Das Problem ist schon länger erkannt: Fehlt die Ladeinfrastruktur, kauft niemand ein Elektroauto. Und ohne potenzielle Kunden fehlt der Anreiz, die Infrastruktur zu schaffen. Die deutsche Regierung beschloss deshalb, den Aufbau eines Ladenetzes mit 300 Millionen Euro zu subventionieren. Entsprechend motiviert ist die Industrie: Der Energiekonzern EnBW kündigte an, mit 117 neuen Schnellladestationen den «Grundstein für das grösste flächendeckende 150-Kilowatt-Ladenetz in Deutschland» zu schaffen.

Anders als in Deutschland stehen in der Schweiz für solche Projekte keine Fördergelder zur Verfügung. Klappt der Infrastruktur-Aufbau trotzdem? Ja, findet Peter Arnet von Alpiq E-Mobility. Der Energiekonzern Alpiq beteiligt sich an diesem zwar lediglich als Generalunternehmer. An Investoren mangle es aber nicht mehr, so Arnet.

Zum Beispiel der Stadtberner Energieversorger EWB: Für 2017 sei in der Hauptstadt der Zubau von insgesamt 20 Ladestationen geplant, teilt EWB auf Anfrage mit. «Zwar ist die Menge der immatrikulierten E-Autos für einen rentablen Betrieb noch zu gering. Wir sind aber überzeugt, dass sich dies in den nächsten Jahren spürbar ändern wird.» Den Ladeinfrastruktur-Ausbau sieht EWB also primär als Investition in die Zukunft.

Autobauern drohen Bussen

Für die Autoindustrie ist diese Zukunft schon bedrohlich nah. Ab 2020 dürfen
ihre neu zugelassenen Fahrzeuge im Schnitt pro Kilometer nur noch 95 Gramm CO2 ausstossen. Die Schweiz verzeichnete mit 2,6 Prozent im vierten Quartal 2016 zwar den europaweit vierthöchsten Anteil an Neuzulassungen von Elektroautos. Gleichzeitig liegt sie aber auch beim CO2-Ausstoss ganz oben: Durchschnittlich 135 Gramm pro Kilometer waren es 2015. Eine Reduktion auf 95 Gramm sei nur mit einer starken Zunahme der Elektromobilität erreichbar, sagt Arnet. «Gelingt dies nicht, werden die Autobauer massive Bussen bezahlen müssen.» Entsprechend gross ist deren Interesse, den Ladeinfrastruktur-Ausbau voranzutreiben.

Ein Gemeinschaftsunternehmen um deutsche und einen amerikanischen Autobauer etwa versprach kürzlich, europaweit bis 2020 Tausende Strom-Tankstellen zu bauen. Aufsehenerregend an der Meldung war vor allem das geplante Ladetempo: Dank einer maximalen Leistung von 350 Kilowatt soll eine Ladezeit von 15 Minuten für eine Fahrt von 400 Kilometern reichen.

Marco Piffaretti, Tessiner Elektroauto-Pionier und Verwaltungsratspräsident des 2016 gegründeten Start-ups GoFast AG, bezeichnet das Vorhaben als «Prestigeprojekt». Noch sei die Technik bei den E-Autos nicht weit genug, um eine solche Leistung aufnehmen zu können. Aber auch seine GoFast setzt auf Geschwindigkeit, wie der Firmenname nahelegt. Letzten Herbst eröffnete sie im Tessin die schweizweit erste 150-Kilowatt-Ladestation, an der innerhalb von 10 Minuten immerhin Strom für weitere 100 Kilometer getankt werden kann. Erste Fahrzeuge, die diese Leistung aufnehmen, kommen laut Piffaretti Ende 2017 auf den Markt. Für 2016 angekündigte Modelle schaffen mit einer Betankung bereits 400 Kilometer.

Der heutige Schnelllade-Standard von 50 kW sei «weder Fisch noch Vogel», findet er. «Zu langsam an Orten, wo es schnell gehen muss, und zu schnell an Orten, wo das Fahrzeug sowieso länger stehen bleibt.» Zwölf Standorte will Piffaretti noch in diesem Jahr eröffnen und insgesamt 50 in absehbarer Zukunft. Dass der Markt in Bewegung geraten ist, beobachtet auch er: «Vor ein paar Jahren haben alle nach Bern geschielt, ob es Subventionen gibt.» Nun heize sich der Kampf um gute Standorte aber zunehmend an. Die Schwierigkeit: GoFast braucht langfristige Mietverträge, denn rentabel werden die Ladestationen wohl erst in 10 bis 20 Jahren. Zudem gibt es in der Schweiz lediglich 40 Autobahnraststätten. GoFast interessiert sich deshalb auch für Standorte in unmittelbarer Nähe von Autobahnausfahrten und in Städten.

Andrang in Egerkingen

Ein weiterer möglicher Schritt auf dem Weg zu einem dichteren Schweizer Schnellladenetz wäre eine Verordnungsanpassung für die Rastplätze. Auf diesen ist der Verkauf von Treibstoffen heute verboten. Da die Strom-Infrastruktur entlang der Autobahnen bereits vorhanden ist, wären sie laut dem Bundesamt für Strassen für Ladestationen jedoch besonders geeignet.

Mit der zunehmenden Reichweite von Elektroautos scheint ein lückenloses Schnellladenetz etwas an Dringlichkeit zu verlieren. 150 bis 250 Schnellladestationen brauche es für den Zeitraum von 2020 bis 2025, schätzt Peter Arnet von der Alpiq. «Damit wären wir für 15 Prozent E-Mobilität gerüstet, was 750 000 Autos entspricht.» Ein Blick in die Zukunft lässt sich bereits heute an der Tesla-Stromtankstelle in Egerkingen erhaschen, wo Kunden zu Spitzenzeiten teilweise sogar anstehen müssen. Monatlich werden an den sechs Säulen laut Arnet weit über 1000 Fahrzeuge betankt. «Und wenn die Skandinavier im Sommer mit ihren Elektroautos in den Süden fahren, wird sich der Andrang wohl noch erhöhen.»