Postauto-Affäre

Ex-Postfinanzchef Koradi bricht sein Schweigen: «Ich hätte vieles ins richtige Licht rücken können»

Pascal Koradi, der ehemalige Finanzchef der Post, geht in die Offensive. Er übt harsche Kritik am Untersuchungsbericht zur Postauto-Affäre. Er sei «massiv enttäuscht», weil er keine Stellung nehmen konnte. Und: Er erklärt, wie er Transparenz in die Postauto-Geschichte bringen wollte, die Post-Spitze aber nicht mitmachte.

Der Schlag kam nicht aus heiterem Himmel. Monatelang hing der zu erwartende Untersuchungsbericht zur Postauto-Affäre wie ein Damoklesschwert über Pascal Koradi. Doch vor zwei Wochen, als der Bericht publiziert wurde, war der Schlag umso härter und er steht dem 45-Jährigen auch beim Interviewtermin am Donnerstagmorgen noch im Gesicht geschrieben.

Der Postauto-Skandal kostete ihn den Job als Chef der Aargauischen Kantonalbank. Koradi war von 2012 bis 2016 Finanzchef bei der Post. Damals wurden bei der Tochtergesellschaft PostAuto Schweiz AG mit gesetzeswidrigen Buchungen Gewinne gedrückt, um Subventionen vom Bund zu kassieren.

Koradis Rolle dabei wird im Untersuchungsbericht zwar nicht gewürdigt. Sein Name kommt allerdings 42 Mal vor und in der Öffentlichkeit gilt er aufgrund von veröffentlichten Mails und Aussagen Dritter schnell als Mitwisser der Tricksereien. Koradi dagegen betonte stets, er habe nichts von illegalen Manipulationen gewusst. Jetzt geht er in die Offensive und kämpft um seinen Ruf.

Herr Koradi, wir treffen uns heute zum Interview, weil Sie einiges klarstellen möchten zur Postauto-Affäre. Warum jetzt? Fühlen Sie sich als Sündenbock?

Pascal Koradi: Man hat mich zum Thema bis heute nie angehört. Ich bin vor zwei Wochen als Chef der Aargauischen Kantonalbank zurückgetreten und habe jetzt endlich die Möglichkeit, als Privatperson Pascal Koradi zu sprechen.

Bevor wir in die Tiefe gehen: Kommen Sie nicht in jedem Fall schlecht weg? Entweder haben Sie von den fiktiven Buchungen bei PostAuto gewusst, was Sie ja bestreiten. Oder aber Sie haben als Finanzchef der Post tatsächlich nichts von den Buchungstricks mitbekommen, was auch nicht für Sie sprechen würde.

Genau darüber will ich reden. Ich hatte in meiner Zeit als Post-Finanzchef keine Hinweise auf ein Manipulationssystem mit fiktiven Buchungen. Nie. Aber ja, ich habe im Rahmen des Gewinnsicherungsprojekts von der aperiodischen Kostenzuteilungspraxis bei PostAuto erfahren. Das ist aber kein ungewöhnlicher Vorgang und keineswegs per se illegal. Ich nehme aber für mich in Anspruch, dass ich mich – kaum ein Jahr bei der Post – für ein System starkgemacht habe, das gegenüber dem Regulator, also dem Bundesamt für Verkehr BAV, volle Transparenz herstellt.

Das müssen Sie uns genauer erklären: Sie wussten nichts von fiktiven Buchungen und wollten gleichzeitig das System transparenter machen?

Im Rahmen der strategischen Finanzplanung habe ich PostAuto in der Frage unterstützt, wie ihr Geschäft auch in Zukunft wirtschaftlich betrieben werden kann. Ich habe immer darauf gepocht, dass das Bundesamt für Verkehr davon Kenntnis haben muss und ein System gutheisst, welches Legitimität und Legalität sicherstellt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass dabei irgendwelche fiktive Buchungen ohne Grundlagen im Spiel waren.

Im Untersuchungsbericht sind aber keine Hinweise zu finden, die Ihr Engagement für Transparenz stützen und Sie entsprechend entlasten. Haben wir etwas übersehen?

Ich habe auch nur das lesen können, was veröffentlicht worden ist. Es sind anscheinend 2,9 Millionen Dokumente gesichtet worden. Es gibt wesentliche Dokumente und Aussagen, die dabei nicht enthalten sind. Die vermisse ich tatsächlich. Auch die Würdigung der untersuchten Dokumente konnte ich bisher nicht einsehen.

