Das Treffen mit Jojo Linder findet auf dem Koch-Areal in Zürich statt. Das Gelände zwischen Albisrieden und Altstetten ist noch heute von Besetzern eingenommen. Einen Jungunternehmer würde man hier am wenigsten erwarten.

Linder ist 31 Jahre alt, mittelgross gewachsen, er trägt eine blaue Kappe, die zu seinen Augen passt.

Seine Kleidung ist leger: Jeans, ein etwas zu grosses, kariertes Hemd, rote Vans-Turnschuhe. Sein fester Händedruck passt schon eher zum Unternehmer.

Und schon sprudelt er los, stellt selber Fragen, freut sich über das Interesse an Kompotoi – seiner 2012 gegründeten Firma. Und ist skeptisch zugleich.

«Wie gewohnt – nur ohne Wasser»: Jojo Linder erklärt, wie das Kompotoi funktioniert.

Der Hauptsitz von Kompotoi ist auf den ersten Blick ein improvisiertes Lager. Von einer doppelstöckigen Baracke her ist eine dreieckige, blaue Plane bis zum Zaun des Koch-Areals gespannt. Darunter stapeln sich weisse Plastikkanister, gefüllt mit dunkler Flüssigkeit. Davor stehen 20 Holzhäuschen, Seite an Seite aufgereiht. An ihrer Tür ist ein Herz als Guckloch eingefräst. An der Seitenwand steht der Firmenname. Kompotoi baut und vermietet Toiletten. Doch die Toiletten «spülen» nicht mit Wasser, sondern mit Sägemehl.

Linder erklärt das Prinzip dahinter: «Nach verrichtetem Geschäft schüttet man Sägemehl darüber, das mit Kompoststarter angereichert ist. Der Schüsselbehälter selber ist mit Mikroorganismen und Biokohle angeimpft.» Seine Toiletten verfügen auch über eine Lüftung – so sollen die Sitzungen zu einem geruchsfreien Erlebnis werden.

Die Kompostierung ist ein zentraler Teil des Konzepts. Die Reststoffe werden der städtischen Kompostierungsanlage verkauft. Damit schliesse sich, laut Linder, der natürliche Kreislauf. Dieser scheint ihm wichtig zu sein. Er verdient also mit den Fäkalien zweimal.

Eine Lebensphilosophie

An einer Veranstaltung des Vereins Permakultur kam Linder auf die Idee, aus «Scheisse» im sprichwörtlichen Sinn «Gold» zu machen.

Der Verein zeigt ökologisch interessierten Menschen, wie man nachhaltig und selbstversorgend das Leben gestalten kann.

«An diesem Anlass habe ich zum ersten Mal eine Trockentoilette gesehen», sagt Linder, während er zur Demonstration Sägemehl aus dem Behälter neben der Toilette schaufelt und in die Schüssel wirft.

«Ich mache das für eine bessere Welt», stellt er nüchtern fest. Und fügt an: Er wisse, dass dies idealistisch klinge. Für Linder steckt hinter seinem Unternehmen eine Lebensphilosophie. Statt von Kot spricht er lieber von Ressourcen, gar von Nährstoffen: «In der Schweiz werden Nährstoffe mit sauberem Wasser weggespült. Man muss nicht sonderlich schlau sein, um zu verstehen, dass wir wertvolle Ressourcen verschwenden.»

Linder, das stellt man gleich fest, ist ein Mann mit einer Mission. Während des Gesprächs fordert er den direkten Blickkontakt. Das ist nicht einfach, besonders bei diesem Thema – im Holzhäuschen stehend. Linder ist gelernter Elektriker. Er wollte ursprünglich Verkäufer werden.

Ein Verkaufstalent

Nach der Lehre hat er den Weg in den Verkauf doch noch geschafft: zuerst als Geschäftsführer, später als Teilhaber im Zürcher Skateboardgeschäft «Rollladen». Hier ist er noch heute tätig.

In diesem Umfeld hat er angefangen, sich für die Umwelt und nachhaltige Lebensweisen zu interessieren. Und er fand Gleichgesinnte.

In Weiterbildungskursen lernte er dann Möglichkeiten der nachhaltigen Landschaftsnutzung kennen und liess sich zum Permakultur-Designer ausbilden. So hat er von der Terra preta, der schwarzen Erde, erfahren.

