Interview

Er will die Sachen aus Ihrem Keller: Ricardo-Chef Francesco Vass erzählt, wie er den Verkaufsprozess vereinfachen will

Der Tessiner an der Spitze des Schweizer Onlinemarktplatzes: Francesco Vass vor dem neuen Ricardo-Logo.

Der Tessiner an der Spitze des Schweizer Onlinemarktplatzes: Francesco Vass vor dem neuen Ricardo-Logo.

Automatische Artikelerkennung, Paketabgabe am Kiosk und einen höheren Käuferschutz; der Onlinemarktplatz Ricardo will Hemmschwellen für seine Nutzer abbauen. Und setzt auf den Nachhaltigkeitstrend, wie CEO Francesco Vass erklärt.

Ricardo ist dieses Jahr innerhalb von Zug umgezogen auf den neuen Siemens-Campus hinter dem Bahnhof. Statt auf zwei Stöcken arbeiten die rund 95 Angestellten jetzt in einem grossen Raum ohne feste Arbeits­plätze. Es gibt schalldichte Telefon­zellen, Meetingräume mit Stehtischen und Videoverbindungen zum erwei­terten Entwicklerteam in Frankreich.

Auch ein neues Logo hat sich der ­Onlinemarktplatz zum 20. Geburtstag gegeben. Schlicht und ohne «.ch», das nicht mehr zur mehrheitlichen App-Nutzung gepasst habe. Das alte Logo wurde über Ricardo für einen ­guten Zweck versteigert. Für 1500 Franken, wie CEO Francesco Vass verrät.

Wann haben Sie persönlich das erste Mal Ricardo genutzt?

Francesco Vass: Ich bin seit 18 Jahren dabei, das habe ich auch dem Team ­gesagt, als ich hier angefangen habe. Von den ersten 50'000 Nutzern aus dem Jahr 1999 sind übrigens immer noch 5000 auf Ricardo aktiv.

Was haben Sie damals gekauft?

Das weiss ich nicht mehr. Aber gerade letztens habe ich eine Festplatte über Ricardo verkauft und mir eine grössere gekauft.

Digitec Galaxus, Wish, Amazon, Aliexpress: Wer ist der grösste Konkurrent für Ricardo?

Keller und Estriche, denn obwohl Nachhaltigkeit in aller Munde ist, bleibt Secondhand in der Schweiz ein Nischenmarkt. Jedes Jahr werden für 50 Milliarden Franken Neuwaren eingekauft, aus zweiter Hand nur Artikel im Wert von einer Milliarde Franken. Das Ziel muss sein, dass jeder, bevor er etwas Neues kauft, einen Blick auf Ricardo wirft.

Wie soll das gelingen?

Ich glaube, ein Problem ist, dass wir Konsumenten träge sind. Es ist die einfachere Alternative, etwas im Keller stehen zu lassen. Wir wollen deshalb den Verkaufsprozess einfacher gestalten. Dazu planen wir unter anderem eine Bilderkennung einzuführen. Man macht ein Bild des Gegenstandes und das System erkennt, um was es sich handelt und schlägt Titel, Beschreibung und Kategorie vor und sogar einen möglichen Preis.

Einen Preis, wie soll das gehen?

In den 20 Jahren, in denen es Ricardo nun gibt, hatten wir rund 78 Millionen Transaktionen über die Plattform. Wir verfügen also über eine riesige Datenbank und können auch eine Schätzung des Verkaufspreises vornehmen.

Wann kommt diese Technologie?

Momentan ist die Erkennungsquote zu gering, aber im Laufe des nächsten Jahres sollten wir so weit sein. Längerfristig ist unser Ziel, dass nicht nur ein einzelner Gegenstand erkannt wird, sondern ich meinen Keller filmen kann und Ricardo mir ein virtuelles Inventar erstellt. Und mir etwa empfiehlt, die alten Ski zu verkaufen, weil die Saison ansteht und die Nachfrage gross ist.

Und ich mir wieder neue Ski kaufe?

Lieber ein anderes Paar auf Ricardo, und wenn dieses auch schon gebraucht ist, umso besser.

Was will Ricardo sein? Auktions-, Verkaufsplattform oder beides? Wie Zahlen belegen, sind nur 40 Prozent der Angebote Secondhand.

