Frankenstärke, Masseneinwanderungsinitiative und jetzt auch noch Griechenland – die Schweiz schlägt sich derzeit mit allerhand Problemen herum. Doch abseits des Akuten, quasi im Sichtschutz von Grexit und Nationalbank, geschieht etwas, das das Land viel tiefgreifender verändern wird als es ein schwacher Euro oder Zuwanderungsbeschränkungen je könnten. Einen Namen hat es auch schon: Industrie 4.0 – die vierte industrielle Revolution.

Wie bei ihren drei Vorgängern geht es auch dieses Mal um nichts weniger als um die Neuordnung der Wirtschaft. Und genau wie die Erfindung der Dampfmaschine im 18., die Massenfertigung im 19. und der Einsatz von Computern im 20. Jahrhundert, wird auch dieses Mal die gesamte Gesellschaft vom Wandel erfasst werden. Nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit.

«Im engsten Sinne des Wortes»

Was die Vordenker innerhalb der Wirtschaft längst gemerkt haben, ist in der Öffentlichkeit noch nicht ganz angekommen. «Die meisten Leute auf der Strasse sind sich nicht bewusst, dass wir in einem Zeitalter der industriellen Revolution leben», sagt Markus Koch, Industrieexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte in der Schweiz. Zu oft werde das Wort revolutionär zudem zu leichtfertig gebraucht. «Doch das hier», sagt Koch, «ist eine wirkliche Revolution im allerengsten Sinne des Wortes.» Vergleichbar mit dem 18. Jahrhundert: Vor der ersten industriellen Revolution arbeiteten
70 Prozent der Leute im Agrarbereich. Heute ist es noch ein Prozent. Koch prophezeit: «Ähnliche Verschiebungen wird es jetzt auch geben.»

Worum geht es also genau?

Zusammen mit seinem Kollegen Ralf Schlaepfer, Managing Partner und Leiter Industrie bei Deloitte, hat Koch letztes Jahr eine weltweit beachtete Studie zum «Werkplatz 4.0» veröffentlicht. Die aktuellen Entwicklungen beschreiben die Autoren darin so: «Der flächendeckende Einzug von Informations- und Kommunikationstechnik in die verarbeitende Industrie ermöglicht disruptive Ansätze in Entwicklung, Produktion, der gesamten Logistik und auch dem Kundenkontakt.» Soll heissen: In der Industrie bleibt kein Stein auf dem anderen. «Disruptiv», darum geht es. Die vollständige Verdrängung einer alten Technologie durch eine neue. Wer es etwas martialischer möchte: Heute etablierte Technologien werden von der Digitalisierung regelrecht zerrissen. Deshalb geht es bei der Industrie 4.0 auch nicht um eine Weiterentwicklung der automatisierten Produktion. Nein, es geht um etwas völlig Neues.

Am Beispiel der 3-D-Drucker, ein wesentliches Element der Industrie 4.0, lässt sich dies recht gut zeigen. An sich ist der dreidimensionale Druck nichts Neues — das erste Patent darauf stammt aus dem Jahr 1986. Das Neue entsteht durch das Zusammenspiel mit anderen Entwicklungen wie Robotern, Drohnen, künstlicher Intelligenz und der immer weiter steigenden Rechenleistung. Besonders wichtig: der Einsatz von Sensoren. Alles, wirklich alles, wird miteinander vernetzt. Die virtuelle Welt und die physische Welt kommen zusammen. Das ist die Vision hinter der vierten Industrierevolution.

Auto zum Runterladen

Was dadurch möglich wird, erklärt Schlaepfer am Beispiel der US-Firma Local Motors. Wenn man sie so nennen will: ein Autobauer. «Eine kleine Schuhschachtel im Vergleich zu anderen Automobilherstellern», sagt Schlaepfer. Sie produziert dezentral in lokalen «grösseren Garagen» jeweils nur ein Fahrzeug aufs Mal. Aber was sie hat, ist eine «Community von Hunderttausenden Leuten, die online Sportwagen und Motorbikes designen.» Das fertig designte Fahrzeug druckt Local Motors einfach aus. Der Bauplan liesse sich im Internet verschicken und, sagen wir, bei Amazon runterladen. «An der letzten Detroit Motorshow haben sie ein Auto ausgedruckt, einen Toyota-Motor draufgesetzt und sind aus der Halle gefahren», sagt Schlaepfer.

Das Beispiel ist ein Fingerzeig, wie sich Produktion im Laufe der vierten industriellen Revolution verändert. Der Ort, wo etwas hergestellt wird, spielt in solch einem Konzept keine Rolle mehr. Geht es nach den beiden Deloitte-Beratern, ist die zentralisierte Produktion als solche ein Auslaufmodell. «In Zukunft kann dort produziert werden, wo das Gut gebraucht wird», sagt Koch.

Das bedeutet wiederum, dass Grösse für Produktionsbetriebe kein entscheidender Vorteil mehr sein muss. Grosse Unternehmen werden früher oder später mit der Frage konfrontiert, ob die eigene, ein paar tausend Mitarbeiter starke Entwicklungsabteilung mit einem winzigen Online-Betrieb mithalten kann, der per Crowdsourcing das Wissen von Milliarden Internetnutzern anzapft.

Jobs werden wegfallen

Im Umkehrschluss heisst das jedoch: Arbeitsplätze werden zu Tausenden gestrichen werden, auch in der Schweiz. Konrad Wegener, Chef des Instituts für Werkzeugmaschinen und Fertigung an der ETH Zürich, sagt: «Es fallen sicher Arbeitsplätze weg.» Aber es kämen auch wieder neue hinzu. «Letztlich sorgen die Technologien dafür, dass die Menschen Sachen machen können, für die sie viel besser geeignet sind.» Das Credo laute daher: «Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung.» Denn Arbeitsplätze für Ungelernte, so Wegener, werde es in der Schweiz bald keine mehr geben.

Für Firmen überlebenswichtig

Für Schweizer Firmen wird also neben der Umsetzung der Einwanderungsinitiative und der Auseinandersetzung mit dem harten Franken die nächste Herausforderung akut: Sie müssen Mitarbeiter für die Industrie 4.0 qualifizieren. Für den Werkplatz und den Industriestandort Schweiz wird das entscheidend sein. Für Unternehmen gar existenziell.

ETH-Forscher Wegener sagt: «Es wird künftig keine Kluft geben zwischen denen, die Industrie 4.0 können und denen, die es nicht können. Es wird eine Kluft geben zwischen denen, die es können, und denen, die nicht mehr da sind.»