Ein Schlüsselerlebnis: «Terra preta ist eine äusserst fruchtbare, tief schwarze Erde, die man in der Umgebung von alten Städten im Amazonasgebiet gefunden hat», erklärt Linder.

Untersuchungen ergaben, dass die unkultivierte Erde eine Mischung aus fermentierten Fäkalien und verbrannter Biokohle ist.

Die Mischung sorge für eine Erhöhung der Bodenoberfläche und damit für mehr Speicherkapazität von Wasser und Nährstoffen im Boden. Linder schliesst den Toilettendeckel.

Klar ist: Kompotoi, das ist eine gemeinnützige Idee. Aber lässt sich damit Geld verdienen? Linder kann noch nicht davon leben.

Als Gründungsmitglied der Firma sorgt er sich um Sponsoren und Kommunikation. Sein Verkaufstalent hilft ihm dabei. Auch sein Drang nach Selbstständigkeit.

Den Unternehmergeist spürte er schon während der Lehre: «Wenn mein Vorgesetzter ein Wissen hat, dass ich nicht habe, finde ich es spannend. Sonst hab ich eher Mühe mit Autoritäten», sagt er. «Es gibt Leute, die nennen mich Hippie-Workaholic.» Ein Widerspruch? Linder lacht.

Auf der Suche nach Kapital

Von seinen Mitarbeitern wird Linder als «spezieller Typ» beschrieben: «Er hat einen visionären Geschäftssinn und gleichzeitig ist er als Person sensibel», sagt Isabelle Steiner. Das wirkt auf den ersten Blick nicht nur wie ein Kompliment. Steiner, die für Offerten und Terminorganisation zuständig ist, ergänzt: Stehe Linder vor einem Hindernis, sehe er nicht das Problem, sondern den Weg, wie er damit umgehen könnte. «Er sucht immer Lösungen, die für alle Beteiligten stimmen», sagt sie weiter. Dennoch sei das Arbeiten mit Linder auch eine Herausforderung: «Jojo lässt Ideen und Meinungen von andern nicht gelten, wenn sie ihn nicht überzeugen.» Neben Linder und Steiner arbeiten noch vier weitere Leute bei Kompotoi. Sie bringen Erfahrung aus dem Ökotechnologiebereich mit.

Produktion in neuen Händen

Insgesamt hat Kompotoi 23 vermietbare Toiletten. Rund die Hälfte haben Linder und seine Kollegen selber gebaut. Dieses Jahr will man den Rohbau der Toiletten an eine Behindertenwerkstatt auslagern, denn neben der ganzen Firmenorganisation ist der Bau der Toiletten zeitintensiv. In der Hochsaison, wenn Festivals und Open Airs laufen, kann Linder die Nachfrage kaum bedienen. Im vergangenen Jahr musste Linder Toiletten aus Grossbritannien dazumieten, um der Nachfrage von insgesamt 150 Stück gerecht zu werden.

Mittlerweile hat Linder die Treppe vor dem Holzhäuschen abmontiert und im Innern verstaut. Kompotoi hat Fuss gefasst: Viele Kunden sind offenbar bereit, die teurere Komposttoilette einem chemiebetriebenen WC vorzuziehen. Linder als Unternehmer jedoch steht vor einem entscheidenden Punkt: Er weiss, dass er Investoren braucht, um seine Firma voranzubringen. Das ist bei seinem Geschäft, das keine Traumrenditen liefert, nicht einfach. «Ich merke, dass gewisse Internet-Projekte unglaublich gehypt werden, handfeste Sachen dagegen untergehen.»

Linder, der Idealist, trifft auf den Kapitalismus. Und das geht ihm nah: «Diese Konsumoberflächlichkeit geht nicht immer spurlos an mir vorbei.» Es gebe Tage, da zweifelt er: Was, wenn es wirklich nicht funktioniert? «Um mich mache ich mir keine Sorgen», sagt Linder. Er sei gut vernetzt, habe viele Kontakte – einen Ausweg gebe es immer. Dennoch: «Wenn Kompotoi nicht überlebt, würde mich die investierte Arbeit schon reuen.» Er schliesst die Tür der Komposttoilette. Zum Abschied: nochmals ein fester Händedruck.