Griechenland

Es riecht nach Grexit – wen kümmerts, wenn Griechen aus Eurozone fliegen?

Die Chancen steigen, dass Griechenland aus dem Euro austreten muss. Die Finanzmärkte scheinen sich damit abgefunden haben. Die Schweiz könnte davon sogar profitieren.

Die Zeit drängt: Griechenland muss im Mai rund 1 Milliarde Euro an Krediten tilgen. Im Juni weitere 1,5 Milliarden, im Juli 4,2 Milliarden Euro. Dabei kann das Land noch lange nicht auf die erhoffte Kredittranche von 7,2 Milliarden bauen. Denn die mit den Geldgebern vereinbarten Reformen in Form einer Liste sind noch nicht ausformuliert. Zumindest sind die EU-Kommission, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Europäische Zentralbank (EZB) noch nicht damit zufrieden.

Griechenland braucht das Geld dringend, auch um Ende April Renten und Gehälter in Höhe 1,5 Milliarden zahlen zu können. Kommt eine Einigung in den nächsten Tagen nicht zustande, rechnen auch die UBS-Ökonomen in einem am Montag veröffentlichten Bericht damit, dass Griechenland mit hoher Wahrscheinlichkeit bankrott geht. Ein Grexit – ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone – liegt greifbar nahe.

Laut verschiedenen Quellen sucht Griechenland nun den Ausweg in einem Staatsbankrott, ohne aus dem Euro auszutreten. Gleichzeitig hat die Regierung eine neue geheime Reformliste ausgearbeitet mit enormen Zugeständnissen. Dies entspricht offenbar auch dem Willen der Griechen. Hinter den Kulissen des IWF finden gleichwohl Planspiele statt: Was heisst ein Ausstieg Griechenlands? Braucht es Kapitalverkehrskontrollen, Notkredite für die Banken?

Gesunkene «Ansteckungsgefahr»

Die Finanzmärkte wirken jedoch alles andere als nervös. Im Gegenteil: Risikoreiche Anleger spekulieren sogar wieder auf einen Aufschwung, verbunden mit einer Inflation in Europa. «Die grossen Anleger betrachten Griechenland als eigenes Phänomen, das mit dem Euro selber nicht mehr viel zu tun hat», sagt Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. Tatsächlich sind die Zinsen für die 10-jährigen griechischen Staatsanleihen in den letzten Tagen gesunken. Und die Gefahr einer «Ansteckung» der anderen Euro-Peripherieländer wie Spanien, Italien oder Portugal ist auch kleiner geworden. «Die Märkte scheinen sich mit dem Grexit abgefunden zu haben und gehen davon aus, dass die Eurozone als Ganzes nicht infrage gestellt wird.»

Das sieht auch der Chefökonom der Aargauer Kantonalbank (AKB), Marcel Koller, so. «Aus der Optik Griechenlands ist ein Austritt aus der Euro-Zone sicher schlimm. Er ist verbunden mit einer möglichen Kapitalflucht, massiv verteuerten Importen, möglicherweise einer lokalen Bankenkrise und letztlich sogar mit sozialen Unruhen.» Gemäss Informationen des «Spiegels» rechnen IWF-Experten mit schweren wirtschaftlichen Verwerfungen. Für die restliche Eurozone, aber auch die Weltwirtschaft sei der der Ausstieg Griechenlands dagegen «beherrschbar».

Besonders für die Schweizer Volkswirtschaft sowie den Schweizer Franken sind das eher positive Signale. Raiffeisen-Ökonom Neff schätzt, dass die Schweiz nur im Fall einer extremen Zuspitzung der Krise noch stärker in Mitleidenschaft gezogen würde. «Wir würden dann einen Euro-Franken-Kurs von unter einem Franken sehen», so Neff. Kein Wunder, tönte Nationalbank-Präsident Thomas Jordan am letzten Freitag ein mögliches Ende der Negativzins-Politik an.

Grexit für Schweiz eher positiv

Aus einer Schweizer Optik betrachtet, würde ein – geordneter – Austritt Griechenlands nichts Schlechtes bedeuten, so AKB-Ökonom Koller: «Falls der europäische Bankensektor durch einen Grexit nicht in Mitleidenschaft gezogen wird, ist man sogar froh, dass ein Problem gelöst wurde. Ein Grexit könnte dann sogar dazu führen, dass der Euro mittel- bis längerfristig gestärkt wird.»

Trotz dieses Lichtblicks: Laut Marcel Koller ist es für eine längerfristig positive Entwicklung des Euros gegenüber dem Schweizer Franken unabdingbar, dass sich auch die Wirtschaft in Europa als Ganzes erholt. Erste Anzeichen, dass die Konjunkturspritzen der EZB in Form von billigem Geld helfen, sind vorhanden.

Anleger sollten abwarten

Noch sei es allerdings zu früh, als Schweizer Anleger ausschliesslich auf eine umfassende Erholung in Europa zu wetten. Real- und Sachwerte sind Anlagen wie Obligationen vorzuziehen. Koller dazu: «Zwar sind die Bewertungen von Aktien mittlerweile nicht mehr sehr günstig. Wir empfehlen aber nach wie vor Aktien von Unternehmungen, die über eine solide Substanz und eine gute Dividendenpolitik verfügen.»

Bleibt Griechenland im Euro, geht die Zitterpartie weiter. Es wird jedoch wohl ein neues Hilfsprogramm nötig. Der EZB wäre dieses Szenario lieber: Athens Kreditinstitute schulden ihr eine schöne Stange Geld.

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