Der starke Franken

Eine Münze mit zwei Seiten: Retter des Finanzplatzes und Feind des Gewerbes

Der starke Franken

Der starke Franken

Er treibt die Industrie seit hundert Jahren zu Effizienz an. Aber der Franken könnte irgendwann einfach zu hart sein, um ihn sich noch leisten zu können.

Letzte Woche knackte der Franken die magische Grenze von Fr. 1.10 pro Euro. Es war der tiefste Stand zum Euro seit dem Ausstieg der Schweizerischen Nationalbank (SNB) aus dem Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 am 15. Januar.

Das Aufatmen dürfte jedoch von kurzer Dauer sein. Die SNB hat an ihrer Lagebeurteilung von gestern Donnerstag die Zinsen unverändert im negativen Bereich belassen, denn sie hält den Franken noch immer für deutlich überbewertet – diese Überzeugung wiederholt sie schon lange, ohne dass sich der Franken davon beeindrucken liesse. Und es gibt auch jetzt wenig Grund zur Annahme, dass er deswegen plötzlich zur Schwäche neigen sollte.

Die Deindustrialisierung der Schweiz ist unterdessen dagegen Realität. Sie wird massgeblich vom Franken getrieben. Und sie wird anhalten, prognostiziert etwa Credit Suisse (CS), vor allem am Arbeitsmarkt. 

Das ruft Kritiker auf den Plan: Schlimmer als die Aufgabe des Mindestkurses sei das Signal von Schwäche, das die SNB-Führung aussende, kritisierte Swatch-Chef Nick Hayek in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Die Notenbank habe drei Jahre Zeit gehabt, um eine Strategie für einen Ausstieg aus dem Mindestkurs zu entwickeln. Stattdessen habe sie sich fantasie- und mutlos verhalten. Verheerend sei, dass sie nichts mehr tun könne, sollte der Franken – etwa im Zuge einer Krise – wieder erstarken. Mit der Abschaffung des Mindestkurses habe sie zugegeben, weitere Käufe zur Stützung des Euros nicht mehr stemmen zu könne.

Der Mindestkurs hat Zeit gekauft

Es stimmt, dass die SNB den Mindestkurs von Anfang an als vorübergehend deklariert hat. Sie hat damit nicht mehr als Zeit kaufen können. Und der Ausstieg mag gerechtfertigt gewesen sein, um angesichts einer weiteren von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten Euroabwertung zu verhindern, die Bilanz der SNB weiter aufblähen zu müssen – mit über 80 Prozent der Wirtschaftsleistung ist nur noch jene der japanischen Notenbank gigantischer. Weitere Eurokäufe hätten die Gefahr noch grösserer Verluste im Fall einer Abwertung der Gemeinschaftswährung mit sich gebracht (siehe Interview rechts).

Und zu guter Letzt stimmt es auch, dass man viel von der Schweizer Industrie verlangen kann: Sie beweist immer wieder, die Frankenaufwertung mit Produktivitätsgewinnen kompensieren zu können – seit über 100 Jahren (vgl. Grafik). Doch nach einem Jahrhundert wäre es ja auch denkbar, dass die Effizienzsteigerung einmal nicht mehr mit dem Franken Schritt halten könnte.

Alleinstellungsmerkmal

Definitiv ausgepresst scheint die Zitrone in Hotellerie und Gastronomie, die bereits mit Tiefstlöhnen und schmalem Personalbestand auskommen müssen. Kommen hier nicht bald bessere Zeiten, wird es zu Entlassungen kommen.

Am wenigsten schadet ein harter Franken – neben den Konsumenten, solange sie nicht in einem von Exportproblemen betroffenen Unternehmen arbeiten – den Banken: CS errechnet für sie einen fairen Kurs von Fr. 1.24 pro Euro. Da die Kommissionen im Vermögensverwaltungsgeschäft mittlerweile zum grossen Teil auf Euro oder Dollar lauten, während die Kostenstruktur grösstenteils in Franken anfällt, schmälert der aktuelle Kurs zwar auch den Ertrag der Banken. Doch mehr zu schaffen machen ihnen eher gerade die Negativzinsen, die die SNB Ende 2014 beschloss, um den Franken zu schwächen.

