Selbstverständlich stieg sie in ihren Mercedes, als sie von Stuttgart nach Zürich fuhr für einen Auftritt am Jahreskongress der Schweizerischen Management-Gesellschaft. Im Interview spricht die 56-jährige Juristin über autonomes Fahren, den Dieselskandal und warum sie für die Einführung einer Frauenquote ist.

Frau Jungo Brüngger, Sie beschäftigen sich mit rechtlichen und ethischen Fragen ums autonome Fahren. Glauben Sie, dass uns das Auto dereinst vollautomatisch von der Tiefgarage durch den Stadtverkehr ins Büro fahren wird?

Renata Jungo Brüngger: Ich bin mir sicher, dass autonomes Fahren kommen wird. Wann Sie direkt aus der Garage ins Geschäft gefahren werden, weiss ich noch nicht. Klar ist, dass wir schrittweise dahin gelangen werden.

Heute ist die Branche noch mit dem ersten Schritt beschäftigt, den Assistenzsystemen. Also noch ein langer Weg?

Ja, es gibt – wie Sie sagen – bereits heute verschiedene Assistenzsysteme, die Sie beim Fahren unterstützen. Ich denke an Stauhilfen und Abstandsregler. Doch die Entwicklung geht weiter: In Deutschland haben wir bereits ein Gesetz, das vollautomatisiertes Fahren – oder hochautomatisiertes Fahren, wie wir das in der Fachsprache nennen – regelt.

Was erlaubt das Gesetz?

Laut der jetzigen Regelung dürften wir bereits übers Infotainmentsystem E-Mails einspielen. Der Fahrer muss aber weiterhin jederzeit bereit sein, aktiv zu werden, wenn das System ihn dazu auffordert.

Wäre ein Auto ohne Lenker gemäss der heutigen Rechtslage möglich?

Nein, die derzeit gültigen Abkommen setzen einen Fahrer voraus. Bis dahin sind noch etliche gesetzliche wie auch technische Hürden zu überwinden. Das kann noch eine ganze Weile dauern.

Es könnte aber auch sein, dass das autonome Fahren scheitern wird. Einverstanden?

Das glaube ich kaum. Es wird auf jeden Fall kommen. Vielleicht wird es am Anfang nur auf Autobahnen funktionieren, bis es dann schrittweise in komplexeren Verkehrssituationen möglich sein wird.

Zumindest bleibt das Risiko, dass es im Mischverkehr nie richtig klappen wird. Velofahrer und Fussgänger können relativ einfach autonome Autos zum Stillstand bringen und so ärgerliche Staus verursachen – sei das auch nur aus Jux …

Ich bin keine Zukunftsforscherin, aber ich könnte mir vorstellen, dass sich bis dahin auch etwas in der Gesellschaft verändern wird. Unsere Sicht auf das autonome Fahren wird sich ändern. Mit der heutigen Denke ist das tatsächlich nicht so einfach vorstellbar.

Es könnte sich auch ein System wie in der Aviatik etablieren: Dort werden Piloten auch durch technische Assistenten unterstützt, doch sie müssen jederzeit in der Lage sein, die Kontrolle zu übernehmen, wenn es heikel wird. Wird sich in Zukunft nicht vielmehr diese Sicht durchsetzen?

Das sehe ich nicht. Was Sie beschreiben, gibt es ja bereits. Es wird sicher noch einige Jahre dauern, bis wir beim autonomen Fahren ankommen werden. Aber unsere Techniker arbeiten mit dem festen Ziel vor Augen, das vollautomatisierte Fahren zum Durchbruch zu bringen.

Es ist viel von dem Dilemma die Rede, dass in Zukunft der Computer entscheiden muss, ob er in einer unausweichlichen Unfallsituation eher einen älteren Mann oder eine Mutter mit zwei Kleinkindern überfahren soll. Wie löst Ihre Industrie dieses Problem?

Dieses Dilemma stellt sich derzeit so nicht, denn das Fahrzeug kann nicht zwischen Personen unterscheiden. Wir haben uns deshalb entschieden, in heiklen Situationen das Auto schnell zum Stillstand zu bringen.