Was wäre denn ein solches Dokument, das Sie entlasten soll und im Bericht fehlt?

Es gibt zum Beispiel ein Mail, das zeigt, dass die Stellungnahme des BAV für mich von zentraler Bedeutung war und ich bei negativer Haltung des Regulators die Lösung nicht unterstützt hätte. Ich war immer der Meinung, dass die Lösung unbedingt dem Bundesamt für ein sogenanntes Ruling vorgelegt werden sollte. Das habe ich auch kundgetan. Aus unerklärlichen Gründen wird das im Bericht nicht erwähnt.

Aber ein Ruling, also die rechtliche Sicherstellung eines solchen Vorgehens, gab es offenbar nicht.

Auf mein Insistieren hin gab es mit dem BAV einen Schriftwechsel. Ich hätte aber eine klare Stellungnahme des BAV bevorzugt.

Haben Sie sich nicht durchsetzen können?

Ich habe das Vorhaben von PostAuto kritisch, aber konstruktiv begleitet. Ich hatte keine direkte Verantwortung für PostAuto, ich habe aber meine Verantwortung in der Post-Konzernleitung wahrgenommen und mich dann dem Entscheid gefügt.

Es war also eine Mehrheitsentscheidung der Post-Geschäftsleitung, auf ein Ruling zu verzichten?

Nochmals: Aus meiner Sicht hätte man das Bundesamt für Verkehr stärker involvieren müssen. Ich habe klar darauf hingewiesen, aber die Entscheidung lag nicht in meiner Verantwortung.

Aber als Post-Finanzchef hatten Sie die Verantwortung über die Korrektheit der Konzernbilanz. Einverstanden?

Für die Konzernrechnung Post selbstverständlich. Aber bei PostAuto hatte ich keine Weisungsbefugnisse und entsprechend auch nie Einfluss auf Buchungen oder die Buchhaltung auf Stufe Einzelabschluss. Dies lag alles ausserhalb meines Kompetenzbereichs.

Schauen wir zwei der belastenden Dokumente im Untersuchungsbericht nochmals an, die immer wieder zitiert werden. Im Expertenbericht zur PostAuto-Affäre steht, ein Mitarbeiter von PostAuto habe bestätigt, dass «Herr Koradi über die Korrekturbuchungen informiert ist». Was sagen Sie dazu?

Eine dritte Person sagt hier etwas über mich. Und ohne dass ich selber angehört werde, stellen die Experten das nun in einen Zusammenhang, den ich in dieser Form bestreite. Ich hatte Kenntnis von aperiodischen Buchungen, aber nie von illegalen, fiktiven Buchungen ohne Grundlage. Punkt.

Sie betonen immer wieder, dass Sie Ihre Sicht nicht einbringen konnten im Untersuchungsbericht. Die Post hat im «Blick» allerdings festgehalten, Sie hätten schriftlich Stellung nehmen können. Was stimmt nun?

Ich konnte kurz vor der Publikation in den Räumen der Anwaltskanzlei, die den Untersuchungsbericht verfasst hat, Teile des Berichts lesen. Ich sah schnell, dass er unvollständig war und Referenzierungen zwischen Bericht und Gutachten nicht übereinstimmten. Ich wollte wissen, warum, aber das konnte mir vor Ort niemand sagen. Auf dieser Basis war es mir gar nicht möglich, Stellung zu nehmen. Nochmals: Ich finde es absolut stossend, dass die Vorgänge bei PostAuto seit 2016 aufgearbeitet wurden, ich aber nie angehört wurde. Das schmerzt.

Fühlen Sie sich ohnmächtig?

Nicht ohnmächtig, aber ich bin enttäuscht.

In einem belastenden Mail von Ihnen schreiben Sie von «Creative accounting» und dass man das lieber «Verrechnungslogik» nennen soll, um einen Reputationsschaden zu verhindern, falls das in «falsche Hände» gerate. Von aussen sieht das nun mal aus wie ein Vertuschungsversuch von fragwürdigen Vorgängen.

Das ist eine zentrale Schwäche des Berichts. Man stellt dieses Mail in Zusammenhang mit fiktiven Buchungen und das ist schlicht falsch! «Creative Accounting» bedeutet, den Spielraum der Buchungsregeln zu nutzen und zwar – ganz wichtig – immer innerhalb des rechtlichen und regulatorischen Rahmens. Ich fand den Begriff völlig unpassend, dazu stehe ich. Aber mit möglichen fiktiven Buchungen hatten meine Überlegungen gar nichts zu tun.

