Ragusa

«Ein Traditionsbetrieb wie auch ein Start-Up»: Daniel Bloch tritt aus dem Schatten seines Vaters

Der Schokoladen-Unternehmer Daniel Bloch erfindet sich und seine Firma neu. Gestern feierte er die Eröffnung des neuen Produktionsgebäudes und des neu geschaffenen Besucherzentrums.

Es ist Herbst in Courtelary. Auf den Matten grasen die Kühe. Kuhglocken bimmeln. Über dem Hügelzug des Berner Juras sind die Spitzen der Windräder zu erkennen. Ein süsslicher Geruch liegt in der Luft.

Der Neubau der Schokoladenfabrik, in der Ragusa und Torino gefertigt werden, liegt unmittelbar neben dem Bahnhof. Mit jedem Zug, der von Biel her kommt, füllt sich der Vorplatz. Es herrscht Feststimmung im Dorf. Die Strassen sind beflaggt. Die zufällig vorbeikommenden Wanderer wundern sich. Angereist sind ein Bundesrat, die Top-Skifahrerin und Markenbotschafterin Lara Gut sowie Politiker und Wirtschaftsführer aus der ganzen Schweiz.

Eingeladen hat Daniel Bloch, seit 1997 Chef, seit 2004 auch Verwaltungsratspräsident der Schokoladenfabrik, die den Namen seines Grossvaters trägt: Camille Bloch. Gefeiert wird die Eröffnung des neuen Produktionsgebäudes und eines neu geschaffenen Besucherzentrums, das für 100 000 Gäste im Jahr konzipiert ist.

Grosse Investitionen

Der Aufmarsch gestern Abend zeigt: Hier wird mit der grossen Kelle angerührt. Es geht Daniel Bloch darum, als Unternehmer wahrgenommen zu werden. Als einer, der den Standort Schweiz zu schätzen weiss und der gegen das Vorurteil kämpft, dass sich die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln in der Schweiz nicht mehr lohne. Und der deshalb die 40 Millionen Franken für einen Neubau der Neuenburger Architekten Manini Pietrini in die Hand genommen hat. Das ist nicht wenig, angesichts des jährlichen Umsatzes von rund 60 Millionen Franken, den das Unternehmen schreibt. Das ist es auch, was Bundesrat Johann Schneider-Ammann bei seinen Grussworten hervorhebt.

Doch Daniel Bloch geht es um mehr. «Natürlich hätten wir auch immer wieder kontinuierlich ausbauen können. Aber wir haben jetzt alles auf einmal gemacht. Und wir machen mit diesem Schritt auch intern klar, dass jeder einzelne Mitarbeiter im Unternehmen einen Sprung wagen muss», sagt er im Gespräch.

Den Sprung wagen. Das gilt nicht nur für die Firma und die Mitarbeiter, die zumindest neu fürs Mittagessen über eine Passerelle die Hauptstrasse zur Kantine überqueren können, sondern auch für den Unternehmer selber. Kein Wunder: Daniel Bloch, der in den letzten 20 Jahren das Unternehmen zwar geleitet hat, stand zeitlebens immer im Schatten seines prominenten Vaters: Rolf Bloch wurde über die Landesgrenzen hinaus als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) bekannt. Als einer, der in der grössten aussenpolitischen Krise der Schweiz zwischen den verhärteten Fronten vermittelte. Als es in den 90er-Jahren darum ging, wie sich die Schweiz, wie sich die Schweizer Banken, Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur Frage der nachrichtenlosen Vermögen stellte.

Den Sprung wagen

Sohn Daniel hat gelernt, in diesem Schatten zu leben: «Ich habe mich gar nie im Schatten meines Vaters gefühlt», sagt er im Gespräch.

Und trotzdem: Fast genau zwei Jahre nach dem Tod des Vaters will Daniel Bloch den Sprung wagen. Er tritt ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Er eröffnet seine neue Fabrik mit viel Pomp, er gibt Interviews in Sonntagszeitungen und im «Glanz und Gloria» des Schweizer Fernsehens. Und er präsentiert ein Buch, in dem er seine Erfahrungen und Visionen als Unternehmer aufzeichnet.

