Sollen es die herrliche Aussicht auf die schneebedeckten Berge sein — oder doch lieber die atemberaubende Seesicht? Den Hotelgästen auf dem Bürgenstock wird es schwerfallen, sich für ein Zimmer zu entscheiden. Im August soll das Luxusresort, das von Investoren aus Katar für 550 Millionen Franken renoviert wird, hoch über dem Vierwaldstättersee seine Türen für zahlende Gäste öffnen.

Es ist ein prächtiges Fleckchen Erde und bietet alles, was das wohlhabende Herz begehrt: 800 Betten in vier Hotels, eine luxuriöse Wellness-Landschaft mit Ausblick über den See, zwei Tennishallen, zwölf Restaurants, einen Golfplatz, eine Eisbahn, ein Kino und vieles mehr. Das alles braucht sehr viel Energie.

Klimaneutrales Seewasser

Ein grosser Teil dieser Energie wird aus dem Wasser des Vierwaldstättersees gewonnen. Die umweltfreundliche Seewassernutzung ist ein Vorzeigeprojekt der Siemens Schweiz. Auf einem Rundgang durch das Hoteldorf zeigte das Unternehmen gestern die Energiezentrale.
Es ist ein eigentliches Kraftwerk im Bauch des Bürgenstocks.

Die Wasserleitung vom See hierher besteht schon seit 1888. Der Sturm Lothar hat sie an Weihnachten 1999 beschädigt, jetzt wurde sie neu verlegt. Pumpen befördern 78 Liter Wasser pro Sekunde auf den Bürgenstock, der Höhenunterschied beträgt 500 Meter.

Auf dem Berg dient ein altes Frischwasserreservoir als «Speichersee». Von dort aus wird das Wasser weiter in die unterirdische Energiezentrale geleitet. Wärmepumpen erwärmen dann das Wasser, das einerseits für die Heizung der Gebäude gebraucht wird, andererseits für die Bäder und das Spa. Das Seewasser wird aber auch zum Kühlen im Sommer und für die Eisbahn im Winter benutzt. In der Tiefe des Vierwaldstättersees ist das Wasser nie wärmer als 7 Grad Celsius.

Kämpfen um die Bewilligung

So können bis zu 90 Prozent des Wärmebedarfs und die gesamte Kühlung des Resorts aus dem Seewasser gewonnen werden. Es wird zudem für die Wäscherei, die Bewässerung der Blumenbeete und des Golfplatzes genutzt.

Die Bewilligung, aus dem See Wasser abzuzapfen, sei nicht leicht zu bekommen gewesen, sagt Projektmanager Roland Wyrsch: «Wir mussten uns drei Konzessionen erkämpfen. Eine für das Abzapfen aus dem See, eine für das Entnehmen der Wärme und eine für die Rückgabe des Wassers in den See.»

Aber das Kämpfen habe sich gelohnt. Obwohl Öl oder Gas viel billigere Energieliefernaten gewesen wären, habe man sich bewusst für diese nachhaltige Lösung entschieden. Solarpanels und Windräder seien aus Denkmal- und Landschaftsschutzgründen nicht infrage gekommen, sagt Wyrsch. Das benutzte Wasser fliesst durch eine Turbine in den See zurück, die einen Teil des Stroms erzeugt, der zum Hochpumpen gebraucht wird. Das Abwasser wiederum fliesst durch eine andere Leitung in die Kläranlage bei Stansstad.

Enormes Potenzial

Die Technik der Seewassernutzung ist nicht neu, aber wird immer beliebter. Energieverbünde, die aus Seewasser gespeist werden, gibt es unter anderem schon in Luzern, Zürich und St. Moritz. Die Technologie birgt weiteres Potenzial, sind die Promotoren überzeugt.

Laut Siemens Schweiz könnte der Vierwaldstättersee die ganze Region Luzern mit Energie versorgen: Der See würde jedes Jahr 2900 Gigawattstunden Energie liefern. Das würde allein den Wärmebedarf von über 350'000 Einwohnern abdecken.