Aber 83 Prozent der abgeschlossenen Transaktionen waren Auktionen. Denn Private stellen vielleicht weniger Waren auf Ricardo, sind aber im Verkauf erfolgreicher. Aber ja, nach der Einstellung von Ricardoshops.ch hatten wir das Problem, dass Händler auf Ricardo wechselten. Dies führte zu Verwirrung, Nutzer suchten gebrauchte Velos, fanden aber tausend neue Velos.

Und das hat sich jetzt geändert?

Wir haben unser Profil geschärft. Das heisst nicht, dass wir nur auf Secondhand setzen, Händler können gerne Artikel von der letzten Saison verkaufen. Und mit Fust arbeiten wir zum Beispiel bei den Retouren zusammen. Unser Fokus liegt aber klar auf Gebraucht-, Selten- und Sonderwaren.

Und das wird goutiert?

Nachdem wir Nutzer im einstelligen Prozentbereich verloren hatten, sind wir wieder auf Wachstumskurs und haben tausend Neuanmeldungen pro Tag, darunter viele Junge. Auslöser war wohl auch unsere Werbekampagne im Februar mit dem Fokus auf Secondhand.

Aber verhindern kann Ricardo nicht, dass auch weiterhin ­Neuprodukte verkauft werden?

Letztlich bestimmt der Konsument die Nachfrage. Wir können aber stärkere Anreize für den Handel von gebrauchten Artikeln, die mehr unserer Philosophie entsprechen, setzen. Beispielsweise durch eine bessere Platzierung des Angebots.

Auch finanziell lief es nicht immer gut. Im ersten Halbjahr 2017 beispielsweise sank der Umsatz um 6 Prozent. Wie sieht es heute aus?

Der Umsatz steigt. Genaue Zahlen können wir aber nicht bekannt geben, da Tamedia diese nur als Gruppe ausweist.

Abgesehen von Kellern und Estrichen, wer ist Ihr Hauptkonkurrent?

Unser Angebot ist dem von Kleinanzeigeplattformen am ähnlichsten, beispielsweise von Tutti.ch oder Facebook Marktplatz. Der Unterschied ist, dass bei diesen die Nutzer einiges investieren müssen, sie müssen Kontakt zum Verkäufer aufnehmen, den Preis verhandeln oder gar nachverhandeln und eine Abholung organisieren. Bei Ricardo ist man bedient, man geht einen Kaufvertrag ein, die Zahlung läuft inzwischen auch über uns und demnächst wird auch die Lieferung vereinfacht.

Wie?

Wer etwas verkauft, wird sich gleich ein E-Etikett mit der passenden Lieferadresse ausdrucken und sein Paket dann fixfertig zur Post oder zu DHL bringen, oder vielleicht sogar am Kiosk abgeben.

Also immer mehr eigene Dienstleistungen. Verabschiedet sich Ricardo von der Rolle der Vermittlungsplattform?

Die Vermittlung steht weiterhin im Zentrum, darum herum soll es aber eine Reihe von Dienstleistungen geben, die das Leben von unseren Nutzern einfacher machen.

Ist auch ein höherer Käuferschutz geplant? Momentan beträgt dieser noch 500 Franken.

Wir sind im Gespräch mit Versicherungsgesellschaften und prüfen verschiedene Optionen. Ziel ist ein ­Käuferschutz von 5000 Franken.

Und wer trägt die Kosten dafür?

Das ist noch nicht entschieden. Ent­weder wir tragen die Kosten oder der Käufer kann selbst entscheiden, ob er einen höheren Käuferschutz will und eine entsprechende Garantie abschliessen.

Neu gibt es Ricardo für die italie­nische Schweiz. War das für Sie als Tessiner ein Herzensprojekt?

Dazu war ich als Tessiner fast ver­pflichtet (lacht). Nein, im Ernst, es war einfach nicht richtig, dass Ricardo nicht auf Italienisch angeboten wurde.

Was erwartet Ricardo für die ­Zukunft? Gemäss einer aktuellen Studie holen die Onlineshops aus China auf, so lag die Beliebtheit von Aliexpress in der Schweiz 2016 noch bei 21 Prozent, 2019 schon bei 35 Prozent.

Am Ende muss die Gesellschaft entscheiden, ob sie lieber Billigprodukte aus China kauft oder gute Secondhandartikel bei uns. Unsere Aufgabe ist es, unser Angebot so einfach und kom­fortabel wie möglich zu gestalten.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1