Abend- und Sonntagsverkauf

Erste Läden verlängern die Öffnungszeiten – machen sie Umsatz auf Kosten der Angestellten?

Die Vorweihnachtszeit ist für den Handel wichtig. Einige Ketten setzen auf längere Öffnungszeiten, andere verkürzen sie sogar.

Die Vorweihnachtszeit ist für den Handel wichtig. Einige Ketten setzen auf längere Öffnungszeiten, andere verkürzen sie sogar.

Mitten in der Corona-Pandemie flammt der Streit um Öffnungszeiten neu auf. Während viele Läden früher schliessen, weil die Kunden fehlen, bauen grosse Ketten wie die Migros aus. Das sorgt für Streit.

Verloren steht ein kleines Grüppchen am Mittwochabend kurz nach sieben Uhr vor einem Kleiderladen in Zürich. Die Türen sind verschlossen. Ein A4-Zettel weist auf verkürzte Öffnungszeiten hin. Das ist kein Einzelfall: Für viele Inhaber lohnt sich während der Coronakrise der Verkauf am Abend nicht. Doch im Schatten der Krise nimmt die Entwicklung hin zu längeren Öffnungszeiten Fahrt auf. Auch der Sonntag gerät unter Druck.

Vor den Festtagen will etwa die in den Kantonen Aargau, Solothurn und Bern tätige Migros Aare ihre Läden länger offen halten, wie eine Sprecherin sagt. Sie begründet den Schritt mit Corona: «So kann sich die Kundschaft besser verteilen kann und wir haben möglichst wenig Gedränge.» Lebensmittelhändler sind von der Coronakrise kaum betroffen, die Frequenzen sind stabil. Doch längere Öffnungszeiten sind nicht nur für Supermärkte ein Thema. Der Luxus-Händler Jelmoli wird sein Warenhaus an der Zürcher Bahnhofstrasse an den Tagen vor Heiligabend beispielsweise bis 21 Uhr öffnen.

«Black Friday» bis 22 Uhr

Jelmoli-Chefin Nina Müller sagt, die erweiterten Öffnungszeiten böten in der aktuellen Corona-Situation neben den Umsätzen einen weiteren Vorteil. «So verteilen sich die Frequenzen auf mehr Stunden und wir können Ansammlungen vermeiden.» Die Weihnachtszeit sei die verkaufsstärkste Saison. Zu solchen Zeiten machten erweiterte Öffnungszeiten Sinn. «Viele widmen sich kurzfristig dem Geschenkkauf, weshalb längere Öffnungszeiten auch von den Kunden begrüsst werden.»

Immer länger eingekauft werden kann auch an Events wie dem «Black Friday» am 27. November. Dann haben viele Läden bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Einkaufscenter wie das Tivoli in Spreitenbach AG, das Glatt in Wallisellen ZH oder der St. Jakob-Park in Basel öffnen dann bis 22 Uhr. Manor wird in seinen Warenhäusern in Basel, Baden, Aarau oder Zürich bis 21 respektive 22 Uhr Kunden empfangen.

Detailhändler bauen am Abend aus

Der «Black Friday» ist bezeichnend für die Entwicklung der letzten Jahre. Vor allem am Abend haben grosse Ketten ihre Öffnungszeiten ausgebaut. «Es geht darum, sich den wandelnden Bedürfnissen der zunehmend mobilen und flexiblen Gesellschaft anzupassen», sagt die Sprecherin der Migros Aare. Die fixen Arbeitszeiten änderten sich und damit auch der Lebensrhythmus. Im Moment sehe man etwa ein Bedürfnis nach einem späteren Ladenschluss am Samstag.

Auch Konkurrentin Coop hat die Öffnungszeiten deutlich erweitert. In der Stadt Zürich sind etwa bereits 60 Prozent der normalen Supermarkt-Filialen auch nach 20 Uhr offen. Viele Einkaufscenter haben ihre üblichen Öffnungszeiten zudem auf 9 bis 20 Uhr ausgebaut.

Regeln sind sehr unterschiedlich

Mit der Coronakrise gab es zwar einen zwischenzeitlichen Marschhalt. Andreas Zürcher, Geschäftsführer der Zürcher City-Vereinigung sagt: «Wir verstehen, dass viele Geschäfte während der Krise bereits um 19 Uhr schliessen, wenn ihre Frequenzen vor allem in den Abendstunden verhaltener ausfallen.» Mittelfristig dürften sich die Öffnungszeiten aber wieder auf dem Vorkrisenstand einpendeln, glaubt er. Die City-Vereinigung empfiehlt für die Innenstadt werktags Öffnungszeiten bis 20 Uhr. «Selbstverständlich dürfen die Geschäfte auch länger offenhalten, wenn sie das möchten», sagt Zürcher.

