Wir treffen uns zum Interview in einem charmefreien Zweckbau am Stadtrand von Bern. Nur der schwarze Mercedes mit Chauffeur vor dem Gebäude zeugt davon, dass hier einer der erfolgreichsten Manager der Schweiz sein Hauptquartier hat: Etienne Jornod. Seit 40 Jahren ist er bei Galenica, seit 20 Jahren als Präsident – und seit drei Jahren präsidiert er zusätzlich die NZZ. Jornod besteht darauf, im Interview auf Galencia, Apotheken- und Pharmamarkt zu fokussieren – und nicht auf die NZZ. Ganz verkneifen können wir uns das Thema trotzdem nicht.

Herr Jornod, ärgert es Sie, wenn Sie immer auf die NZZ-Präsidentschaft reduziert werden?

Etienne Jornod: Nein, weil das gar nicht so ist. Ich habe eine Verantwortung gegenüber den Aktionären von Galenica. Ich wende den grössten Teil meiner Zeit für Galenica auf. Wir haben hier innerhalb von 20 Jahren ein Börsenwachstum realisiert wie kein anderes Unternehmen – mit einer Wachstumsrate von über 20 Prozent pro Jahr.

Was unterscheidet die Medien- von der Pharmawelt?

Ich bin erstaunt – wirklich erstaunt! –, dass die Verantwortungsträger in der internationalen Medienwelt nicht vorhergesehen haben, wie stark der Wandel sein wird. Man hätte vor zehn Jahren erkennen müssen, wohin die Reise geht.

Wie gehen Sie mit der Belastung um?

Ich übte immer mehrere Mandate aus. Vor der NZZ war ich mehrere Jahre lang Präsident einer internationalen Ingenieur-Firma, die Kläranlagen, Brücken und Tunnels baut. Sie war grösser und komplexer als die NZZ. Und ich war im Verwaltungsrat von Alliance Boots mit weltweit 350 000 Mitarbeitern, die im letzten Jahr von Walgreens aufgekauft wurde. Sie sehen: Das geht seit zwanzig Jahren so. Ich denke sogar, dass ich jetzt weniger belastet bin als auch schon. Aber das öffentliche Interesse an der NZZ ist viel grösser.

Sie haben eine Drogisten-Lehre gemacht, das Studium auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt – und sind seit 1975 im gleichen Unternehmen tätig. Aussergewöhnlich!

Wenn man mich mit anderen Managern vergleicht, ist es in der Tat ungewöhnlich. Doch schaut man unsere Firma an, sieht es anders aus. Unser Management-Team, die Generaldirektion, ist im Durchschnitt seit 18 Jahren bei Galenica. Vertrauen ist ein starker Motor, es motiviert enorm. Ausserdem macht es mir wirklich Spass.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ich glaube nicht an Wunder. Ich halte nichts von Managern, die ständig alles Mögliche versprechen. Ich setze bei Galenica auf Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Bodenständigkeit. Von Schönrednern halte ich nichts. Wir wollen halten, was wir versprechen. Ausserdem versuchen wir, alles ein bisschen anders zu machen. Wir kopieren nicht andere Firmen. Der Erfolg lässt sich messen: Wir sind in den vergangenen Jahren um 4000 Prozent gewachsen und haben rund 7000 Arbeitsstellen geschaffen.

Sie sind Legastheniker und haben als Kind darunter gelitten, dass Sie für dumm gehalten wurden. Hat das Ihren Ehrgeiz erst recht geweckt?

Natürlich. Aber was es auch zeigt: Alles ist möglich! Zum Beispiel, dass ein Drogist eine Apothekerfirma leitet. Oder eine Firma von fast null aufzubauen, wie Vifor Pharma oder GaleniCare.

Sie haben einmal gesagt: Wir müssen lernen, in einer Welt zu leben, in der nichts sicher ist. Das klingt brutal.

Das ist es auch. Dazu stehe ich. Die Folge ist, dass wir uns konstant neu erfinden müssen. Auch als Firma. Das Gesundheitswesen ist im Umbruch. Was heute gilt, gilt morgen nicht mehr. Wer Erfolg haben will, muss immer zweifeln und sich aus der Komfort-Zone herausbewegen. Nur wer zweifelt und bescheiden bleibt, der erkennt Veränderungen. Wer selbstzufrieden wird, verpasst den Anschluss.

Für viele Konsumenten bleibt ein Punkt konstant: Die Preise für Medikamente sind zu hoch.

