Interview

Ex-UBS-Chef Oswald Grübel zum Börsensturz: «Abwarten und bei Marktschwächen dazukaufen»

Derzeit gebe es viele unterbewertete Aktien von Unternehmen, die für das tägliches Leben wichtig seien, auch in der Gesundheits- und Nahrungsmittelindustrie, sagt Börsenbeobachter Oswald Grübel.

Derzeit gebe es viele unterbewertete Aktien von Unternehmen, die für das tägliches Leben wichtig seien, auch in der Gesundheits- und Nahrungsmittelindustrie, sagt Börsenbeobachter Oswald Grübel.

Der ehemalige Chef der UBS und CS sagt, dass die Aktien auch wieder steigen werden, sollten die Staaten die Beschränkungen rasch aufheben und die Menschen wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.

Die Börsen sind wegen der Coronakrise zunächst um über 30 Prozent eingebrochen. War diese Reaktion aus Ihrer Sicht übertrieben?

Das kann man nicht sagen. Die Anleger hatten, als die Börsen täglich stark fielen, zu wenig Informationen über die Auswirkungen des Coronavirus. Eine solche grosse Unsicherheit beschleunigte den Abwärtstrend. Hinzu kommt, dass die Aktienmärkte zuvor überkauft waren. Das hat zu diesem Absturz geführt, der viele überrascht hat.

Seit gut einer Woche erholen sich die Aktienmärkte wieder, auch wenn es an einzelnen Tagen zu Rückschlägen kommt. Ist das mehr als nur ein Strohfeuer?

Es handelt sich dabei um eine technische Erholung. In den kommenden Wochen wird der Markt stark darauf reagieren, wie sich das Virus nun weiterverbreitet.

In früheren Krisen hat sich die Börse immer wieder kurzfristig erholt, ist dann aber weiter gefallen. Droht nun ein ähnliches Szenario?

Das wissen wir nicht. Wenn es sich abzeichnet, dass die Staaten die Beschränkungen rasch aufheben und die Menschen wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, dann wird der Markt stark steigen. Je länger Betriebe geschlossen sind, desto unsicherer wird der Markt reagieren. Dann dürften die Kurse nochmals korrigieren. Unabhängig davon werden sich einige Branchen wie die Tourismus- und die Luftfahrtindustrie nicht so rasch erholen.

Die Schwankungen der Aktienmärkte an einzelnen Tagen sind teils enorm. Rechnen Sie mit einer Beruhigung?

Das hängt davon ab, wie sich die Verbreitung des Virus weiterentwickelt. Sollten wir hier schlechte Nachrichten erhalten, müssen wir uns wohl an diese Schwankungen gewöhnen. Dies hat viel mit der Geschwindigkeit zu tun, mit der die Börse heute auf neue Entwicklungen reagiert und ob die stark gestiegenen Handelsumsätze anhalten.

Wie sollen sich die Anleger in dieser schwierigen Situation verhalten?

Es kommt darauf an, ob man ein kurz- oder langfristig orientierter Anleger ist. Hat jemand mit Krediten an den Börsen investiert, hat er keine andere Wahl, als die Verluste zu realisieren und die Kredite zurückzuzahlen.

Und der langfristige Anleger?

Dem bleibt nichts anders übrig, als abzuwarten und bei Marktschwächen dazu kaufen. Die Wirtschaft wird sich vermutlich im nächsten Jahr wieder dem Niveau vor der Krise annähern. Dann werden auch die Aktien wieder steigen. Durch die massiven Hilfspakete der Staaten von derzeit rund 10 Billionen Dollar werden die Staatsschulden erheblich steigen und Geld im Prinzip weniger Wert sein. Zudem werden die Zinsen auf Jahre hinaus sehr tief bleiben. Aktien sind dann wieder sehr attraktiv.

Viele Experten raten nun, sogenannte defensive Titel zu kaufen, etwa Firmen in der Gesundheits- und Nahrungsmittelindustrie. Was halten Sie davon?

Derzeit gibt es viele unterbewertete Aktien von Unternehmen, die für unser tägliches Leben wichtig sind, auch in der Gesundheits- und Nahrungsmittelindustrie. Daneben dürfte auch die Technologiebranche gefragt sein. Die wird weiterhin neue Entwicklungen hervorbringen, die uns das Leben erleichtern und verbessern.

