienstleistungen abdecken werden, sondern nur ein paar Bereiche. Eines davon ist der Transfer von Geldvermögen von Individuum zu Individuum.» Durch solche Peer-To-Peer-Bezahlungen liessen sich die Transaktionskosten für internationale Überweisungen senken. Facebook könnte damit auch zur Konkurrenz für Geldversender wie Western Union werden.

Der Konzern aus Kalifornien will dabei weniger als Grossbank mit grossem Eigenkapitalpuffer agieren, sondern eher als dezentrale Plattform, auf der Zahlungsvorgänge abgewickelt werden. «Die Strategie, die Facebook verfolgt, ist im Wesentlichen, existierende Dienste zu monetarisieren», sagt Finanzexperte Stewart. «Der Eintritt ins Banking würde Big Data an Finanztransaktionen koppeln.»

Laut der Unternehmensberatung McKinsey gibt es 2,5 Milliarden Menschen weltweit, die kein Bankkonto haben. Die Volkswirtschaften in Schwellen- oder Dritte-Welt-Ländern sind Cash-basiert. Dort wird bar bezahlt. Und diese Märkte hat Facebook im Visier. Es gibt keinen besseren Weg, neue Nutzer zu gewinnen, als ihnen eine App für ihr Einkommen anzubieten – zumal bargeldloses Bezahlen immer wichtiger wird. Facebook könnte herausfinden, wofür Nutzer ihr Geld ausgeben und noch mehr über sie erfahren. Nur weil jemand eine Marke «likt», heisst das nicht, dass er auch ein Kunde ist.

Wie viele der 11 Millionen Lamborghini-Fans können sich einen Sportwagen leisten? Facebook kann diese Frage nicht beantworten. Wenn Facebook aber Finanztransaktionen und soziale Interaktionen verknüpft, hätten Werbekunden nahezu vollständige Informationen ihres Publikums. Kaufverhalten, Einkommen, Ersparnisse – Facebook hätte das komplette Bild. Und könnte noch mehr Geld für Anzeigen verlangen.

«Die ‹Facebook Bank› könnte Werbung auf den Finanzstatus der Kunden abstimmen – innerhalb und ausserhalb der Bank-Website», sagt Forrester-Analyst Jost Hoppermann. Für uns Kunden bedeute das aber auch, dass wir umso mehr darauf achten müssen, welche Informationen wir über uns öffentlich machen und mit wem wir in sozialen Netzwerken «befreundet» sind.

Forscher Andreas Dietrich über die Folgen einer Facebook-Bank

Herr Dietrich, Tech-Firmen steigen ins Geschäft. Apple Pay soll bald in Europa eingeführt werden. Samsung plant Ähnliches. Wie stark betrifft das Schweizer Banken?
Tatsächlich hat sich dieser Bereich mit einer unglaublichen Dynamik entwickelt in den letzten Monaten. Die Schweizer Banken sind – wohl nicht zuletzt aufgrund des Drucks von internationalen Technologiekonzernen – nicht untätig. Fast jede Bank ist derzeit daran, die verschiedenen Lösungen zu analysieren und evaluieren. Es gibt im Moment drei grosse Schweizer Systeme, die für das Bezahlen mit dem Handy aufgebaut werden: Die Bezahllösung der Migrosbank, Paymit von der Six-Group sowie Twint von der PostFinance.

Ist das Ganze nicht unübersichtlich?
Es wäre wünschenswert, wenn man sich in der Schweiz auf eine Lösung einigen könnte. Dies wäre aus Sicht des Finanzplatzes vermutlich erfolgsversprechender.

Was ist der Nutzen für die Kunden?
Da habe ich eine klare Meinung: Im Peer-to-Peer-Payment, also dem Bezahlen zwischen zwei Privatpersonen, erkenne ich einen Zusatznutzen für den Kunden. Daher wird dies auch zunehmend stärker benutzt. Im Gegensatz dazu glaube ich, dass Mobile Payment an der Verkaufsstelle und als alleinige Lösung keine grosse Chance haben wird. Es braucht zwingend einen Mehrwert, der durch das Bezahlen mit dem Handy generiert wird, zum Beispiel durch personalisierte und ausgeklügelte Loyalitätsprogramme und -angebote, welche mit dem Mobile Payment verknüpft werden. Kontaktlose Bezahlkarten etc. haben den Bezahlvorgang an der Kasse schon heute sehr effizient gemacht. Daher muss Mobile Payment zwingend einen Zusatznutzen generieren. Zudem: Der Schweizer Kunde ändert seine Gewohnheiten generell nur sehr langsam.

Auch im Bereich Vermögensverwaltung bewegt sich einiges.
Tatsächlich. Hier sind viele Ideen und Projekte am Start und zum Teil schon sichtbar. Auch die beiden Grossbanken sind im Bereich des digitalen Anlagegeschäfts sehr stark am Investieren.

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