Historisch gesehen war es zudem auch der Franken, der den Finanzplatz Schweiz und seine Solidität berühmt machte und sicherheitsbedürftiges Geld — auch Schwarzgeld — aus aller Welt anzuziehen vermochte. Solidität, Krisenresistenz und Sicherheit: Die Ursachen hinter diesem Zufluss an Geldern haben den Franken immer stärker gemacht: Ob Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren oder Ölschock in den 1970ern – andere Währungen sackten gegenüber dem Franken ab und erholten sich nie wieder.

Der Franken als Magnet

Das Bankgeheimnis war jahrzehntelang ein weiterer institutioneller Vorteil im Vergleich zur Konkurrenz im Ausland, das diesen hermetischen Schutz der Privatsphäre nicht kannte.

Seit Mittwoch ist das Bankgeheimnis mit der Annahme des automatischen Informationsaustauschs (AIA) endgültig Geschichte (Ausgabe von gestern). Die Vermögensverwalter müssen andere Alleinstellungsmerkmale herauskehren, dazu gehört vermehrt der Leistungsausweis im Zuwachs der Kundenvermögen. Die Zeiten, in denen die Performance angesichts der Steuereinsparung wenig zählte, sind vorbei. Die Signalwirkung eines starken Frankens wird damit aber eher noch wichtiger. Die Aufgabe des Frankens oder einer eigenständigen Währungspolitik wäre aus der Warte des Bankenplatzes ein herber Verlust.

Zu dieser inneren Stärke kommen äussere Schwächen: Es reicht ein Blick auf die im internationalen Vergleich traumhaft soliden Staatsfinanzen der Schweiz sowie ihr auf Stabilität ausgerichtetes institutionelles Gefüge. Japan, Eurozone und seit kurzem auch China sehen sich zur Stützung ihrer Wirtschaft zu Abwertungen gezwungen. Das dürfte besonders in der Eurozone so bleiben. In einer Ökonomen-Umfrage von Bloomberg gaben über zwei Drittel an, eine Ausweitung des erst im März angelaufenen Wertschriftenkaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) zu erwarten. War dessen Ankündigung Grund genug für die SNB, den Mindestkurs aufzuheben, könnte sie dadurch zu weiteren Massnahmen gezwungen sein. Denn wenn der Franken weiter aufwertet, könnte er sich für Nicht-Finanzbranchen irgendwann zu einer Art Luxusprodukt entwickeln.

Autonomer Nachvollzug

Welche Mittel hat die SNB aber noch, um einer weiteren Aufwertung des Frankens entgegenzuwirken? Die Wiedereinführung eines Mindestkurses scheint vom Tisch. Auch dass sie die Zinsen weiter in den negativen Bereich drückt, ist unwahrscheinlich. Insbesondere Pensionskassen, die zur Auszahlung der Renten hohe Bargeldbestände halten müssen, spüren die Kosten der Negativzinsen bereits auf dem bestehenden Niveau deutlich.

Wahrscheinlicher sind Massnahmen wie die Anbindung des Frankens an einen Durchschnitt aus Währungen der wichtigsten Handelspartner – an einen Währungskorb also. Dazu sagt CS-Ökonom Maxime Botteron: «Als kleine offene Volkswirtschaft wäre die Anbindung des Frankens an einen Währungskorb eine geldpolitisch adäquate Lösung, da die Preisschwankungen vor allem durch die Importpreise verursacht werden.» Politisch fände aber eine faktische Übernahme des Euros wohl keine Mehrheit. Dabei sollte in letzter Konsequenz auch die Frage erlaubt sein, ob sich die Schweiz eine eigene Währung noch leisten kann. In der Eurozone gibt es Länder, die eine ältere nationale Währung als den Schweizer Franken aufgegeben haben.

Gegen eine Anbindung und erst recht die Aufgabe der Währung wird oft die Bedeutung und historische Tradition einer autonomen Geldpolitik ins Feld geführt. Doch mit dieser Autonomie ist es seit Jahren nicht mehr weit her – vom Mindestkurs bis zu den Negativzinsen sind die Massnahmen der SNB ein mehr oder weniger erfolgreicher «autonomer Nachvollzug» der Geldpolitik im Rest der Welt, vor allem in der Eurozone (siehe Text rechts).

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