Wirtschaft

«Ein neues Kapitel der Verkehrsgeschichte» – Hyundai übergibt in Luzern erste Wasserstoff-Lastwagen

Vom Verkehrshaus Luzern aus hat Hyundai am Mittwoch die weltweite Auslieferung der ersten in grosser Serie produzierten Wasserstoff-Lastwagen gestartet. Davon werden auch Autofahrer profitieren.

Es war eine Weltpremiere. Am Mittwoch übergab der südkoreanische Auto- und Lastwagenhersteller Hyundai sieben seiner neuen Xcient Fuel Cell Trucks im Verkehrshaus Luzern an die ersten Schweizer Kunden. Es war die erste Übergabe der neuen Wasserstoff-Lastwagen weltweit. Der Ort sei dafür perfekt: «Denn wir tragen dazu bei, ein neues Kapitel in der Verkehrsgeschichte aufzuschlagen», wie Mark Freymüller, CEO der Hyundai Hydrogen Mobility AG, befand.

Beim Verkehrshaus Luzern: Die ersten Wasserstoff-Trucks von Hyundai weltweit gingen unter anderem an Migros, Coop und Galliker.

Beim Verkehrshaus Luzern: Die ersten Wasserstoff-Trucks von Hyundai weltweit gingen unter anderem an Migros, Coop und Galliker.

Hyundai ist der erste Hersteller, der die leisen, umweltfreundlichen Lastwagen in grosser Serie produziert. Die zehn nächsten stehen nun bereits bei der Auto AG in Rothenburg zur Auslieferung bereit, zehn weitere befinden sich auf dem Weg in die Schweiz, 50 sollen bis Jahresende ausgeliefert werden, 1600 bis 2025.

Das Dilemma von Huhn und Ei

Dass die Schweiz für den Markteintritt in Europa, der vor jenem in den USA und China erfolgt, ausgewählt wurde, hat Gründe. Hier haben Konkurrenten gemeinsam den privatwirtschaftlicher Förderverein H2 Mobilität Schweiz aufgebaut, darunter Grossverteiler wie Migros und Coop, Tankstellenbetreiber wie Agrola und Avia, Logistiker wie Galliker oder F. Murpf, um gemeinsam das Dilemma von Huhn und Ei zu durchbrechen. «Denn ohne Tankstellen kauft niemand einen Lastwagen und ohne Lastwagen baut niemand eine Tankstelle», sagt Daniel Keller, COO der Hyundai Hydrogen Mobility AG. «Das ist auch der Grund, wieso wir die Lastwagen über Mehrjahrespakete vermieten und nicht verkaufen.» Denn die Investitionskosten seien im Vergleich zum Diesel eher hoch. «Würden wir sie verkaufen, würde also jede Firma erst einmal einen kaufen, um das Risiko tief zu halten.» Dann seien aber eben nicht genügend Lastwagen für den rentablen Bau von Tankstellen im Umlauf, so Keller. «Deshalb tragen wir nun das Technologierisiko und nehmen so den Käufern die Angst vor der Innovation.» Und die Betriebskosten seien in etwa gleich wie beim Diesel.

Für Keller ist klar: Der neue Wasserstoff-Truck von Hyundai fördert weit mehr als den umweltfreundlichen Schwerverkehr in der Schweiz. «Damit sich eine Wasserstofftankstelle lohnt, müssen 700 Autos pro Monat dort tanken.» Nur, so viele mit Wasserstoff betriebene Autos gebe es derzeit in der ganzen Schweiz nicht. Lastwagen brauche es aber für einen ökonomischen Betrieb nur 15. Der Tankstellenausbau komme also auch den Autos zugute. Zwei erste Wasserstoff-Tankstellen in Hunzenschwil und St. Gallen wurden nun im Rahmen des Fördervereins eröffnet, nächste Woche folgt eine in Zofingen, weitere sind in Bern, Rümlang und Crissier geplant und im Januar folgt Rothenburg.

Vorteile gegenüber Elektrolastwagen

«Mit dem Demotruck haben wir nun jeweils in Hunzenschwil getankt», erklärt Marc Ziegler, CEO der Auto AG in Rothenburg. Diese spielt als exklusiver Service-Partner für die Wasserstoff-Trucks in der Schweiz eine wichtige Rolle. Seit Februar waren Vertreter der Auto AG mit einem Demotruck unterwegs und haben diesen gemeinsam mit den Südkoreanern auf Herz und Nieren getestet. Mit acht Standorten in der Deutschschweiz sieht sich die Auto AG derzeit für den kommenden Ausbau der Flotte gut gerüstet. Ganz wichtig ist es allen Beteiligten, zu betonen, dass der verwendete Wasserstoff auch wirklich grün ist und aus lokalen Quellen kommt. Thomas Fürst von Hydrospider, einem Joint Venture von Alpiq, H2 Energy und Linde, hat am Wasserkraftwerk Gösgen im Kanton Solothurn die erste industrielle Wasserstoffproduktion im Land aufgebaut. Die Anlage produziert mittels Elektrolyse bis zu 300 Tonnen Wasserstoff jährlich, was den Bedarf von 40 bis 50 Lastwagen deckt, oder von rund 1700 Autos. Für die Belieferung der kompletten 1600 Lastwagen sei dann der Aufbau weiterer Standorte geplant, so Fürst.

Peter Galliker.

Peter Galliker.

Ein ganz besonderer Moment war die gestrige Übergabe für Peter Galliker, CEO des Logistikers Galliker in Altishofen. «Eigentlich wollten wir schon zu unserem 100-Jahr-Jubiläum 2018 einen Wasserstoff-Lastwagen präsentieren, doch damals war einfach noch kein passendes Produkt auf dem Markt. Nun startet aber eine neue Epoche.» Galliker will bis 2030 einen Grossteil der Städte CO2-neutral beliefern:

Bei einem Elektro-Lastwagen etwa werde durch die Batterie viel Gewicht herumtransportiert, «hier» – er zeigt auf seinen neuen Truck –«ist nur Wasserstoff drin», zudem sei das Ritual des Tankens das Gleiche. Beim Tanken und in der Reichweite sieht auch Daniel Keller von Hyundai einen grossen Vorteil gegenüber der Elektrotechnologie: Insgesamt ist der neue Xcient Fuel Cell Truck für einen Anhängerzug von 36 Tonnen konzipiert, hat eine Reichweite von rund 400 Kilometern und eine Höchstgeschwindigkeit von 85 Kilometern, ausgestossen wird nur Wasserdampf. «Das Tanken dauert nur 15 Minuten», so Keller. Auch Elektro-Lastwagen hätten ihre Vorteile, aber im Vergleich zu solch einem Hightech-Antrieb sei eine Batterie doch eher Lowtech, sagt er augenzwinkernd.

Der Logistiker Galliker jedenfalls hat bisher einen weiteren Lastwagen bestellt. «Wenn wir nach den ersten Fahrten ein gutes Gefühl haben, werden wir mehr bestellen», so Peter Galliker. Aber er sagt auch, dass momentan in Bezug auf synthetische Treibstoffe viel im Gang sei und man die Augen offen halten werde.

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