Wirtschaft

Ex-Roche-Chef Fritz Gerber: Einer der mächtigsten und erfolgreichsten Manager ist tot

Der verstorbene Roche-Ehrenpräsident Fitz Gerber in einer Aufnahme von 2013.

Der verstorbene Roche-Ehrenpräsident Fitz Gerber in einer Aufnahme von 2013.

Der Emmentaler führte die beiden Grosskonzerne Roche und Zurich während 20 Jahren gleichzeitig. Mit Gerber hat die Schweizer Wirtschaftselite einen ihrer letzten grossen Repräsentanten verloren.

Fritz Gerber war einer der mächtigsten und auch erfolgreichsten Manager seiner Zeit. Er prägte als Chef und Präsident von Zurich und Roche gleich zwei Konzerne – und dies während vielen Jahren parallel. Er repräsentierte damit eine Führungselite, wie sie heute in den Chefetagen der multinationalen Schweizer Konzerne nicht mehr anzutreffen ist. Am vergangenen Sonntag ist Fritz Gerber im Alter von 91 Jahren an den Folgen eines Hirnschlages gestorben.

James Breiding, Co-Autor des Buchs «Wirtschaftswunder Schweiz», bezeichnet Gerber als «Homo Helveticus». Damit meint Breiding einen Managertypus, der sich nebst seinem wirtschaftlichen Erfolg auch durch sein Engagement und die Vorbildfunktion in der Gesellschaft auszeichnet. Der «Homo Helveticus» versteht sich als eine Art Antithese zum Konzept des «Davos Man», dem Vertreter einer abgehobenen, globalisierten Führungselite, wie sie der verstorbene amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington einst beschrieben hatte.

Einer breiten Bevölkerungsschicht in Erinnerung bleibt Fritz Gerber als Besitzer des traditionsreichen Zürcher Fussballclubs Grasshoppers, den er sich vor zwanzig Jahren zusammen mit dem damaligen Credit-Suisse-Präsidenten Rainer E. Gut und dem Zürcher Immobilienunternehmer Ulrich Albers gegen einen vermutlich substanziellen zweistelligen Millionenbetrag zum Hobby gemacht hatte. Die Ausbeute des fünfjährigen Engagements waren zwei Meistertitel und zwei Cupfinal-Teilnahmen. Der erhoffte Durchbruch in der Champions League blieb dem Trio aber versagt.

Zusammen mit dem damaligen CS-Präsidenten Rainer E. Gut (rechts) investierte Fritz Gerber (links) Millionen in den Fussballclub GC. Die Aufnahme mit Trainer Hanspeter Zaugg entstand anlässlich der Meisterfeier im Jahr 2001.

Zusammen mit dem damaligen CS-Präsidenten Rainer E. Gut (rechts) investierte Fritz Gerber (links) Millionen in den Fussballclub GC. Die Aufnahme mit Trainer Hanspeter Zaugg entstand anlässlich der Meisterfeier im Jahr 2001.

Im Kreis der alteingesessenen Unternehmerfamilien aus der Basler Pharmaindustrie erwarb sich Gerber das Ansehen als Freund und Förderer von Kunst und Kultur. So streicht Roche im Nachruf dessen «massgeblichen» Beitrag zur Gründung des Museums Tinguely in Basel heraus und erwähnt unter anderem sein Engagement in der vom Dirigenten und Roche-Erben Paul Sacher gegründeten Stiftung für Zeitgenössische Musik.

Weniger bekannt, aber für die Schweizer Wirtschaft um einiges bedeutungsvoller, waren Gerbers Verdienste um die wirtschaftsliberale Denkfabrik Avenir Suisse. Gerber konnte für die Gründung den seinerzeitigen Swiss-Re-Chef Walter Kielholz als ersten Präsidenten gewinnen.

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen im Emmental

Parallel zum steilen beruflichen Alltag absolvierte Gerber auch eine Karriere zum Milizoffizier, in der er es bis zum Kommandanten einer Artillerie-Kompanie brachte. So sehr Gerber seine wirtschaftlichen Erfolge in der lokalen Vernetzung verdankte, so sehr waren sie aber auch der in jenen Jahren anbrechenden Zeit der Globalisierung geschuldet.

Geboren und aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen im Emmentaler Bauerndorf Huttwil entging er dem vorgezeichneten Weg in die Handwerkerzunft, schaffte den Sprung aufs Gymnasium und bildete sich an der Universität zum Rechtsanwalt aus.

Nach einem kurzen Intermezzo als Beamter in der Bundesverwaltung stiess Geber 1958 zur «Zürich Versicherung», in der er sich zehn Jahre später mit einer Schlüsselrolle bei der Bewältigung des Betrugs- und Misswirtschaftskandals der Londoner Rückversicherungstochter Turegum profilieren sollte.

Sechs Jahre später stand Gerber an der Spitze des Zurich-Managements. Er positionierte den Konzern im schnell wachsenden Geschäft der internationalen Industrieversicherung und befreit das Unternehmen so aus den kartellistischen Strukturen im Heimmarkt. 1977 avanciert Gerber nebst seiner CEO-Rolle auch noch zum Präsidenten des Verwaltungsrates.

Fritz Gerber, damals Verwaltungsratspräsident von Roche, präsentiert im  Jahr 1991 neue Medikamente des Pharmakonzerns.

Fritz Gerber, damals Verwaltungsratspräsident von Roche, präsentiert im Jahr 1991 neue Medikamente des Pharmakonzerns.

Nur ein Jahr später folgte er dem Ruf des seinerzeitigen Roche-Präsidenten Paul Sacher, der dringend einen Nachfolger suchte. Ein gutes Jahr nach dem Dioxin-Unfall in der Fabrik im norditalienischen Seveso benötigte Roche dringend eine starke Figur, die auch ein neues Verständnis für die immer deutlicher hervortretenden Grossrisiken in der modernen Industrie mitbrachte. Gerber übernahm bei Roche das Doppelmandat als Präsident wie auch als Konzernchef, ohne dieses gleiche Doppelmandat bei der Zurich los zu lassen. Was heute absolut undenkbar wäre, gab schon damals Anlass zu einiger Kritik. Diese verstummte jedoch, nachdem sich beide Firmen erfolgreich entwickelten.

Auch Roche profitierte in hohem Mass von Gerbers sicheren Instinkten und zweifellos auch von seiner glücklichen Hand, die ihn 1990 zum Kauf einer Aktienmehrheit der kalifornischen Biotechfirma Genentech führte. In der Folge wurde Genentech zur Innovationsmaschine von Roche, mit deren Hilfe der Konzern seine in die Jahre gekommenen Strukturen modernisieren und Altlasten wie die im Zusammenhang mit dem globalen Vitaminkartell fällig gewordenen Strafzahlungen absorbieren konnte.

In einer Zeit der konsequenten Gewaltenteilung in den Unternehmen sind Karrieren wie jene von Fritz Gerber nicht mehr denkbar. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass der Homo Helveticus in einer vielleicht länger anhaltenden Phase der De-Globalisierung wieder etwas Auftrieb erhält. Gerber hinterlässt fünf Kinder aus zwei Ehen.

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Autor

Daniel Zulauf

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