Locker und lachend tritt Jeffrey Immelt in der Haupttagesschau des französischen Fernsehens auf, als wäre er gar nicht der Boss eines Weltkonzerns, namentlich von General Electric (GE).

Noch unbeteiligter gibt sich Joe Kaeser, wenn er in Paris den präsidialen Élysée-Palast aufsucht: Der Siemens-Vorsteher legt keinerlei Eifer an den Tag, eine Gegenofferte für das angeschlagene Flaggschiff der französischen Industrie einzureichen.

Soweit der Schein. In Wahrheit herrsche in Paris eine «gnadenlose Schlacht» und ein «Turbinenkrieg», wie sich das Magazin «Le nouvel observateur» ausdrückt.

Die Kontrahenten mobilisieren sämtliche Reserven, um im Alstom-Poker den Jackpot einzustreichen – den Zugriff auf einen europäischen Traditionskonzern, der seine Kraftwerkturbinen und TGV-Züge um die ganze Welt verkauft.

Zustände wie im alten Versailles

Hinter den Kulissen kämpfen Amerikaner und Deutsche verbissener, als sie zugeben würden. GE weiss den Alstom-Vorsteher Patrick Kron auf seiner Seite, Siemens zählt auf Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg und Präsident François Hollande.

Privatkonzern gegen Staatsführung also: Das macht die Sache hochkomplex. Die Grenzen zwischen Staat und Wirtschaft sind in Paris seit je fliessend, die personellen Verflechtungen so eng wie einst am Hof in Versailles. Minister und Spitzenbeamte, Ingenieure und Manager kennen sich aus den Kaderschmieden der Republik.

Die einen landen irgendwann im Lager der «Angelsachsen». So etwa Clara Gaymard, Ministergattin, Absolventin der Verwaltungseliteschule ENA und heute Präsidentin von
GE-France. Sie öffnete Immelt die Türen ins Élysée und stellte ihm Hollande vor.

Die anderen verschlägt es, vielleicht weil die Eltern sie in den vornehmen Deutschunterricht steckten, ins Lager der deutsch-französischen Freundschaft. So geschehen dem Ex-Vorsteher des Glas- und Baukonzerns Saint-Gobain, Jean-Louis Beffa. Der heimliche «Pate» der französischen Industrie pflegt eine langjährige Freundschaft mit Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und verfügt über viel Gehör bis ins Élysée.

Aber so einfach liegen die Dinge in Paris nie. Beffa ist auch Berater der Pariser Bank Lazard, und die arbeitet derzeit für Kron. Deshalb ist die graue Eminenz «hin und her gerissen», wie das Pariser Insiderblatt «Lettre A» schreibt, und hält sich aus dem Spiel.

Credit Suisse berät GE

Montebourg zählt sich eigentlich auch nicht zum deutschen Lager: Bevor er Minister wurde, warf er Kanzlerin Angela Merkel vor, sie betreibe eine Politik «wie Bismarck». Aber er will nicht, dass die nationale Ikone Alstom von raubeinigen Amis geschluckt wird. Und er ist nach wie vor wütend auf Kron, der hinter dem Rücken der Regierung mit GE anbandelte.

Sekundieren lässt sich Montebourg von der US-Bank Citigroup und dem deutschen Unternehmensberater Roland Berger. Der stehe Siemens nahe, verbreiten Krons Leute in den Pariser Salons. Dagegen lanciert der Münchner Konzern eigene Kommunikatoren, die sich auf dem Pariser Parkett auskennen, weil sie selbst dazugehören: Die beiden Grossbanken des Finanzplatzes, Société Générale und BNP Paribas beraten Siemens in Sachen Alstom, Brunswick sorgt für die Kommunikation.

Dagegen wirft GE eigene Spitzenberater und -banken in die PR-Schlacht, neben Lazard etwa die eng vernetzte Agentur Havas sowie Credit Suisse. Alstom hat seinerseits den Werbemann Franck Louvrier angeheuert, einen früheren Spin Doctor von Staatschef Nicolas Sarkozy. Letzterer steht an sich auf der Seite Krons; um seinen Einfluss zu neutralisieren, hat Siemens aber geschickt einen weiteren Sarkozy-Berater, Raymond Soubie, ins eigene Boot geholt; der vermittelt nun Kontakte zu Alstom-Gewerkschaftern.

Fast noch wichtiger als politische und betriebliche Kontakte sind die alten Seilschaften der Eliteschulen. Im Fall von Alstom sind es die «Polytechnique» und die «Mines». Siemens-Gegner Kron absolvierte sie beide.

Doch der Alstom-Boss kommt bei seinen einstigen Studienkollegen nicht mehr gut an, seitdem er Alstom in GE aufgehen lassen will. Das gilt als unpatriotisch in der Polytechnique, deren Devise seit Napoleon lautet: «Für das Vaterland, die Wissenschaft und den Ruhm.» Das Korps der «Minen»-Ingenieure zieht wie Montebourg eine Absprache à la Siemens vor: für die Franzosen die Transportsparte, für die Deutschen die Energie.

Die PR-Agenten von General Electric betonen mangels des patriotischen Argumentes dasjenige der Arbeitsplätze. In der ostfranzösischen Alstom-Hochburg Belfort umwerben sie damit erfolgreich den Stadtpräsidenten Damien Meslot und den ehemals sozialistischen Minister Jean-Pierre Chevènement: Beide erklären unisono, nur eine Annäherung an Alstom werde die Jobs in der Region sichern.

Ausgang unklar

Die Gegenseite hebt dafür hervor, dass in Frankreich bereits Zuliefererfirmen mit 9000 Angestellten erfolgreich für Siemens arbeiteten.

Deren Kommunikatoren erreichten sogar, dass sich die französische Staatsbahn SNCF zugunsten einer «europäischen» Lösung, das heisst einer Absprache mit Siemens, äusserte. Dabei leben die europäischen Bahnen eigentlich ganz gut mit der Konkurrenz zwischen Alstom und Siemens.

Wie der Entscheid zum Schluss ausfallen wird, ist unsicher. In dem dichten Pariser Geflecht aus Beziehungen, Einflüssen und Abhängigkeiten ist nicht einmal sicher, wer den Entscheid fällen wird.