Wenn also ein Mensch im Weg steht, dann bremst der Wagen einfach ab und weicht nicht aus. Wie ist dies bei einer Katze?

Das System kann derzeit nicht erkennen, ob sich vor ihm ein Mensch oder ein Tier befindet. Deshalb stellt sich diese Frage so nicht. Das Ziel muss grundsätzlich sein, dass das Auto gar nie in eine Dilemma-Situation gerät.

Wie ist es im Fall, wo ich als Mensch entscheide, der Katze auszuweichen und das Risiko in Kauf nehme, von der Strasse zu geraten und mich allenfalls selbst zu verletzten. Kann ein automatisches Auto ebensolche Entscheide treffen?

Dazu ist das System derzeit nicht in der Lage. Ganz klar nicht.

Es wird also nie die Strasse verlassen, um heiklen Situationen auszuweichen?

Wenn ein sicheres Ausweichen nicht möglich ist, wird es auf der Spur bleiben und Geschwindigkeit zurücknehmen.

Jüngst wurde die deutsche Automobilindustrie von Skandalen durchgeschüttelt. Als Beobachter aus der Schweiz bekommt man den Eindruck, die deutschen Konzerne bekundeten grösste Mühe, zum eigenen Versagen zu stehen. Eine faire Einschätzung?

Es ist Vertrauen verloren gegangen. Das spürt man, wenn man in dieser Industrie arbeitet. Aber wir sehen uns auch als ein Teil der Lösung. Wir haben einige Massnahmen angestossen, und man darf nicht verallgemeinern. Wir wollen das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Ich glaube auch, dass wir einen guten Weg gefunden haben.

Gehen Sie davon aus, dass eine Nachrüstung auf Software-Ebene ausreichend sein wird, um Fahrverbote abwenden zu können?

Es geht nicht nur um ein Software-Update für über drei Millionen Fahrzeugen, sondern um ein ganzes Bündel an Massnahmen. Ebenfalls Teil des Massnahmenpakets ist eine Umtauschprämie. Dazu kommt auch, dass wir in neue Dieselmotoren investieren, die sauber und effizient sind. Dann haben wir ein 10-Milliarden-Euro-Programm angeschoben, mit dem wir die Elektromobilität fördern wollen. Im Jahr 2022 werden wird über zehn reine Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen.

Wird es zu Dieselfahrverboten in den Städten kommen?

Unser Ansatz ist, mit Technologie die Luftqualität in den Städten zu verbessern. Technologie ist besser als Fahrverbote.

Angela Merkel glaubt nicht mehr an die Zukunft des Verbrennungsmotors. Und Sie?

Es ist falsch zu sagen, es ist vorbei mit dem Dieselmotor. Seine Ökobilanz sieht mit verbesserter Technik ausgezeichnet aus. Und wenn Sie die Klimaziele vor Augen haben, stellen Sie fest, dass es ohne Diesel gar nicht geht. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Abschaffung des Diesels keine Lösung ist.

Die deutsche Autobranche hat lange den Trend zu E-Mobilität ignoriert. Würden Sie dieser Einschätzung zustimmen?

Nein. Wichtig für einen Konzern mit 280 000 Mitarbeitern ist es, den richtigen Produktemix anbieten zu können. Wir müssen breit aufgestellt sein und können nicht nur auf eine Antriebsart setzen.

Wo wird die Produktion der E-Autos von Daimler stattfinden, in Stuttgart, in China oder in den USA?

Sie wird genauso verteilt stattfinden, wie dies heute bereits der Fall ist. Also nicht nur allein in China, aber auch nicht nur in Europa. Es wird eine gesunde Mischung sein.

Machen die deutschen Hersteller genug, um zu Konkurrenten wie Tesla aufzuschliessen?

Mit unserer Elektromobilitätsoffensive, in die wir 10 Milliarden stecken, machen wir mehr als genug.

Wird es überhaupt genügend Strom geben für all die neuen Elektroautos? Angesichts der verschiedenen Ausstiegs- und Abschaltszenarien könnte es ja knapp werden …

Das ist eine gute Frage (lacht). Das wird sicher noch zu diskutieren sein, um innovative Lösungen zu finden.