Mit aller Wucht

Wie schon bei der Eröffnung des Neubaus wird auch hier nichts dem Zufall überlassen: Die Buchpräsentation vor geladenem Publikum im Stadtberner Kulturzentrum Progr, das Interview durch die ehemalige «Rundschau»-Moderatorin Sonja Hasler. Auf dem Podium steht Daniel Bloch neben einem Wirtschaftsprofessor aus St. Gallen sowie dem Verwaltungsratspräsidenten der NZZ, Etienne Jornod. Im Publikum auch hier Berner Wirtschaftsprominenz und national bekannte Politiker. Pomp, ja, meint Bloch, aber nicht um jeden Preis: «Mir geht es nicht um die Inszenierung an sich, sondern es muss immer noch echt sein. Es muss zu uns passen.» Kein Zufall: Mit dem Frosch, der einen Sprung wagt, wird auch das Buch Blochs illustriert.

Wer den 54-jährigen Unternehmer diese Tage miterlebt, der wird den Eindruck nicht los, dass hier nicht nur einer mit aller Wucht an die Öffentlichkeit tritt, um für sein Unternehmen zu werben, sondern gleichzeitig auch eine Botschaft verkünden will. Der Mann, der bisher politisch im Hintergrund wirkte, der neben seinem Job bei Camille Bloch Verwaltungsrat der Berner Kantonalbank ist, Vater von drei Kindern, wirkt wie beseelt. Er, der nach dem Studium in Bern in der renommierten Kaderschmiede Insead bei Paris den letzten Schliff zum Unternehmer erhielt, hat seine Chance erkannt. Und mehr noch: Er hat gemerkt, dass er seine unkonventionelle Art, das Leben zu sehen, zum Prinzip erheben kann. Er will zeigen, dass die Wirtschaft anders funktionieren kann. So zögert er Entscheide bewusst hinaus. Bis es nicht mehr anders gehen kann. Wie etwa mit dem Neubauprojekt. «Wir haben für dieses Projekt keine umfassende Analyse gemacht. Das Gesamtkonzept muss stimmen.»

Wirtschaft anders denken

Daniel Bloch will sich bewusst von Managern heutigen Zuschnitts unterscheiden, die in einer schnelllebigen Zeit nur auf kurze Erfolge aus sind. «Ich weiss, dass das Leben nicht immer so linear abläuft, wie man sich das in vielen Unternehmen ausmalt. Manchmal geht es aufwärts, dann geht es wieder schlechter. Dieses Zyklische will ich auch mit meinem Unternehmen vorleben.» Er musste jedoch zuerst seine persönliche Situation aufarbeiten. Die Last, als Enkel des Firmengründers und Sohn eines prominenten Vaters wahrgenommen zu werden, abstreifen.

Diese Entwicklung hat Jahre gedauert und die Erkenntnis brauchte Zeit, um zu reifen. So beschreibt er in seinem Buch, wie die Einführung des ersten firmenweiten Informatik-Systems zu einer Neuerfindung des Unternehmens wurde und wie er mit der Erfindung einer neuen Ragusa-Sorte merkte, wie stark die Marke immer noch wirke.

In Courtelary grasen die Kühe an diesem Abend immer noch. Es bläst ein frischer Wind. Die Gäste fahren nach Hause. Lara Gut ging als Erste, später fuhr auch der Bundesrat in Richtung Bern davon. In der neugebauten Fabrik, in welcher der neue Schriftzug der Firma schon aufgemalt ist, stehen die Maschinen still.

Der süssliche Geruch, er wurde von der Landluft verdrängt. Irgendwo wurde wohl ein Feld gedüngt an diesem Nachmittag. «Es ist, wie wenn wir gleichzeitig einen Traditionsbetrieb und ein Start-up haben.» Der Unternehmer Daniel Bloch blickt auf den Neubau, den Schal lässig umgehängt. Ob die Radikalkur wirkt, die er seiner Firma verordnet hat, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.

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