Frankreich

Europas Börsen nicken die französische Präsidentschaftswahl ab

Europas Börsen reagierten auf die Wahl von Emmanuel Macron zum achten Präsidenten Frankreichs zunächst, als sei ihnen nichts gleichgültiger.

Europas Börsen reagierten auf die Wahl von Emmanuel Macron zum achten Präsidenten Frankreichs zunächst, als sei ihnen nichts gleichgültiger.

Der Le-Pen-Schock wurde vemieden. Die Börsen quittierten das jedoch mit Achselzucken. Immerhin: Zum Franken steigt der Euro weiter auf den höchsten Stand seit Oktober. Das ist eine gute Nachricht für die Schweiz.

Europas Börsen reagierten auf die Wahl von Emmanuel Macron zum achten Präsidenten Frankreichs zunächst, als sei ihnen nichts gleichgültiger. Erst zu Handelsschluss traten schon bald wieder vermehrt Käufer auf, sodass etwa der wichtige Schweizer Aktienindex SMI den Tag erneut auf einem Jahreshoch beendete.

Warum die Gelassenheit? Der Grund ist banal: Macron führte in den Umfragen mit 20 Prozentpunkten Vorsprung, am Freitag war der Abstand auf 62 zu 38 Prozent gewachsen. Die Märkte waren sich daher immer sicherer, dass er gewinnt.

In der Tat hatten die europäischen Börsen zwischen dem ersten Wahldurchgang vor zwei Wochen und dem letzten Wochenende sieben bis acht Prozent zugelegt. Ein grosser Freudensprung nach der Wahl Macrons blieb daher aus. Und was nicht vergessen gehen darf: Die scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber der Wahl von Macron heisst nicht, dass eine Wahl von Le Pen zu keinem Crash geführt hätte.

Eurokrise vermieden

Zwar weckte der Optimismus aufgrund von Umfragewerten schlechte Erinnerungen: Wäre es nach den Umfrageresultaten gegangen, gäbe es schliesslich keinen Austritt Grossbritanniens aus der EU und im Weissen Haus sässe Hillary Clinton. Doch der Hinweis, dass nach den Überraschungen von 2016 immer mit allem zu rechnen sei, stiess nun offenbar an seine Grenzen. Der Sicherheitsabstand von Macron war einfach zu gross.

Donald Trump und Hillary Clinton trennten nur rund 4 Prozentpunkte. Auch beim Brexit war mehr Raum für böse Überraschungen: 48 zu 42 Prozent stand es für den Verbleib in der Gemeinschaft.

Schon nach dem ersten Wahldurchgang am 23./24. April waren die Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen gesunken, der Euro hatte zugelegt, auch zum Franken (vgl. Grafik).

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Die Anleger stuften die Gefahr eines Euroaustritts Frankreichs also bereits als viel geringer ein. Ein Sieg von Le Pen hätte viel Unsicherheit gebracht bezüglich der Zahlungsfähigkeit Frankreichs. Unter anderem, weil sie versprach, den Sozialstaat weiter auszubauen, ohne zu sagen, wie das finanziert werden soll. Frankreichs Staatsverschuldung steht bei 100 Prozent.

Aufatmen für die Nationalbank

Deshalb verlangten Investoren im Februar, als der Wahlausgang noch offen war, mehr Zins für Geld, das sie ihm liehen: Im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen 0,8 Prozentpunkte mehr. Angesichts des noch immer tiefen Zinsniveaus ist das viel. Nach dem ersten Wahldurchgang hatte sich dieses Risikomass bereits auf 0,4 Prozentpunkte Differenz halbiert. Daran hat sich nun nicht mehr viel geändert.

Besonders wichtig war Macrons Sieg für die Schweiz. Mit Le Pen als Präsidentin wäre der Verbleib Frankreichs im Euro infrage gestellt worden, dieser hätte massiv an Wert verloren. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hätte massiv Euros kaufen müssen, um eine scharfe Frankenaufwertung zu verhindern, mehr noch als in der Eurokrise 2010/11.

Womöglich hätte sie aber kaum etwas ausrichten können. Der Franken wäre als Fluchtwährung zu gefragt gewesen. Die Folgen davon wären für die Schweizer Exportindustrie katastrophal gewesen. Doch es kam anders: Der Euro hat sich zum Franken von 1.085 am Freitag auf 1.913 am Montagabend weiter gefestigt. Es ist der höchste Stand seit Oktober.

Europas Aktien attraktiv

Dass ein Sieg Macrons bereits zu guten Teilen in den Märkten verarbeitet wurde, birgt Enttäuschungspotenzial. Wie viel Umsetzung seines Programms haben die Märkte ihm zugetraut, und in welchem Ausmass könnte er scheitern? Die verhaltene Reaktion der Börsen auf seinen Sieg könnte just die Tatsache spiegeln, dass ihnen bereits die nächste Station in der französischen Politik Kopfzerbrechen bereitete: die Parlamentswahlen.

Die Analysen von Vontobel Asset Management gehen davon aus, die Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni dürften zu einer fragmentierten Nationalversammlung führen. Daher sei noch unklar, wie Macron, dessen Partei «En Marche!» derzeit über keinen einzigen Sitz im Parlament verfügt, seine Renten- und Arbeitsmarktreformen durchsetzen werde.

Dennoch: Die internationalen Anleger seien angesichts des wahrgenommenen höheren politischen Risikos in der Region unterinvestiert. Der Wegfall eines grossen Teils dieses Risikos sollte nun Vermögenswerten in Europa zusätzlichen Auftrieb verleihen. Ähnlich argumentiert Arthur Jurus, Stratege bei Mirabaud Asset Management: Die Aufmerksamkeit werde sich wieder auf die guten Fundamentaldaten Europas richten. Die europäischen Marktindizes, inklusive Schweizer Werte, würden von neuen Käuferströmen aus In- und Ausland profitieren, insbesondere Banktitel.

Nick Sheridan von Henderson Global Investors bestätigt gegenüber der «Nordwestschweiz»: Europäische Aktien seien attraktiv bewertet, besonders im Vergleich zu US-Aktien. Die Wirtschaftsdaten legen zudem nahe, dass sich Europa auf dem Weg zu einer allmählichen Erholung befinde.

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