Das andere Interview

Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz: «Frauen hören mir gerne zu»

Wenn Pierin Vincenz in seinem Bündner Dialekt «K»-Wörter auch wirklich mit «k» anstatt mit einem krächzigen «ch» ausspricht, hört ihm auch Alexandra Fitz gerne zu.

Wenn Pierin Vincenz in seinem Bündner Dialekt «K»-Wörter auch wirklich mit «k» anstatt mit einem krächzigen «ch» ausspricht, hört ihm auch Alexandra Fitz gerne zu.

Pierin Vincenz, ehemaliger Chef der Raiffeisen, kennt keine Allüren und hat keine Berührungsängste. Der Bündner über die Bedeutung von Geld, seine Cola-Sucht, seinen schwersten Schicksalsschlag und Liebe im Büro.

Er wartet in Zimmer 317 auf mich. Ich bin nervös und er sitzt lässig auf der Couch. Auf dem Tisch stehen dieses italienische Marzipan-Gebäck und kleine Pâtisserie. Ich denke: Boah, wenn alle Wirtschaftsinterviews in so einem noblen Setting stattfinden, bin ich im falschen Ressort. 

Pierin Vincenz, der Draufgänger, der die provinzielle Bauernbank Raiffeisen zur drittgrössten Bank der Schweiz gemausert hat, begrüsst mich und fragt, ob ich das öfter mache. Was? Fremde Männer in schicken Hotels vis-à-vis dem Zürcher Bahnhof treffen? Nein, Leute aus anderen Themengebieten interviewen. Nein, das ist mein erstes Mal. Bei beidem.

Sie waren nicht gerade der beste Schüler, haben mehrmals repetiert, hatten viele Flausen im Kopf, wussten lange nicht, was sie werden wollen, haben erst mit 26 angefangen, zu studieren. Erstaunt es Sie selber, wie weit Sie es gebracht haben?

Pierin Vincenz: Ja, aber ich war immer ein positiver Mensch und dachte, aus mir wird schon mal was Rechtes werden. Aber klar gab es auch Phasen, in denen man an sich zweifelt und das Selbstbewusstsein ein bisschen verliert.

Wie haben Sie das Selbstbewusstsein wiedererlangt?

Ich wusste, wenn ich dieses Wirtschaftsstudium mit 26 anfange, dann muss es klappen. Ich habe mich im Gegensatz zu meinen schulischen Tätigkeiten ins Zeug gelegt und hatte das erste Mal richtig Freude am Lernen.

Viele Topmanager aus der Bankenbranche wurden unsanft entlassen. Sie gingen im September mit 59 Jahren – früher als die meisten – freiwillig. Aus Angst, doch noch einen Fehler zu machen, oder eher nach dem Motto: lieber den Zeitpunkt selbst bestimmen?

Den Zeitpunkt bestimmen, wann man geht, ist ganz entscheidend. 20 Jahre Raiffeisen, 60 Jahre alt werden. Da dachte ich, das ist eine gute Zeit, um in den nächsten 30 Jahren noch einmal etwas Neues zu machen.

Sie gehen davon aus, dass Sie 90 werden?

Wenn die Gesundheit das zulässt. Ich sage immer: Ich habe 30 Jahre nicht so viel gemacht, 30 Jahre viel gearbeitet, und die nächsten 30 Jahre möchte ich es kombinieren. Meine Generation gestaltet ja das Leben mit 60 noch einmal. Aber ja, es war ein freiwilliger Entscheid. Es ist immer schöner, wenn man das Leben gestalten kann, anstatt dass man gestaltet wird. Aber natürlich, wenn man exponiert ist, ist es Teil dieses Jobs. Wenn etwas passieren würde, muss man die Verantwortung übernehmen. Und das heisst manchmal auch: Zurücktreten.

Sie sind jetzt Verwaltungsratspräsident bei Helvetia. Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Was tun Sie genau und wie viel Zeit beansprucht das pro Woche?

Mein Mandat bei Helvetia beansprucht etwa um die 50 Prozent. Als VR-Präsident ist man zwar oberster Chef, aber nicht mehr im operativen Geschäft. Bei der Raiffeisen habe ich auf ein, eineinhalb Jahre Termine fixiert gehabt, Ferien musste ich fast zwei Jahre im Voraus buchen. Diese Intensität an Sitzungsrhythmen hat man als Verwaltungsratspräsident nicht mehr. Aber ich bin ja im Verwaltungsrat mehrerer Firmen tätig.

