Die Gewerkschaften und der Baumeisterverband liefern sich dieses Jahr einen besonders verbissen geführten Lohnstreit. Nun äussert sich Roland Dubach (52), der die die Bausparte der Anliker-Gruppe in Emmen LU leitet und zugleich Finanzchef der ganzen Gruppe ist. Anliker beschäftigt in der Deutschschweiz mehr als 1500 Mitarbeitende (davon 1250 im Bau).

Roland Dubach, keine andere Branche inszeniert den Lohnherbst jeweils so geräuschvoll wie das Bauhauptgewerbe. Woran liegt das?

Die Baubranche bietet fortschrittliche Lösungen: Das Rentenalter liegt bei 60 und die Mindestlöhne sind deutlich höher als in anderen handwerklichen Berufen wie etwa bei den Gärtnern. Der Landesmantelvertrag ist ein gutes Werk. Er ist ein gutes Instrument, das wir erhalten wollen. Die Sozialpartner sind versucht, die guten Arbeitsbedingungen und ihren Anteil daran «ins Schaufenster zu stellen». Dieses Jahr gehen sie besonders lautstark ans Werk, weil der Vertrag nach drei Jahren ausläuft.

Die Baumeister und die Gewerkschaften haben sich auf die Sanierung der Stiftung für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (FAR) geeinigt. Über sie wird das Rentenalter 60 für die Bauarbeiter finanziert. Die Behörden haben den Sanierungsplan abgesegnet. Worauf warten Sie noch?

Wir könnten sofort mit der Sanierung der Frührente ab 60 beginnen. Die ausgehandelte und auch bereits vom Staatssekretariat für Wirtschaft geprüfte Sanierung liegt auf dem Tisch. Das Rentenalter bleibt bei 60, die Renten werden nicht gekürzt. Die Beiträge der Arbeitnehmer steigen um 0,5 bis 0,75 Prozent. Sie werden mit Lohnerhöhungen vollständig kompensiert. Wegen des demografischen Wandels, des Anlagenotstands und der vielen Mutationen rutschte die Stiftung in eine Unterdeckung von 93,5 Prozent. Die Sanierung ist dringend und könnte morgen umgesetzt werden.

Warum geschieht es nicht?

Weil die Gewerkschaften die Stiftung FAR mit den Verhandlungen für den neuen Landesmantelvertrag verknüpfen. Doch das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nun greift in erster Linie unter den langjährigen Mitarbeitern Verunsicherung um sich. Was soll ich zum Beispiel einem 58-jährigen Polier sagen, der fragt, ob auch er noch mit 60 in Rente gehen kann? Ich kann ihm nur antworten: Eigentlich ist alles geregelt, doch wegen der Vertragsverhandlungen ist der Sanierungsplan blockiert.

Die Gewerkschaft Unia fordert 150 Franken mehr Monatslohn. Warum sollen sie den Bauarbeitern vorenthalten bleiben?

Ein ausgebildeter Maurer verdient im Schnitt 6000 Franken brutto monatlich. Ein Prozent käme 60 Franken mehr Lohn gleich. Die Baumeister haben im Sommer eine Lohnerhöhung von 150 Franken angeboten, darin war die Entschädigung der höheren Lohnabzüge zur FAR-Sanierung mit eingerechnet. Doch die Gewerkschaften lehnten den Vorschlag ab. Obwohl die Gehaltserhöhung selbst nach den zusätzlichen Lohnabzügen auf ein Prozent zu liegen gekommen wäre.

Die Verhandlungen zur Erneuerung des Landesmantelvertrages gehen am Freitag in die 18. Runde. Warum verlaufen die Gespräche so zäh?

Weil die Verknüpfung von Rente mit 60, Lohnerhöhungen und flexiblerem Arbeiten die Verhandlungen blockieren. Dafür fehlt uns als Unternehmen das Verständnis.

Was die Baumeister als Flexibilisierung bezeichnen, bedeutet in den Augen der Arbeitnehmerorganisationen aber 12-Stunden-Tage als Normalfall, Dauerbereitschaft und 300 Gratis-Überstunden.

Diese Interpretation ist völlig falsch. Wir bezahlen weiterhin jede Überstunde und streben keine regelmässigen 12-Stunden-Tage an. Da würde uns schon das Arbeitsrecht Grenzen setzen. Überschreitungen von Tages- und Wochenarbeitszeiten sind nicht erlaubt und Gratis-Arbeitsstunden schon gar nicht. Die Bauunternehmen würden sich selbst schaden, wenn sie an solchen Grenzen ritzen. Uns geht es um etwas anderes, nämlich um mehr Flexibilität. Der Hoch- und der Tiefbau sind nun mal saisonale Geschäfte, sie sind abhängig von der Witterung und regionalen Baumarktschwankungen.

Das Wetter alleine kann aber nicht den Ausschlag für die Arbeitsbelastung eines Tages geben.

Das ist auch nicht geplant. Es braucht praxistaugliche, leicht umsetzbare Lösungen. Heute müssen die Überstunden zum Beispiel bis spätestens Ende März des Folgejahres abgebaut sein. Wir möchten diese starre Regel aufbrechen und den Abbau über einen längeren Zeitraum verteilen können. Das käme auch den Angestellten zugute. Die Spanier und Portugiesen etwa könnten vielleicht in auftragsarmen Zeiten zwei Wochen am Stück länger Ferien in ihren Heimatländern verbringen und die Festangestellten brauchten weniger Konkurrenz durch temporäre Fachleute zu befürchten, weil sich ihre Arbeitszeiten besser den Projekten anpassen lassen. Zudem sähen sich die Unternehmen weniger oft gezwungen, zu Tiefstpreisen auf Baustellen aktiv zu werden, die mehr als 50 Kilometer entfernt sind, damit sie in der flauen Zeit ihre Leute beschäftigen können.