«In der Automobil-Industrie kündigt sich eine Zeitenwende an. Die Branche ist gezwungen, auf alternative Treibstoffe und Antriebssysteme zu setzen», sagt Hans Hess, Präsident des Industrieverbands Swissmem. Davon seien die Zulieferer unmittelbar betroffen – in der Schweiz vor allem die Branchen für Maschinen, Elektronik und Metallverarbeitung (MEM).

Es gehört für Wirtschaftsführer zum guten Ton, sich öffentlich für die Elektromobilität auszusprechen. Hess gibt aber nicht nur Lippenbekenntnisse ab. Der Multi-Verwaltungsrat liess kürzlich seinen Verband eine Fachtagung zur Elektromobilität abhalten und stimmte die Mitglieder auf eine Zeitenwende ein.

In China – weltgrösster Automarkt – gilt ab 2019 eine Mindestquote für den Verkauf von Elektroautos. Ein Verbot von Verbrennungsmotoren wird erwogen. Indien wird ab 2030 nur Elektroautos zulassen, Grossbritannien und Frankreich ab 2040. In der EU greifen ab 2021 verschärfte Normen für Abgase. Der US-Auto-Hersteller Tesla mit seinem charismatischen Chef Elon Musk hat bewiesen, dass Elektroautos sexy sein können.

Moderne Verbrennungsmotoren seien der Traum von Maschinenbauern. Das sagen Industrie-Experten. Werden Elektroautos zu ihrem Albtraum? Elektromotoren benötigen ungleich weniger mechanische Komponenten als Verbrennungsmotoren. Viele dieser wegfallenden Komponenten werden von der schweizerischen MEM-Industrie hergestellt.

Das würde der Schweizer Industrie wehtun. Zumal es auch weniger bearbeitete Teile braucht und weniger Werkzeugmaschinen. Hess warnt darum: «Die Elektromobilität bringt für die MEM-Industrie grosse Herausforderungen.» Aber natürlich bringe diese grosse Veränderung enorme Chancen mit sich, wenn man diese zu packen wisse.

Elektroautos müssen zum Beispiel leichter gebaut sein, um das grosse Gewicht der Batterien auszugleichen. Dieser Leichtbau, auch von Benzinautos, kann viel zur Senkung von CO2-Emissionen beitragen, und dies rascher als die Umstellung auf Elektroautos. Im Leichtbau spielt Georg Fischer ganz vorne mit, ein Industriekonzern aus Schaffhausen.

Leitmarkt ist in China

Achim Schneider ist in der Automobil-Division von Georg Fischer für die Forschung verantwortlich. Es erstaunt ihn, wenn die Elektromobilität nicht ernst genommen wird. «Sie müssen nur schauen, wo die grossen Automobilhersteller ihre Forschungsgelder investieren: etwa die Hälfte fliesst in die Entwicklung alternativer Antriebe.»

Volkswagen, Europas grösster Autobauer, hat sich etwa folgendes Ziel gesetzt: Bis 2025 sollen Elektroautos rund einen Viertel seines globalen Umsatzes ausmachen. 2030 soll es sämtliche Modelle auch mit Elektromotor geben. Damit will Volkswagen endlich Tesla aufhalten, so sagen es seine Topmanager.

Georg-Fischer-Manager Achim Schneider sagt: «Wir forcieren schon seit vielen Jahren den Leichtbau.» Dafür suche man geeignetere Werkstoffe und Strukturen, die der Natur nachempfunden seien. «Wir akquirieren gezielt Aufträge für alternativ angetriebene Fahrzeuge und sind damit erfolgreich unterwegs.» Dagegen rechnet Schneider damit, dass mittelfristig die Verkaufszahlen von Komponenten schwächeln werden, die in Verbrennungsmotoren einfliessen und viel Gewicht ausmachen.

Dass der Verbrennungsmotor bald aussterben wird – das glaubt Schneider nicht. «Wir erwarten eher eine Welt, in der es Platz hat für verschiedene Lösungen.» So hätten Verbrennungsmotoren den grossen Vorteil, dass flüssige Brennstoffe auf wenig Raum enorm viel Energie konzentrieren. «Das spricht für alternative flüssige Brennstoffe, hergestellt aus nachhaltigen Energiequellen – etwa Wasserstoff.»

In China werde entschieden, wie die Mobilität der Zukunft aussehe, sagt Schneider. «Dort setzen sich die neuen Standards am schnellsten durch.» Das Land habe keine andere Wahl, da seine Mega-Städte massiv unter den Emissionen litten. «China hat auch ein wirtschaftliches Interesse an der E-Mobilität – es stellt die meisten Batterien her.»