Die fiktiven Buchungen sind das eine. Aber im Expertengutachten werden bereits die aperiodischen Umbuchungen, von denen Sie ja Kenntnis hatten, als rechtswidrige Buchungspraxis bezeichnet. Das sehen Sie nicht so?

Ich bestreite, dass eine Buchungspraxis, welche aperiodische Umbuchungen – also Buchungen nach Jahresende mit Einfluss auf den Abschluss – per se illegal sind. Solche Buchungen sind nicht gleichzusetzen mit fiktiven Buchungen. Das ist nicht dasselbe.

Sie betonen, nichts von den Postauto-Tricksereien gewusst zu haben. Aber hätten Sie das als Post-Finanzchef nicht sehen müssen?

Nein, der Post-Finanzchef ist nicht verantwortlich für den Einzelabschluss einer Gesellschaft. Er stützt sich auf Vorarbeiten von Dritten ab, insbesondere auf Prüfungsarbeiten. Das habe ich getan. Und vergessen Sie den Gesamtkontext nicht: Die Post macht 8,5 Milliarden Franken Umsatz pro Jahr. Die jetzt diskutierten Abgeltungen sind im Promillebereich der Post.

Im Zusammenhang mit dem «Creative Accounting» war in einer internen Revision von «strategischen Korrekturen» die Rede. Was sind das für strategische Korrekturen, die man da machen wollte? Hätte Sie das nicht stutzig machen müssen?

Ich habe das damals im Wissen gelesen, dass PostAuto das Problem im Auftrag des Postkonzerns angeht. Es sollte eine Lösung geschaffen werden, welche für den Regulator akzeptabel ist. In dieser Annahme habe ich das damals schon laufende Projekt finanzstrategisch begleitet.

Wie schätzten Sie grundsätzlich den Zielkonflikt ein zwischen Gewinnvorgaben durch den Bund und dem Verbot, im subventionierten Personenverkehr Gewinne zu machen?

Ich hatte die schöne Aufgabe, in einem Unternehmen der öffentlichen Hand zu arbeiten. Es war nicht an mir, die Rahmenbedingungen zu kritisieren, sondern diese einzuhalten.

Würden Sie im Rückblick etwas anders machen?

Nein, ich stehe zu meinen Entscheidungen. Ich kann mir aus damaliger Sicht schlicht nichts vorwerfen.

Die PostAuto-Affäre flog im Februar auf. Damals sahen Sie keinen Grund für einen Rücktritt als Bankchef. Dabei war absehbar, dass der Untersuchungsbericht auch Ihre Rolle thematisieren wird. Haben Sie das falsch eingeschätzt?

Ich bin massiv enttäuscht. Ich habe nicht erwartet, dass ein Bericht veröffentlicht wird, in dem ich nicht Stellung nehmen kann. Ich bin überzeugt, dass ich vieles ins richtige Licht hätte rücken können.

Hatten Sie in den letzten Monaten Kontakt mit Ihrer ehemaligen Chefin Susanne Ruoff, die ebenfalls ihren Job verlor?

Ich habe Susanne Ruoff letztmals im Sommer 2017 gesehen.

Wie sehen Sie einem möglichen juristischen Nachspiel entgegen?

Illegale Machenschaften waren mir nie bekannt. Mir ist eine volle Aufarbeitung wichtig. Dem stelle ich mich.

Sie gehen jetzt in die Offensive und wollen die Öffentlichkeit von der Richtigkeit Ihres damaligen Handelns überzeugen. Warum sind Sie dann trotzdem als Kantonalbank-Chef zurückgetreten. Haben Sie die Nerven zu früh verloren?

Die AKB war für mich eine Herzensangelegenheit. Doch als ich spürte, dass man in der Öffentlichkeit meine Reputation infrage stellt, musste ich die Konsequenzen ziehen, um die Bank zu schützen. Auch wenn mich der Entscheid schmerzt.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Das Wichtigste ist jetzt, dass ich meine Stellungnahme zur Post-Geschichte abschliessen kann. Und ich habe das grosse Glück, eine tolle Familie und einen Freundeskreis zu haben, der zu mir steht. Ich werde schon wieder eine Aufgabe finden.

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