Machen Sie das, dass Ihnen nicht langweilig wird, oder wegen des Geldes?

Ich habe nie gesagt, ich höre auf zu arbeiten. Ich wollte mein Arbeitsleben einfach anders gestalten. Die Geldfrage steht nicht im Vordergrund.

Was beutet Ihnen denn Geld?

Geld hat in den verschiedenen Lebensphasen eine unterschiedliche Bedeutung. Am Anfang lebt man vor allem von den Eltern und hat definitiv immer zu wenig. Nachher fängt man an zu arbeiten und merkt, wenn man Geld hat, kann das Leben durchaus angenehmer gestaltet werden. Aber es ist nicht das Einzige. Wenn es bei mir nur um das Geld gegangen wäre, hätte ich 1996, als ich international tätig war, nicht entschieden, in der Schweiz zu arbeiten.

Hat Geld nicht einen zu starken Wert heute?

Ja, das ist sicher so. Es kommt aber auch auf die Lebensphase an. Sie als jüngere Person nehmen das vielleicht eher so wahr als ich, der schon ein bisschen älter ist.

Okay, Alter und Erfahrung spielen eine Rolle. Aber auch die Perspektive. Sie haben viel Geld, dann ist es einfacher zu sagen: Geld hat gar nicht so einen hohen Stellenwert.

Ja, und ehrlich gesagt definiert sich auch im Alter noch viel über das Geld. Gesundheit ist sicher wichtiger, aber Geld ist auch ein wichtiger Faktor.

Die Aargauische Kantonalbank zahlt ihrem neuen Chef «nur» noch 600000 Franken. Hätten Sie es auch für 600000 Stutz gemacht?

Ich habe bei der Raiffeisen sicher mit weniger angefangen. Aber ich würde ja nicht mehr CEO einer Bank werden, daher ist diese Frage für mich nicht relevant.

Als Sie noch CEO waren, haben Sie zwei Monate Auszeit gemacht. Wie kann man als Top-Manager zwei Monate fehlen?

Grundsätzlich gehört es zur Führungskultur von Raiffeisen, dass man nach 13 Jahren ein Sabbatical macht. Es gab kein Argument, dass ich als CEO kein Sabbatical mache. Ich musste das machen.

Sie möchten mir sagen, dass Sie gar nicht zwei Monate Ferien wollten, sondern mussten?

Nein, ich wollte schon. Ich hatte einen Riesenplausch. Wir waren einen Monat in Peru und Chile und sind einen Monat durch Vietnam und Thailand gereist.

Mit dem Rucksack?

Nein, nicht als Backpacker. Das mache ich nicht mehr in meinem Alter, das habe ich früher gemacht.

Waren Sie wirklich acht Wochen komplett aus dem Geschäft raus? Keine Anrufe und Mails in der Zeit?

Ja, man hat mir am Freitag, als ich gegangen bin, das Mail gekappt. Ich hatte keinen Zugriff mehr. Telefon kam kein einziges.

Hatten Sie dann nicht Angst, dass man Sie gar nicht mehr zurückwill?

Ja, das darf natürlich nicht passieren. Wenn man danach keinen Job mehr hat, geht niemand mehr in das Sabbatical. Man merkt aber, dass es auch mal ohne einen geht. Die Stellvertreter sind hoch motiviert, dass sie endlich mal den Job machen können, und das Letzte, was die machen, ist anrufen und fragen.

Sie haben gesagt, wenn man gegen 60 gehe, kenne man seine Schwächen und Stärken. Bei Ihrem ersten Bewerbungsgespräch ist Ihnen auf Nachfrage partout keine Schwäche eingefallen. Haben Sie jetzt eine Antwort?

(überlegt) Hmm ... Schwächen? Ich habe einfach gewisse Eigenschaften. Ich bin einer, der nicht oft Danke sagt.

Was bringt Sie aus der Fassung?

Illoyalität. Wenn man sich für Leute einsetzt, sich auf sie verlässt und ihnen dann nicht vertrauen kann. Aber aus der Fassung lasse ich mich nicht so schnell bringen.

Keine Ausraster?

