Karriere

Ein unaufhaltsamer Aufstieg: die neue Chefin des IWF

Die neue Währungsfonds-Chefin Kristalina Georgieva im Vorfeld der aktuellen Jahrestagung. Bild: Erik S. Lesser/EPA (Washington, 8. Oktober 2019)

Die neue Währungsfonds-Chefin Kristalina Georgieva im Vorfeld der aktuellen Jahrestagung. Bild: Erik S. Lesser/EPA (Washington, 8. Oktober 2019)

Kristalina Georgieva ist der neue Kopf des Internationalen Währungsfonds. Sie blickt auf eine eindrückliche Karriere zurück.

Natürlich begann das Leben von Kristalina Georgieva nicht erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Schliesslich war die Bulgarin bereits 36 Jahre alt, als der langjährige kommunistische Diktator Todor Schiwkow Ende 1989 das Feld räumen musste. Aber die neue Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) lässt während ihrer Auftritte keinen Zweifel aufkommen, wie einschneidend die weitgehend friedliche Revolution in ihrem Heimatland ihr Leben beeinflusste.

Quasi über Nacht, meinte Georgieva vor einigen Tagen in Washington, habe sie die Freiheit gehabt, zu sagen, was sie dachte, und zu lesen, was sie wollte. Nach dem Ende des Regimes habe sie sich endlich nicht mehr verbiegen und verstellen müssen. Ihr Fazit: «Der Wandel lässt sich nicht aufhalten.»

Als Nachfolgerin für Juncker gehandelt

Georgieva nutzte die Chance, die sich ihr bot. Die Karriere, die sie in den vergangenen 30 Jahren machte, ist für eine Osteuropäerin geradezu beispiellos. Nach einigen akademischen Gastspielen in Österreich, Australien und Amerika kam sie beruflich in Kontakt mit der Weltbank; 1992 wurde sie als Beraterin für umweltpolitische Fragen in Osteuropa angeheuert. Ein Jahr später folgten die feste Anstellung als Wirtschaftswissenschafterin und der kontinuierliche Aufstieg innerhalb der weltweit tätigen Organisation, die Entwicklungsprogramme finanziert.

Dank dieser Laufbahn gewann Georgieva auch in der bulgarischen Heimat an Bekanntheit. So beriet sie den heutigen bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borissow, der 2005 zum Stadtpräsidenten von Sofia und 2009 erstmals zu Regierungschef gewählt wurde, in wirtschaftspolitischen Fragen. Und dies, obwohl sie politisch links des kantig auftretenden Ex-Leibwächters verortet wird. 2010 folgte die Entsendung in die Europäische Kommission, nachdem die bevorzugte Kandidatin Borissows über einen Skandal gestolpert war.

In Brüssel war sie zuerst für humanitäre Hilfe zuständig, ein Steckenpferd der Bulgarin, und anschliessend bis 2016 für Budgetfragen. Weil sie ihren Job gut machte, wurde ihr Name immer wieder für höhere Ämter auf der Weltbühne genannt. So stieg Georgieva ins Rennen um den Posten der UN-Generalsekretärin.

Zudem war sie im Gespräch als Nachfolgerin von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Daraus wurde zwar nichts. Als Georgieva aber 2016 zurück zur Weltbank wechselte, stieg sie zur Nummer zwei hinter Präsident Jim Yong Kim auf. Weil der Amerikaner mit südkoreanischen Wurzeln sich primär für das grosse Ganze interessierte und ein ambitioniertes Reformprogramm ausarbeite, war es die Bulgarin, die für das Alltagsgeschäft zuständig war.

Als Chefin führte sie die Weltbank mit ihren mehr als 10 000 Angestellten fast drei Jahre lang. Und zumindest am Hauptsitz in Washington machte sich während dieser Amtszeit nur wenig Kritik an ihren Führungsqualitäten breit. Sie sei direkt, heisst es etwa, und habe klare Vorstellungen über die Ziele, die sie anstrebe; und obwohl ihr Englisch auch nach Jahren in Amerika immer noch einen starken Akzent aufweist, spricht sie die Fremdsprache fliessend. Sie spricht zudem auch Russisch und Französisch. Georgieva folgt auf die Französin Christine Lagarde, die Anfang November als Chefin bei der Europäischen Zentralbank beginnt.

Muss sie kriselnden Staaten unter die Arme greifen?

All diese Eigenschaften wird sie an der Spitze des Währungsfonds benötigen. Denn im Unterschied zur Vorgängerin sieht sich Georgieva mit einer Weltwirtschaft konfrontiert, die in eine globale Rezession stürzen könnte. Damit könnte der Währungsfonds plötzlich wieder als Rettungshelfer gefragt sein. In seiner neusten Prognose geht der Währungsfonds denn auch von einem tieferen Wachstum aus. So rechnet die Organisation neu mit einem Zuwachs der weltweiten Wirtschaftsleistung von 3 Prozent, das sind 0,3 Punkte weniger als bei der letzten Prognose.

Darauf angesprochen, sagte sie am Donnerstag: Es sei sicherlich vorteilhaft, dass sie aus einem Land stamme, das Erfahrungen mit IWF-Interventionen und harschen Reformprogrammen habe. So durchlebte Bulgarien in den Neunzigerjahren eine schwere Wirtschaftskrise. Die Inflationsrate erreichte 1991 und 1996/97 dreistellige Werte. Ihre Mutter, sagte Georgieva, habe deshalb innerhalb einer Woche ihre gesamten Ersparnisse verloren. Dies sei zwar ein herber Rückschlag gewesen; sie habe aber auch gesehen, wie die Programme des Währungsfonds in der Praxis wirkten.

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