Der 12. April 2019 war ein Freudentag für Peter Spuhler, den Verwaltungsratspräsidenten und Patron von Stadler Rail. Seine Firma ging an die Börse – mit Erfolg: Mit seinem Aktienpaket verdiente Spuhler gemäss Berechnungen am ersten Börsentag 1,5 Milliarden Franken. Der Börsengang machte auch 170 Mitglieder des Kaders, der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats reicher. Der Wert ihrer Aktienpakete, die sie vor dem Börsengang als Teil ihres Salärs zu wesentlich tieferen Preisen erhalten hatten, explodierte mit dem Börsengang regelrecht. Sie verdienten insgesamt 292 Millionen Franken – im Schnitt pro Kopf also 1,7 Millionen Franken.

Nicht profitiert haben zunächst die normalen Mitarbeitenden. Für sie gab es kein Aktienbeteiligungsprogramm. Dass sie vom Millionensegen für das Kader aus der Zeitung erfahren mussten, sorgte laut Recherchen für Unmut. Nun wird erstmals Kritik aus der Personalkommission laut: «Bei Stadler herrscht eine grosse Diskrepanz zwischen der Mentalität eines guten Arbeitgebers, was Stadler zweifellos ist, und der Art und Weise der Kommunikation und des Verhaltens rund um den Börsengang», sagt Nino Stuber, Präsident der Personalkommission am grössten Schweizer Standort in Bussnang TG.

«Ein Scherbenhaufen»

Stadler Rail sei zwar «im Herzen ein KMU geblieben, wo auch mal hemdsärmlig entschieden wird». Das sei im Wettbewerb wegen der grossen Flexibilität ein Vorteil. Bei der Kommunikation nach innen sowie nach aussen hingegen reichten KMU-Standards nicht mehr. Die Personalkommission wollte wegen der Unzufriedenheit das Gespräch mit der Geschäftsleitung suchen. Diese kam der Kommission laut Stuber aber zuvor: Ende April traten Verwaltungsratspräsident Spuhler und Konzernchef Thomas Ahlburg an den Standorten Bussnang, Altenrhein und Winterthur vor die Belegschaft. «Herr Spuhler hat sich bei den Mitarbeitenden dafür entschuldigt, dass sie aus den Medien vom Geldsegen für Kadermitglieder und Verwaltungsräte erfahren mussten», so Stuber. Doch der Patron habe dafür nicht die mangelnde Kommunikation der Firma, sondern die Medien verantwortlich gemacht. Das sei für die Personalkommission enttäuschend. Spuhler möge man den wirtschaftlichen Erfolg gönnen, aber in der Kommunikation habe auch er «einen Scherbenhaufen angerichtet*».

Anders stellt Stadler-Kommunikationschefin Marina Winder die Situation dar. Aufgrund des Börsenrechts sei eine Vorab-Information an die Mitarbeitenden unmöglich gewesen. Das Aktienbeteiligungsprogramm für Kadermitglieder sei bereits vor 13 Jahren eingeführt worden, sagt Geschäftsleitungsmitglied Winder, deren Aktienpaket laut «Blick» 1,7 Millionen Franken wert ist. Das Programm habe ursprünglich auf alle Mitarbeitenden ausgedehnt werden sollen. Diese hätten aber einen Cash-Bonus bevorzugt, den Stadler ihnen seither jährlich auszahle. Grundsätzlich ist die Geschäftsleitung der Ansicht, dass der Informationsfluss gut ist. Nach seinem Auftritt vor dem Personal habe Spuhler «mehrere hundert positive Reaktionen aus der Belegschaft bekommen».

Zwei verschiedene Darstellungen gibt es auch bezüglich einer Sonderzahlung für die Mitarbeitenden, die Spuhler bei seinen Auftritten Ende April angekündigt hatte. Unbestritten ist deren Umfang: Mit dem Juni-Lohn erhalten die Angestellten je nach Dienstalter einen Betrag bis zu einem ganzen Monatslohn. Laut Sprecherin Marina Winder hatte Spuhler diese «persönliche Geste von Anfang an vorgesehen». Vom ursprünglichen Plan, den Mitarbeitenden anlässlich des Börsengangs Aktien zuzuteilen, sei man abgerückt: «Es hat sich gezeigt, dass mit dieser Lösung unsere ausländischen Mitarbeitenden stark benachteiligt gewesen wären.»

Neue Hoffnung auf Aktiensegen

Für Personalvertreter Nino Stuber hingegen ist die Sonderzahlung «natürlich eine Reaktion auf den Unmut der Belegschaft nach dem Börsengang*». Über das Gesamtvolumen der «persönlichen Geste» von 25 Millionen aus Spuhlers Privatholding sagt Stuber: «Das ist natürlich grosszügig, ohne Frage.» Aber gleichzeitig gelte es, die Relationen zu wahren. Vergleiche man Spuhlers persönlichen Profit von 1,5 Milliarden aus dem Börsengang mit einem durchschnittlichen Monatslohn, entsprechen 25 Millionen etwa 100 Franken.

Allerdings: Beim April-Auftritt vor der Belegschaft kündigte Spuhler einen neuen Mitarbeiterbeteiligungsplan an. Stadler-Sprecherin Winder bestätigt: «Es wird geprüft, dass Mitarbeitende gegen eine Sperrfrist vergünstigt Aktien kaufen können.» Weil dieses Programm weltweit allen Stadler-Mitarbeitenden offenstehen soll, müssten die rechtlichen Anforderungen in den verschiedenen Ländern noch geprüft werden. Zum Zeitplan macht Winder keine Angaben.