Wird in Zukunft noch jeder ein Auto besitzen oder wird es vermehrt geteilt?

Wir sind überzeugt, dass Sharing ein wichtiger Trend ist. Deshalb entwickeln wir ja selbst neue Mobilitätsdienstleistungen wie Car2go, das im Raum Stuttgart sehr gut funktioniert. Es gibt ein neues Mobilitätsverhalten, das sich nicht ignorieren lässt. Und ob die junge Generation überhaupt ein eigenes Auto haben möchte, ist auch eine Frage, die uns beschäftigt.

Wird es Car2go bald auch in der Schweiz geben?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wir sind ständig im Gespräch über neue Märkte und evaluieren weltweit potenzielle neue Car2go Standorte.

Sie kommen aus der Schweiz und haben es ganz nach oben bei einem der grössten Konzerne Deutschlands geschafft. Wie ist Ihnen das gelungen?

Ich bin 2011 als Leiterin des Rechtsdienstes eingestiegen und habe offenbar einen guten Job gemacht. Natürlich haben auch mein Background, mein Wissen und meine Erfahrung dazu beigetragen, dass ich in den Vorstand (Konzernleitung, Anm. d. Red.) berufen wurde. Aber Sie müssen auch harte persönliche Entscheidungen treffen können. Als die Anfrage von Daimler kam, bewegte ich mich aus der Komfortzone heraus. Sie wissen, das Leben wird umgekrempelt, dazu müssen Sie bereit sein. Wichtig ist auch: Sie müssen authentisch sein. Sie müssen absolut überzeugt sein von dem, was Sie tun, sonst schaffen Sie es nicht. Es ist ganz wichtig zu wissen, wohin man will.

Werden Sie als Schweizerin wahrgenommen von Ihren Kollegen?

Darauf werde ich nie angesprochen. Wir sind sehr international aufgestellt, der Pass spielt dabei keine grosse Rolle.

Inwiefern unterscheidet sich ein deutscher von einem Schweizer Konzern?

Da gibt es kaum Unterschiede. Globale Konzerne wie Daimler ticken interkulturell.

Sind die globalen Konzerne dann kulturell mehr oder weniger gleich?

Ja, das kann man so sagen. Ein Unternehmen ist viel stärker von einzelnen Persönlichkeiten und ihren Führungsstilen geprägt.

Werden die Frauen in Deutschland stärker gefördert als in der Schweiz?

Da gibt es schon Unterschiede. Zum Beispiel Kitaplätze: Die sind in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Es wird auch mehr unternommen, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Mobiles und flexibles Arbeiten wird gerade bei Daimler stark gefördert. So stellen wir sicher, dass Job-Sharing auch auf Führungsebene möglich ist. Ich habe zum Beispiel zwei Mitarbeiterinnen, die sich eine Bereichsleitung teilen. Eine andere Kaderangestellte arbeitet Teilzeit. Und in Mexiko ist meine Leiterin der Rechtsabteilung alleinerziehende Mutter mit Zwillingen. Man kann viel erreichen, wenn man offen dafür ist.

Gibt es bei Ihnen eine Frauenquote?

Daimler hat sich freiwillig dazu verpflichtet, 2020 20 Prozent der Führungsjobs mit Frauen zu besetzen. Dieses Ziel wird intern sehr ernst genommen. Ich werde in meinen Zielvereinbarungen daran gemessen. Ich bin also verantwortlich dafür, dass ich das in meinem Bereich hinbekomme.

Braucht es eine staatliche Frauenquote?

Ich denke, Selbstverpflichtung ist immer am sinnvollsten. Andererseits: Ich arbeite seit über 20 Jahren in Führungspositionen und bin persönlich zur Überzeugung gelangt, dass eine Quote durchaus helfen kann, einen Veränderungsprozess anzustossen. Es hilft massiv, wenn ich im Rahmen von einer Kandidatensuche dazu gezwungen bin, mich in einem anderen Bereich umzuschauen. Zu glauben, dass man mit einer Quote nur unqualifizierte Frauen bekommt, ist vollkommen falsch. Das ist gar nicht mehr möglich. Heute gibt es sehr viele bestens qualifizierte Frauen.