Die Entwicklung an den Börsen wird nun auch stark von der Situation in den USA abhängen.

In den USA hat man das Virus später wahrgenommen als in Europa. Man wird nun abwarten müssen, ob das Land nun noch stärkere Quarantänemassnahmen ergreifen muss. Eigentlich haben die USA gar keine andere Wahl, als die Wirtschaft am Laufen zu halten. Die Zahl der Infizierten wird vermutlich noch stark steigen, je mehr Personen getestet werden.

Zahlreiche Staaten haben enorme Hilfspakete auf den Weg gebracht, die in normalen Zeiten unvorstellbar wären. Aber sind die Massnahmen auch in dieser kritischen Situation ausreichend?

Das wissen wir nicht, weil das Ende der Krise noch nicht absehbar ist. Man kann sogar darüber streiten, ob die Massnahmen überhaupt nur die Immunschwachen betreffen sollten. Aber wenn sie als Land natürlich eine Quarantäne beschliessen, wo viele nicht mehr arbeiten dürfen, dann muss für diese Leute gesorgt werden. Sonst droht ein Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung.

Die Hilfspakete werden gerade in Europa das Verschuldungsproblem der Staaten nochmals deutlich verschärfen. Was heisst das für die Börse?

Es werden neue Schulden auf alte Schulden aufgebaut. Das wird Folgen haben, etwa in Bezug auf die Inflation, in das Vertrauen einzelner Währungen oder was das Umschichten von Vermögen in Sachwerte wie Aktien anbelangt. Diejenigen, die noch Kapital haben, werden sich eher in Aktien flüchten. Obligationen machen mit diesen tiefen Renditen dagegen wenig Sinn.

Die EU-Staaten sollen gemeinsam für Coronaschulden einstehen, fordern Länder wie Italien oder Spanien. Deutschland oder die Niederlande wehren sich vehement dagegen. Fühlen sich die Südländer zurecht im Stich gelassen?

Deutschland ist da natürlich skeptisch. Wenn es zu einer Umverteilung der Schulden auf die starken Länder der EU kommt, dann behagt das Ländern wie Holland oder Deutschland natürlich nicht, die jetzt schon Forderungen an die Europäische Zentralbank von rund 1 Billion Euro haben. Denn dadurch geht die Schulden-Disziplin verloren. Falls die Coronabonds eingeführt werden, wird die Zahlungsmoral innerhalb der EU weiter abnehmen und den Euro schwächen.

Auch auf Seite der Unternehmen droht eine deutliche Zunahme zahlungsunfähiger Unternehmen.

Die Hilfspakete der Staaten kommen ja allen Unternehmen zugute. Es wird also nicht geprüft, ob eine Firma, die einen Kredit beantragt, tatsächlich überlebensfähig ist oder nicht. Der Aufwand wäre viel zu gross, wenn die Qualität jedes einzelnen Unternehmens geprüft werden müsste. Das wird zu Verlusten für den Staat führen, weil viele Firmen nicht in der Lage sein werden, die Schulden zurückzubezahlen.

Das Problem bleibt also an den Staaten hängen?

Ja, und es wird sich indirekt über die Bonität der Staatsanleihen der einzelnen Länder auswirken. In der Folge müssen stark verschuldete Staaten höhere Zinsen bezahlen.

Zahlreiche Notenbanken haben als Reaktion auf die Pandemie umgehend die Zinsen gesenkt. Sie haben schon vor der Krise die tiefen Zinsen kritisiert.

Immerhin haben jene Zentralbanken, die bereits Negativzinsen eingeführt haben, ihre Zinsen nicht noch weiter gesenkt. Ich finde das richtig, denn das hätte nichts gebracht.

Sie meinen die Schweizerische Nationalbank?

Ja, aber auch die Europäische Zentralbank. Sie haben andere Mittel gesucht, um die Wirtschaft zu stützen. Im Vordergrund stehen vor allem Liquiditätshilfen. Ich gehe davon aus, dass die Zinsen als Folge der Coronakrise für lange Zeit nahe bei Null verharren werden.

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