Das stimmt nur für eine kleine Anzahl von Medikamenten. Das echte Problem ist, dass niemand bei dieser Diskussion an die Löhne denkt. Obwohl die Löhne eher bescheiden sind, verdienen die Mitarbeitenden einer Apotheke in der Schweiz fast doppelt so viel wie in Österreich oder Holland. Allerdings kann ich die Fokussierung auf die Medikamentenpreise nicht nachvollziehen: Sie machen nur rund zehn Prozent der Gesundheitsausgaben aus. Senkt man die Preise, hat dies jedoch Konsequenzen für die Branche. Auch die Vergleiche mit dem Ausland sind oft nicht redlich. Denn wesentliche Unterschiede gibt es nur noch bei gewissen Medikamentengruppen. Bei den wirklich teuren Medikamenten, den rezeptpflichtigen, gibt es kaum mehr Preisdifferenzen.

Fühlen Sie sich von der Politik nicht ernst genommen?

Das ist so.

Wieso?

Weil Politiker kurzfristige Entscheide fällen, um wiedergewählt zu werden. Nur sehr wenige Politiker haben eine langfristige Sicht auf die Dinge. Gäbe es mehr
Visionäre, würden sie feststellen, dass das Gesundheitswesen der grösste Arbeitgeber unseres Landes ist und am meisten Wertschöpfung generiert. Zwischen 1 und 1,5 Millionen Einwohner in der Schweiz leben direkt oder indirekt vom Gesundheitswesen. Die Politiker würden konsequenter handeln.

Viele Spitäler sorgen sich, weil wir bei vielen Medikamenten einen Engpass haben. Wie sehen Sie das?

Es ist tatsächlich ein grosses Problem. Und es wird noch gravierender werden: Je nach Medikament oder Impfstoff werden wir immer mehr Engpässe haben. Der Grund ist ganz einfach: Im Bereich der Medikamenten-Versorgung hat die Schweiz für die ausländischen multinationalen Pharmakonzerne nur dritte Priorität; sie wird behandelt wie eine kleine Provinz Deutschlands. Denn die Produktlieferungen werden anhand des Marktpotenzials entschieden – und die Schweiz ist nun mal ein kleines Land. Je mehr die Preise sinken, je grösser wird das Problem. Die Behörden haben das noch nicht realisiert. Sie müssen dringend handeln.

Sie haben kürzlich prophezeit, dass in der Schweiz 500 Apotheken verschwinden werden. Wie sieht es in Zukunft aus?

Die Margen werden weiter sinken, das ist unvermeidbar. Da trifft es vor allem Apotheken in Quartieren und Dörfern – und nicht diejenigen an guten Standorten. Unsere eigenen Apotheken befinden sich an den besten Lagen – in Einkaufszentren oder grossen Quartieren, an Bahnhöfen oder Flughäfen. Wir haben eine vollautomatisierte Logistik, die modernste in Europa. So haben wir einen Vorteil gegenüber internationalen Konzernen, wenn diese uns in der Schweiz Konkurrenz machen wollen.

Werden Sie weiter Apotheken kaufen?

Ja, wir eröffnen und kaufen Apotheken auf, Letzteres manchmal auch, um sie zu schliessen und so die Umsätze in unseren bestehenden Filialen zu steigern. Das ist der Lauf der Dinge.

Wie spüren Sie den starken Franken?

In den Grenzgebieten sind wir sehr stark betroffen. Da verlieren wir einiges an Umsatz.

Ist es unpatriotisch, wenn Schweizer im Ausland einkaufen gehen?

Nein, ich verstehe das schon. Trotzdem tut es weh. Aber der Markt entscheidet. Das zwingt uns, uns anzupassen. Die Schweiz macht das seit Jahrzehnten ständig.

Wie steht die Pharmaindustrie da?

Für kleine Firmen, die alles in der Schweiz herstellen, wird es sehr schwierig. Die grossen Firmen hingegen haben die Möglichkeit, ins Ausland zu verlagern. Ich mache mir Sorgen um die Schweiz. Wir sind ein Kompetenzzentrum, das die internationalen Talente anzieht. Unsere Firma zum Beispiel hat in Glattbrugg ein internationales Zentrum gegründet. Rund 80 Prozent der Mitarbeitenden kommen aus dem Ausland.

Ein Appell an die Politik.

Genau. Geben wir Freizügigkeitsabkommen mit der EU auf, dann werden wir damit auch das Huhn töten, das goldene Eier legt.

Nun steht Galenica vor einem entscheidenden Schritt: Das Unternehmen soll aufgeteilt werden in einen Pharmateil – Vifor Pharma – und – Galenica Santé, welche auch die Apotheken umfasst. Haben Sie auf Druck der Aktionäre gehandelt, insbesondere Ihres Investors Martin Ebner?