In den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, beiden Appenzell, Glarus, Nid- und Obwalden, Schwyz und Zürich dürfen Läden von Montag bis Samstag von 6 bis 23 Uhr Waren verkaufen. In den Kantonen Thurgau und Schaffhausen sind werktags Öffnungszeiten bis 22 Uhr erlaubt. Anderswo ist das Gesetz strenger: In Solothurn ist werktags um 18.30 Uhr Schluss, in Luzern und St. Gallen um 19 Uhr, in Basel-Stadt um 20 Uhr.

Kommt die Sonntagsöffnung?

Diese Regeln geraten politisch unter Druck. Im Kanton Zug wird nächstes Jahr über eine Initiative abgestimmt, welche die Ladenschlusszeiten um eine Stunde nach hinten schieben möchte. In Luzern wurden die Öffnungszeiten per Mai um eine halbe Stunde verlängert. Die Stadt St. Gallen hat in der Innenstadt per Juni eine Tourismuszone geschaffen und so die Öffnungszeiten um eine Stunde ausgedehnt.

Bereits vor fünf Jahren hatte die Vereinigung Pro Innerstadt in Basel die Schaffung einer solchen Zone zur Debatte gestellt mit der Absicht, so auch den Sonntagsverkauf zu ermöglichen. Zürich Tourismus hatte eine ähnliche Forderung für Zürich unterstützt. Nun soll eine solche Zone auch in Baden den Sonntagsverkauf ermöglichen (wir berichteten).

Migros setzt auf Laden ohne Personal

Auf Städte zugeschnitten ist das entsprechende Gesetz aber nicht. «Die Forderung nach der Einrichtung einer solchen Zone ist aus unserer Sicht nicht der richtige Weg», sagt Andreas Zürcher von der Zürcher City-Vereinigung. Die in der entsprechenden Verordnung genannten Kriterien seien etwa auf die Stadt Zürich nicht anwendbar. Auch Basel hat entsprechende Überlegungen deshalb wieder zu den Akten gelegt.

Jelmoli-Chefin Nina Müller würde die Möglichkeit für einen permanenten Sonntagsverkauf begrüssen. Ihr Warenhaus an der Bahnhofstrasse mit dem attraktiven Standort trage dazu bei, dass am Wochenende Besucher in die Stadt kommen und die Innenstadt belebt werde. Natürlich bedinge das, dass auch andere mitziehen würden, sagt sie. Einen Versuch wagt die Migros: Sie öffnet in Zürich neu einen Laden auch am Sonntag und umgeht das Verbot der Sonntagsöffnung, indem sie nur auf Self-Checkout-Kassen setzt und lediglich Sicherheitspersonal beschäftigt, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.

Verliert Shopping an Bedeutung?

Matthias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt Basel, sagt, in der aktuellen Situation sei es prioritär, dass es zu keinem weiteren Lockdown komme und dass die Läden offen bleiben könnten. Zusätzliche Sonntagsverkäufe seien nicht zuoberst auf der Prioritätenliste, das habe auch eine Umfrage unter den Basler Händlern gezeigt. Unter der Woche stünden Öffnungszeiten bis 20 Uhr zur Verfügung, die von einzelnen Händlern aktiv genutzt würden.

Gegen längere Öffnungszeiten kämpft die Gewerkschaft Unia.«Mit Corona und den Schutzkonzepten ist die Situation dieses Jahr noch belastender für die Angestellten», sagt Sprecherin Leena Schmitter. Es sei «unverständlich», wenn etwa Jelmoli die Öffnungszeiten weiter ausdehne. Dass das in Zürich erlaubt sei, bedauere die Unia sehr. Die Gewerkschaft glaubt in ihrem Kampf das Volk hinter sich. In St. Gallen hat sie eine Initiative gegen die neuen Öffnungszeiten lanciert. «In mehreren Abstimmungen haben sich die Stimmberechtigten immer wieder gegen eine weitere Ausdehnung gestellt», sagt Schmitter.

Auch das Bedürfnis der Kunden sei nicht da, sagt Schmitter. «In der Westschweiz haben einige Kantone während der ersten Corona-Welle im Frühling die Öffnungszeiten durch Verordnungen verlängert. Das war weder sinnvoll noch nützlich: Die Läden haben davon gar keinen Gebrauch gemacht.»

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