Industrie 4.0

«Es braucht neue Konzepte für den sozialen Frieden»

Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Elektrotechnik ist mit der Digitalisierung eine vierte industrielle Revolution im Gang und macht viele menschliche Arbeiten überflüssig. (Symbolbild)

Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Elektrotechnik ist mit der Digitalisierung eine vierte industrielle Revolution im Gang und macht viele menschliche Arbeiten überflüssig. (Symbolbild)

Anders als die computerintegrierte Produktion will Industrie 4.0. keine menschenleere Fabrik. Dennoch werden mehr Jobs vernichtet als geschaffen.

Herr Fischer, was ist der Grundgedanke von Industrie 4.0, der vierten industriellen Revolution nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Elektrotechnik?

Dieter Fischer: Es geht darum, Gegenstände intelligent zu machen. Bauteile und technische Hilfsmittel werden vom passiven Objekt zum handlungsfähigen Akteur, zu sogenannten cyber-physischen Systemen.

Wozu sind diese fähig?

Sie können Informationen in hoher Auflösung und in Echtzeit aus ihrer Umgebung erfassen, verarbeiten sowie weiterleiten und sich innerhalb ihres Netzwerks weitgehend autonom organisieren.

Was ist die Abgrenzung zur dritten Industrierevolution, wo Elektronik bereits zur Automatisierung eingesetzt wurde?

Im Gegensatz zum damals aufkommenden CIM – Computer-Integrated Manufacturing, also computerintegrierte Produktion – stehen heute Dezentralisierung von Intelligenz und Vernetzung von Dingen und Diensten im Vordergrund. Zweitens ist der Anspruch der Automatisierung vollkommen anders: Die 4. industrielle Revolution will den «Regelfall» möglichst konsequent automatisieren,  das kompetente Überwachen und Eingreifen in «Ausnahmesituationen» aber durch den Menschen sicherstellen. Im Gegensatz zu CIM hat sie also explizit nicht die Vision einer «menschenleeren Fabrik».

Das klingt nach der besten aller Welten: der Mensch wird nicht ersetzt, sondern unterstützt von Maschinen.

Die grosse Herausforderung ist: Wie automatisieren wir intelligent, ohne dass der Mensch seine Fachkompetenz verliert und die Fähigkeit, eine Situation adäquat einzuschätzen.

Seit wir alles abrufen können, merken wir uns nicht nur weniger Telefonnummern.

Ja, die Leute haben dank GPS-Navigator auch verlernt, Strassenkarten zu lesen. Wir müssen das Zusammenspiel von Mensch und Maschine komplementär gestalten, sonst verlieren wir unsere Fähigkeit, in Ausnahmesituationen kompetent einzugreifen. Der Computer lernt gut, wenn er viele Beispiele hat. Hat er wenige Beispiele oder nur eine Ausnahmesituation, ist er ein schlechter Schüler.

Was sind Disruptoren von Industrie 4.0., das, was Bestehendes überflüssig machen könnte?

Eine Kombination von drei Faktoren: Die umfassenden Möglichkeiten, Geschäftsprozesse im virtuellen Raum ablaufen zu lassen, die Vernetzung von Dingen und Dienstleistungen – auf Englisch «Internet of Things» –  zu cyber-physischen Systemen sowie die künstliche Intelligenz. Und das alles viel günstiger. Wir reden hier nicht mehr vom Faktor 10, sondern eher vom Faktor 1000.

Was ist künstliche Intelligenz?

Die Computer der dritten industriellen Revolution handelten nach vorprogrammierten Regeln. Unter künstlicher Intelligenz versteht man lernfähige Systeme, die keine fixen Regeln befolgen, sondern über historisierte, gespeicherte Situationen Entscheidungen und deren Folgen lernen. Es geht um Mustererkennung.

Worin genau besteht das Lernen von Maschinen?

Die Strategien sind adaptiv, das heisst, sie passen sich je nach Erfahrung von Fehlern und Erfolgen an. Sie verknüpfen die gesamte Historie und benutzen mathematische Verfahren, um daraus neue Erfolgsstrategien abzuleiten. So entstehen im Gegensatz zu früheren Schachprogrammen Spiel-Züge, die der Computer vorher nie ausgeführt hat.

Wer oder was wird «disrumpiert»?

Disrumpiert werden etwa bestehende hierarchische Geschäftsmodelle, wie der Fahrdienst Uber zeigt. In der Produktionslogik von Industrieunternehmen erfolgt ein Paradigmenwechsel: Heute steuert ein übergeordnetes System, wie ein Bauteil bearbeitet werden soll – künftig beantragt das Bauteil beim Betriebsmittel, wie es bearbeitet werden will.

Trotz dem Credo «keine menschenleere Fabriken»: Die Angst, wegrationalisiert zu werden, scheint bei vielen Arbeitnehmern auch in der Schweiz nie so gross gewesen zu sein wie jetzt.

Wie in der Vergangenheit werden durch diese Entwicklungen sicher auch neue Jobs entstehen, die wir heute noch nicht kennen. Trotzdem sind sich alle aktuellen Studien einig, dass der Saldo negativ ausfallen wird.

Doch keine schöne neue Welt für den Menschen. Wo sehen Sie einen Ausweg?

Wollen wir unseren sozialen Frieden nicht gefährden, brauchen wir neue Konzepte für die Zukunft der Arbeit.

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