Nein, dann trinke ich erst einen Schluck Wein oder esse etwas Gutes. Wenn ich merke, dass ich unruhig werde, reagiere ich oft nicht sofort. Das empfehle ich auch anderen Leuten. Man kann im Ärger vielleicht schon ein Mail verfassen, aber sollte es nicht gleich abschicken. Heute reagieren wir alle viel zu schnell.

Sie haben sich im September vom operativen Geschäft verabschiedet. Was tun Sie eigentlich den ganzen Tag?

Ja, was habe ich gestern gemacht? Verwaltungsratssitzung. Heute Versicherungsverband, dann noch eine Sitzung in St. Gallen und später gehe ich ans Humorfestival nach Arosa.

Und sonst, Ihr Tagesablauf? Haben Sie ein Ritual? Frühstücken Sie immer das Gleiche?

Ich stehe gegen 7 Uhr auf. Mein Frühstück besteht eigentlich nur aus Cola Zero. Es kann auch schon um 6 Uhr am Morgen sein. Ich trinke bis zu zwei Liter Cola am Tag.

Wie bitte? Das ist ja eklig. Würden Sie also die verschiedenen Cola-Sorten erkennen?

Ich weiss es nicht, man müsste mal so einen Blindtest machen.

Wir wussten natürlich von Vincenz’ Vorliebe für Cola und haben vier Cola-Sorten gekauft. Vincenz geht aus dem Raum, wir füllen die Gläser und lassen ihn blind verkosten. Seine erste Reaktion, als er Cola Zero, seine Lieblings-Cola, trinkt: «Bähh, das isch das Schreckliche, das Grüene.» Aber nach ein paar weiteren Probeschlücken erkennt er Cola Zero.

Was bedeutet Ihnen Heimat?

Als Bündner ist man primär Bündner. Und als Romanischsprechender ist man Romanisch sprechender Bündner. Aber wenn man viel unterwegs ist, ist Heimat, wo man sich wohlfühlt. Und somit ist die Schweiz meine Heimat.

Haben es Bündner Männer wirklich einfacher bei Frauen?

Bei den vielen Vorträgen, die ich gehalten habe, habe ich oft Feedbacks von Frauen bekommen: Sie hätten mir noch lange zuhören können – aber immer nur wegen des Dialekts, nie wegen des Inhalts. Also ein kleiner Vorteil ist es schon.

Apropos Frauen. Liebe am Arbeitsplatz, das ist den meisten schon einmal passiert. Aber als CEO ist das heikel. Sie haben mit einer Juristin Ihrer Bank angebandelt.

Ja, ich habe meine Frau am Arbeitsplatz kennen gelernt. Das ist der einfachste Weg. Als Chef hat man ja den Vorteil, dass man alle Dossiers kommen lassen und sie genau anschauen kann (lacht). Es ist wichtig, dass man so eine Beziehung relativ schnell transparent macht und informiert. Und genau das ist ja das Schwierige, man kennt sich gar noch nicht gut und muss es schon transparent machen. Bevor Gerüchte entstehen konnten, habe ich es sofort dem Verwaltungsrat gesagt. Klar ist es noch heikler in der Konstellation, in der wir waren. Aber wenn es passiert, soll einer dann gehen müssen? Wir haben einfach sofort Massnahmen ergriffen.

Welche?

Es braucht klare Spielregeln insbesondere, was Vertraulichkeit anbelangt. Es lagen zwei Führungsstufen zwischen uns, und wir haben stets darauf geachtet, dass wir, wenn wir übers Geschäft sprachen, nur diejenigen Dinge diskutierten, welche auch im «Normalfall» zwischen uns hätten besprochen werden müssen. So kann man das regeln.

War es anfangs ein mühsames Versteckspiel?

Ja, die Frage ist ja: Wo trifft man sich? Wir sind nach Österreich. Bei einem Nachtessen kam dann jemand an den Tisch und sagte: «Grüezi Herr Vincenz.» Da wusste ich, jetzt muss ich es sagen. Dann habe ich erklärt, es gebe da eine Liaison, wo man noch nicht wisse, wie es sich entwickle. Das war schon nach einem Monat. Wenn wir alles den Compliance-Regeln unterordnen, dann gibt es keine Interessenskonflikte, keine Beziehungen mehr am Arbeitsplatz. Wenn man alles nur noch formell macht, wie es gewisse Leute gerne sehen würden, kann man den Betrieb schliessen.

