WEF-Umfrage
Euro, Franken, Weltwirtschaft: Was die Top-Shots erwarten

Geht es aufwärts oder bergab mit der Wirtschaft? Greifen die Massnahmen der EZB? Hat die Zentralbank mit der Freigabe des Frankenkurs richtig gehandelt? Einig sind sich Wissenschafter und Experten nur in einem: Die USA kommen wieder voran.

Roman Seiler
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Was die Zukunft bringt - darüber gehen die Meinungen 2015 wie selten auseinander.

Was die Zukunft bringt - darüber gehen die Meinungen 2015 wie selten auseinander.

Keystone

Das Wetter passt zur Stimmung: Nebel hängt über Davos. Nebulös ist auch die Stimmung der Teilnehmer am World Economic Forum (WEF). Der britische Unternehmer Richard Branson sagt: «Ich bin immer optimistisch. Die Geschäfte laufen gut.» Shigeru Muraki, ein in der Gasindustrie tätiger japanischer Manager, sagt: «Politisch leben wir in einer schwierigen Zeit.»

Wie Muraki blickt die Hälfte der 16 von der «Nordwestschweiz» am WEF befragten Manager und Wissenschafter eher skeptisch in die Zukunft. Die andere Hälfte ist optimistisch.

Den Nagel auf den Kopf trifft ein Pole. In der Warteschlange vor dem Sicherheitscheck im Steigenberger Grandhotel Belvédère sagt der Versicherungsmanager: «2008 war die Stimmung zu pessimistisch, 2014 zu optimistisch. Jetzt ist sie einfach realistisch.»

George Yeo, ehemaliger Aussenminister Singapurs, sagt: «Die Stimmung ist verhalten. Es gibt viel Unsicherheit, politisch wie wirtschaftlich.» Auch gemäss Robert S. Miller, dem Präsidenten des Verwaltungsrats des US-Versicherungsriesens AIG, ist die Stimmung «gespalten»: «US-Amerikaner und Europäer betrachten die Wirtschaftsentwicklung eher optimistischer. Aber es gibt Bedenken wegen geopolitischer Risiken wie dem Terrorismus.»

Ratlosigkeit wegen Franken

Die Schweiz weiss noch gar nicht, was sie erwartet. Für Harry Hohmeister, Chef der Fluggesellschaft Swiss, sorgt der Nationalbank-Entscheid, den Euro-Mindestkurs aufzugeben, für «viel Irritation» und schafft «Ratlosigkeit». Zudem sei offen, wohin die Reise in Europa gehe: «In Italien und Frankreich sind die strukturellen Reformen nicht gemacht.» Nur US-Amerikaner sähen positiver in die Zukunft.

Darin sind sich die Befragten einig: Die US-Wirtschaft zieht wieder an. «Das tut der globalen Wirtschaft gut», sagt Vineet Nayyar, Vizepräsident des indischen IT-Konzerns Tech Mahindra: «Die Stimmung ist optimistischer als im Vorjahr.» Afrika komme voran; in Asien laufe es gut, sagt er. Dazu komme der tiefe Ölpreis: «Das hilft uns.»

Die tiefen Rohstoffpreise sind der Anker, an den sich alle klammern: Die Unternehmen haben tiefere Produktionskosten. Die Konsumenten haben mehr Geld, um zu konsumieren.

Das ist auch nötig. Der Konsum, der in den USA 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmache, ziehe noch immer nicht an, sagt Mauro F. Guillen, ein US-Professor für Management. Es gebe zudem noch viele Arbeitslose: «Wir leben vom Export und vom billigen Öl.»

Alle wollen schwache Währung

Der Export könnte jedoch unter Druck kommen, warnt Thomas Finke, Chef des US-Vermögensverwalters Babson Capital. Denn die Produkte verteuern sich, weil der Dollar stärker wird, auch gegenüber dem Euro. Daher befürchtet Giovanni Bossi, Chef der in Venedig domizilierten Banca Isis: «Es könnte zum Währungskrieg kommen.» Alle wollen eine schwache Währung. Richard Branson ergänzt: «Das hilft Europa, nicht aber der Schweiz.»

Daher finden die meisten Befragten den Entscheid des Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gut, Staatsanleihen im grossen Stil aufzukaufen.

Allerdings mache ein solches «Quantitative Easing» süchtig, sagt der Deutsche Horst F. Geicke, der in Hongkong als Vermögensverwalter tätig ist. Das ist die Kehrseite der Medaille: Die Zentralbanker haben ihr Pulver weitgehend verschossen. Die Zinsen sind tief; die Geldschwemme hoch. Unklar ist nicht nur, ob sie wirken. Offen ist auch, ob und wie der Ausstieg funktioniert.

Es gibt eben keine einfachen Antworten mehr, nur komplexe Probleme. Das schadet auch den Politikern.

Chrysostomos Nikias, ein kalifornischer Universitätsdirektor, sagt: «Die Wirtschaft ist global.» Daher hätten die national aktiven Politiker nicht mehr die gleiche Kontrolle darüber: «Deswegen glauben ihnen die Wähler weniger.»

Das sieht auch der Brasilianer Vitor Hallack so: «Das Vertrauen schwindet.» Banker Bossi sagt, der italienische Premierminister habe recht, wenn er das Primat der Politik über die Wirtschaft fordere. Aber die politische Macht verschiebe sich nach Europa: «Wir brauchen erst eine politische und fiskalische Union, bevor wir über eine monetäre reden können.» Nur wollten das die Menschen nicht.

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