«Der Fall um den mutmasslichen Anlagebetrüger ASE Investment ist nur die Spitze des Eisbergs», sagt ein Ex-Mitarbeiter der Zürcher Private-Banking-Sparte der Basler Kantonalbank (BKB), der anonym bleiben will. «Ich habe deshalb bei der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) den Antrag auf eine Gewährsprüfung bei der BKB gestellt», so das ehemalige BKB-Direktionsmitglied gegenüber der «Nordwestschweiz».

Die Finma-Eingaben, welche der «Nordwestschweiz» vorliegen, gehen hart ins Gericht mit dem Bankratspräsidenten, Andreas Albrecht, dem Chefjuristen respektive Compliance-Chef, Christian Schöniger, und dem ehemaligen Leiter der Zürcher Niederlassung. Letzterer sei zwar schon entlassen worden, aber es gebe Hinweise, dass er erneut für ein von der Finma beaufsichtigtes Institut als oberstes Organ tätig werden könnte.

In den zwei Eingaben vom 12. und 26. November ist von fragwürdigen Methoden die Rede, mit denen Bankangestellte ihre Kunden übervorteilten hätten. Der Bankratspräsident und der Chefjurist hätten die Geschäftsstrategie von BKB Private Banking Zürich gutgeheissen, weshalb die Finma prüfen müsse, ob die Gewähr für einwandfreie Geschäftsführung nach wie vor erteilt werden kann. Sie ist gemäss dem Schweizer Bankengesetz Voraussetzung für die bewilligungspflichtige Bankentätigkeit. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der anzeigende Mitarbeiter versteht sich selbst als Whistleblower, der die Behörde über fragwürdige Praktiken von ehemaligen BKB-Mitarbeitern informieren wolle. Er selbst habe den Leiter des Bereichs Legal and Risk über die Methoden informiert, dieder ehemalige Leiter der Zürcher BKB-Filiale zusammen mit externen Vermögensverwaltern aufgebaut hatte. Die Bankleitung wollte aber keine Massnahme zur Behebung der Missstände treffen.

«Kein Zusammenhang mit ASE»

Mit der internen Meldung machte sich der Whistleblower zum Feind des Niederlassungsleiters und seiner «Clique». Schliesslich sei er unter Verleumdungen fristlos entlassen worden, auch weil er die Vermögen seiner Kunden nicht an den Niederlassungsleiter weitergeben wollte, sondern die Verwaltung dem Portfolio Management am Hauptsitz in Basel übertrug. Im Zuge des ASE-Skandals sind vor einigen Wochen der Niederlassungsleiter sowie zwei weitere Mitarbeiter ebenfalls entlassen worden. Es habe sich gezeigt, dass sich Mitarbeitende in einigen Fällen gegenüber Kunden nicht korrekt verhalten hätten, so das Fazit einer von der Bank angeregten Untersuchung durch die Anwaltskanzlei Bär & Karrer.

Der Untersuchungsbericht spricht von «unvollständigem Reporting» und «einer unzureichenden Wahrnehmung der Führungsverantwortung durch die Geschäftsleitung des Private Banking in Zürich». Auch das Compliance sei ungenügend gewesen: «Die Oberverantwortung für die Einhaltung der Compliance wurde nicht in ausreichendem Umfang wahrgenommen», so Bär & Karrer.

Die BKB wollte auf Nachfrage gegenüber der «Nordwestschweiz» zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Gegenüber «Tagesanzeiger.ch/Newsnet» erklärte der Pressesprecher der Bank, es handle sich beim Whistleblower um eine Person, von der man sich im Jahr 2001 in Uneinigkeit getrennt habe. «Die Darstellungen dieser Person über angebliche Vorgänge in der BKB dürften sich daher auf einen Zeitraum beziehen, der mehr als zehn Jahre zurückliegt», so der Pressesprecher.

Daher schliesse die Bank einen Zusammenhang der Vorwürfe mit dem Fall ASE Investment aus zeitlichen Gründen aus. Weil die Eingabe momentan bei der Bank nicht vorliege, könne man dazu keine Stellung nehmen. Weil ihnen keine Anzeichen vorliegen, dass die Vorwürfe stimmen, gehe man davon aus, dass diese haltlos seien. Sollte die Finma trotzdem weitere Abklärungen treffen, werde die Bank sich kooperativ zeigen, teilte der Sprecher weiter mit.

Finma geht Hinweisen nach

Die Finma sagte auf Anfrage, dass man Hinweise, die allenfalls für die Aufsichtstätigkeit nützlich sein könnten, immer entgegennehme. «Wir gehen diesen Hinweisen nach, diskutieren die Informationen aber nicht öffentlich», so gestern ein Finma-Sprecher. Dass die Finma, den BKB-Managern die Gewähr für einwandfreie Geschäftsführung wirklich entziehen und damit faktisch ein Berufsverbot erteilen wird, ist allerdings fraglich.

Handelt es sich bei den Anschuldigungen um eine Art Racheakt? Die BKB hatte dem Whistleblower 2001 fristlos gekündigt. Zudem hatte der ehemalige BKB-Mitarbeiter schon mit der Justiz zu schaffen gehabt, wodurch seine Glaubwürdigkeit leiden könnte.

Der Whistleblower bestreitet, dass es sich um Rache handelt. Die BKB wolle mit den ständigen Hinweisen auf seine Auseinandersetzungen mit der Aargauer Justiz als Konsequenz einer schwierigen Ehescheidung seine Glaubwürdigkeit torpedieren. «Das ist ein beliebter Trick der Bank», so der Whistleblower gegenüber der «Nordwestschweiz».

Die Art und Weise der Kündigung bei der BKB wurde durch das Bezirksgericht Zürich aufgehoben. «Die Bank musste mir nachträglich noch 27000 Franken bezahlen. Heute habe ich gegenüber der BKB keine Forderungen mehr». Er habe nur noch ein Mandat einer ehemaligen BKB-Kundin, die von der Bank Schadenersatz fordert, weil sie bei der Bank viel Geld verloren hatte.

Erpressungsvorwürfe

Die BKB und der ehemalige Leiter der Zürcher Niederlassung haben Ende August bei der Staatsanwaltschaft Baden Anklage gegen den Whistleblower erhoben. Es geht um diverse Vergehen wie versuchte Erpressung und Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Diese Klage erscheint im Rückblick allerdings auch ein wenig im schiefen Licht. Denn der Niederlassungsleiter von Zürich wurde entlassen, nachdem der Bericht von Bär & Karrer zum Schluss gekommen war, dass er sich Fehler zuschulden kommen liess. Nun will die BKB zusammen mit dem entlassenen Niederlassungsleiter rechtliche Schritte gegen den Whistleblower unternehmen?

Die Bär&Karrer-Untersuchung bezog sich auf die Zeit ab 2007 und auf die Affäre um den mutmasslichen Anlagebetrüger ASE. Mit den Finma-Eingaben des Whistleblowers liegen nun weitere Fälle aus früheren Jahren auf dem Tisch der Aufsichtsbehörde. Ob die BKB sich auch schon früher Compliance-Fehler geleistet hatte und überhöhte Reputations-, Rechts- und Kreditrisiken eingegangen war, muss nun die Finma entscheiden.