Bevor Sie gingen, haben Sie Ihre Frau ordentlich die Karriere-Leiter hochgeschubst. Wären Sie nicht liiert gewesen, hätte es diese Beförderung zur Rechtschefin wahrscheinlich nicht gegeben.

Aus dem Mund einer Frau finde ich das eine etwas diskriminierende Aussage. Zudem ist sie falsch: Mit dieser Entscheidung hatte ich nichts mehr zu tun.

Das glaubt Ihnen niemand.

Man muss auch ehrlich sagen, dass sie, solange ich im Unternehmen war, keinen Karriereschritt machen konnte. Wir haben sie nie befördert. Das war auch eine Spielregel.

War das also die Belohnung für Ihre Frau, dass sie wegen Ihnen die ganzen Jahre nicht befördert wurde?

(lacht) Nein, nein. Das ist eine normale Entwicklung, die sie gemacht hat.

Ihre erste Frau haben Sie im Jahr 2000 auf tragische Weise verloren. Ihre Mädchen waren erst sechs Jahre alt. Was und wer hat Ihnen durch diese schwere Zeit geholfen?

Ja, das war eine harte Zeit. Im Dezember bin ich als CEO gewählt worden, im Februar ist sie innerhalb von 24 Stunden an einer Hirnblutung gestorben. Da rüttelt es dich schon durch, du stehst da mit den Kindern und musst dich komplett neu organisieren. In der ersten Phase kam die Familie, dann habe ich professionelle Hilfe hinzugezogen. Danach haben mich die neuen Schwiegereltern bei der Betreuung unterstützt. Ich habe immer gesagt, dass ich den Lead bei der Erziehung der Kinder übernehme, alles andere wie Haushalt interessiert mich nicht. Ich habe dann reduziert und keine Veranstaltungen mehr wahrgenommen, die nichts mit Raiffeisen zu tun hatten, war öfters daheim. So ein Schicksalsschlag hat sehr viel mit Trauer zu tun, du musst sie zulassen zu Hause, gerade bei Kindern.

Wie haben Sie das gemacht?

Das ging nur mithilfe von Psychologen, die wussten, wie Kinder reagieren. Ich habe sie auch in eine Maltherapie geschickt. Man tendiert schnell dazu, viel Stimmung und Programm zu machen. Ich musste lernen, dass das fast kontraproduktiv ist, dass man Trauer zulassen muss. Das war nicht meine Stärke.

Haben Sie nie daran gedacht, zurückzutreten?

Das kam nie infrage. Als CEO hat man auch viele Privilegien. Wann Sitzungen anfangen und aufhören, habe ich bestimmt. Dann konnte ich den Kindern verlässlich sagen, wann ich heimkomme. Deswegen habe ich die Leute immer motiviert, zu sagen, wenn sie die Kinder von der Krippe holen müssen, und nicht eine verrückte Ausrede zu erfinden.

Wie war es für Ihre Kinder, dass Sie eine neue, jüngere Partnerin hatten?

Ich habe ja Zwillinge, beide waren sieben Jahre alt. Wir waren dort auch betreut. Denn wir hatten das Gefühl, wir können heimkommen, schnell vorstellen und sagen: Das ist jetzt die Neue. Aber wir wurden darauf hingewiesen, dass es etwa ein Jahr dauert, bis sich die Kinder an eine neue Person gewöhnt haben. Und es war auch so. Die eine hat gesagt: Super, ein neues Mami. Die andere hat boykottiert. Heute lachen wir viel darüber. Ich sage oft, wenn man zum Beispiel Golf spielt, hat man jemanden, der einen immer weiterentwickelt. Im Privaten meint man immer, man müsse alles selber machen und lösen.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Sehr traditionell. Mit Weihnachtsbaum und Geschenken. Ich stresse immer alle mit den Geschenken – für mich braucht es Päckli unterm Baum.

Singen?

Wir versuchen zu singen. Ich musste sogar einmal Gitarre lernen, dass wir ein Familienkonzert machen können – mit mässigem Erfolg. Wichtig ist, dass wir alle zusammen in meinem Heimatdorf Andiast sind.

Das schlimmste Weihnachtsgeschenk, das Sie je bekommen haben?

Früher gab es oft diese Stofftaschentücher, die fand ich nicht gerade «de Hit».

Ich habe ihm eines als Geschenk nach Andiast geschickt.

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