Kein einziger Aktionär macht Druck oder hat versucht, Druck auf die Strategie von Galenica auszuüben. Das ist wahrscheinlich der Grund unseres Erfolgs. Wir haben immer das Interesse der Firma in den Vordergrund gestellt und nicht das Interesse von Einzelpersonen. Falls dies je der Fall wäre und langfristig nicht im Interesse der Firma, würde ich das Unternehmen sofort verlassen. Das ist der Vorteil der Unabhängigkeit. Wenn Sie wirklich unabhängig sind, können Sie das Beste für die Firma tun.

Welchen Kontakt haben Sie zu Herrn Ebner?

Er hält 16 Prozent von Galenica und ist damit ein wichtiger Aktionär. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht regelmässig mit ihm Kontakt habe. Er hat vor mehr als 10 Jahren frühzeitig erkannt, welches Potenzial in unserer Firma steckt. Er investiert langfristig, auch wenn ihm ein anderer Ruf anhaftet.

Wird der Apotheken-Teil dann von einer internationalen Kette aufgekauft?

Die Schweiz ist als Markt viel zu klein. Wenn Sie sich in eine international tätige Firma hineinversetzen: Würden Sie dann in der Schweiz investieren? Nein – denn das wäre im Vergleich zum Potenzial viel zu teuer. Mit dem gleichen Geld könnten Sie viel effektiver in Wachstumsmärkte investieren, etwa in Asien oder in Südamerika. Das würde mehr Sinn machen.

Wo stehen Sie im Prozess?

2014 haben wir gesagt, dass der Prozess drei bis fünf Jahre dauert. Heute gehen wir davon aus, dass wir in 12 bis 36 Monaten bereit für eine Trennung sein werden.

Wieso warten Sie noch zu?

Der Galenica-Aktionär soll je eine Aktie der beiden Firmen erhalten. Wir müssen jedoch sicherstellen, dass Vifor Pharma genügend gross ist, um in die Selbstständigkeit entlassen zu werden. Dafür sind wir einerseits auf der Suche nach Unternehmen und Produkten, die wir kaufen können. Anderseits kooperieren wir mit anderen Firmen.

Vifor Pharma macht bedeutende Gewinne mit einem Eisenpräparat. Wieso kopieren das andere Pharmafirmen nicht einfach?

(Jornod streut Zucker in ein Wasserglas und rührt es mit seinem silbrigen Kugelschreiber.) Sehen Sie: Was wir machen, ist eigentlich etwas ganz Einfaches – wir lösen Eisen in einer Flüssigkeit auf. Und doch ist das Ganze trotzdem nicht so banal, wie es aussieht. Dafür braucht es besondere Kompetenzen und sehr hohe Investitionen in klinische Untersuchungen. Für viele andere Firmen war der Markt wohl zu wenig bedeutend, deshalb haben sie ihn nicht bearbeitet. Heute sind wir weltweit führend und wir wollen es bleiben!

Ihr Eisenprodukt Ferinject wird als Blockbuster gehandelt. Mit welchem Potenzial rechnen Sie?

Der Vorteil von Ferinject besteht darin, dass das Patent bis 2023 läuft. Wir können also bis Ende 2022 nicht kopiert werden. In der Schweiz machen wir damit rund 50 Millionen Franken Umsatz pro Jahr – also rund 6 Millionen Franken pro Million Einwohner. Gewisse Leute vergleichen dieses Potenzial mit dem weltweiten Markt und berechnen einen Höchstumsatz in Milliarden US-Dollar.

Sie haben Ihren Vertrag mit Galenica bis 2020 verlängert. Wieso?

Die Verlängerung hängt mit Ferinject zusammen. 2020 ist zwei Jahre vor Ablauf des Patentschutzes. Ich habe immer gesagt: Wenn wir es bis dann nicht geschafft haben, eine Lösung für die Zukunft der Galenica Gruppe gefunden zu haben, werden wir ein ernsthaftes Problem haben – dann wird der Aktienkurs sinken, und ich werde in diesem Fall sehr stark betroffen sein.

Warum beziehen Sie Ihren Lohn nur in Aktien, die bis 2020 gesperrt sind?

Genau um dieses Ziel zu erreichen! Mit der Überzeugung, dass der Verwaltungsrat, das Management und ich alles unternehmen werden, um die Zukunft des Unternehmens langfristig zu sichern. Das ist die beste Garantie für alle, auch für die Mitarbeitenden.