Das jüngste Beispiel lieferte die SBB im vergangenen Jahr mit dem Lied «Welcome Home», das von zwei Bahnangestellten eingesungen wurde. Weiter zurück liegt das Migros-Lied aus den 1970er Jahren. Aus dieser Dekade stammt auch das Rivella-Lied, das durch die Darbietung der Schweizer Ski-Nationalmannschaft Bekanntheit erlangte.

Der Kulturwissenschaftler und Firmenhymnen-Forscher Rudi Maier von der Fachhochschule St. Gallen spricht bei diesen Beispielen von «Hybriden», da sie für Werbezwecke eingesetzt würden. Eigentliche Firmenlieder würden ausschliesslich für interne Zwecke komponiert und seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sagte Maier im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

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Rivella-Lied

Solche Kompositionen bilden laut Maier den zunehmenden Willen der Konzernleitungen ab, das Wir-Gefühl zu stärken. Dazu kommt, dass jene, die heute in den Führungsetagen sitzen, mit Rock und Pop aufgewachsen sind. Maier spricht in diesem Zusammenhang von der «Kulturalisierung der Arbeitswelt».

In Asien stark verbreitet
Ihren Ursprung haben die Firmenhymnen in den USA, wo das Technologieunternehmen IBM seine Angestellten in den 1920er Jahren erstmals mithilfe eines eigens komponierten Liedes zusätzlich zu motivieren versuchte. Vorläufer lassen sich laut Maier aber bereits früher ausmachen. In den grossen Fabriken sorgten Chöre für etwas Farbe neben der monotonen Fliessbandarbeit.

Heute sind die Firmenhymnen besonders in Japan und anderen asiatischen Ländern verbreitet. Dabei handelt es sich gemäss Maier vornehmlich um Loyalitätsbekundungen zum Arbeitgeber. Doch auch in Europa bedienen sich die Konzernspitzen der musikalischen Motivationshilfe.

«Die Lieder sind Ausdruck dessen, wie sich die Chefetagen die Beschäftigten wünschen und sie dienen der Steigerung der Leistungsbereitschaft», sagte Maier. Deshalb hätten die Hymnen besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Hochkonjunktur.

Unfreiwillige Komik
Maiers Forschungsgebiet ist kein leichtes, denn die Firmen haben ein Interesse daran, dass die eigenen Hymnen nicht nach aussen dringen. Oft wirken die musikalischen Erzeugnisse für Aussenstehende nämlich unfreiwillig komisch.

Aber auch intern können die Lieder ihre beabsichtigte Wirkung verfehlen: «Eine Betriebsfamilie, ein harmonisches Wir – wenn das, was im Lied besungen wird, nicht eingelöst wird, verdrehen die Angestellten die Augen», sagte Maier.

Die Hymnen transportieren die Ideen der Führungsspitze und nicht die Gedanken der Belegschaft. Wenn die Angestellten ihrerseits ein Lied dichten, dann etwa in Form eines Geburtstagsständchens für den Chef. Das Arbeiterlied, in dem die Arbeitsbedingungen angeprangert wurden, hat hingegen ausgedient.

Agenturen werden dafür eingesetzt

Häufig sind die Firmenhymnen Adaptionen von bereits existierenden Songs. So handelte sich die SBB den Vorwurf ein, mit ihrem «Welcome Home» beim gleichnamigen Folksong der US-Band Radical Face abgekupfert zu haben.

Rudi Maier schätzt allerdings, dass rund die Hälfte der Firmenhymnen eigens für diesen Zweck komponiert werden. Inzwischen gebe es auch in der Schweiz Agenturen, die sich auf das Komponieren von Firmenhymnen spezialisiert hätten.