Wirtschaft

Ein kleines Stück Schweiz gekauft: Raclette boomt in Deutschland

Raclette ist auch bei den Deutschen sehr beliebt. (Archivbild)

Raclette ist auch bei den Deutschen sehr beliebt. (Archivbild)

Das Raclette feiert ein Comeback. Besonders im Ausland ist der Käse beliebt. Damit ist Raclette ein Aussenseiter: Andere Käsesorten kommen trotz Werbung mit Promis nicht in die Gänge.

Die Deutschen haben der teuren Schweiz als Touristen den Rücken gekehrt – dafür haben sich ein günstiges Stück davon in die heimische Stube geholt: Das Raclette. So lassen sich vielleicht die unterschiedlichen Erfahrungen zusammenfassen, welche Hotellerie und Käsebranche mit ihren deutschen Kunden gemacht haben in den letzten Jahren. Der Hotellerie liefen die deutschen Gäste massenweise davon, als sich der Franken überbewertete. Bis heute sind sie nicht in gleicher Zahl zurückgekehrt.

Doch der Verkauf von Raclette boomt wie nie zuvor. Die Deutschen waren nach den Schweizern schon immer die grössten Raclette-Geniesser. Im Jahr 2014 beispielsweise gingen 800 Tonnen Raclette-Käse nach Deutschland. Das war viermal mehr, als nach Frankreich exportiert wurde, der damals nächstgrösste nationale Absatzmarkt.

Landwirtschaft mit Export-Rekord

Doch 2019 erreichte die deutsche Raclette-Liebe neue Höhen. Die Exporte gingen in diesem Jahr um 60 Prozent nach oben. Im Vergleich zu 2014 hat sich der Export mehr als verdoppelt. Und dazwischen wurde Schweizer Käse nur noch teurer für deutsche Konsumenten. 2015 wurde der Mindestkurs aufgehoben. Danach galten Ferien in der Schweiz geradezu als verpönt in Deutschland. Damit konnte man dem Nachbarn nicht mehr unter die Augen treten. Doch all das konnte dem schweizerischen Raclette-Käse in Deutschland nichts anhaben.

Die deutsche Raclette-Liebe hat der Schweizer Landwirtschaft zugleich einen Rekord bei den Gesamtexporten beschert. Fast 3000 Tonnen wurden 2019 ins Ausland verkauft. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Wachstum von 37 Prozent.

Raclette-Boom dank Social Media?

In der Schweiz werden sie aus ihrem deutschen Exportglück noch gar nicht recht schlau. Zum Landwirtschaftlichen Informationsdienst (LID) sagte der Geschäftsführer von Raclette Suisse, Jürg Kriech, man müsse die Gründe noch genauer evaluieren. Eine Spur führt zu den Sozialen Medien. Gemäss Kriecher zählte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Zeit lang die Themenkennzeichnung #Raclette zu den Beliebtesten in Deutschland. Der Konsument zeigt gerne in den Sozialen Medien, was er gerade isst. Raclette eignet sich demnach gut zur Inszenierung eines geselligen Zusammenseins.

Der Boom zeigte sich im Jahr 2019 – also noch vor der Coronakrise. Wird 2020 einen virusbedingten Einbruch bringen? Aktuell stehen die Chancen gut, dass dieses Schicksal der Branche erspart bleibt. Als die Coronakrise ausbrach, hatte der Raclette-Käse seine wichtigsten Monate schon hinter sich. Vor allem von Oktober bis Dezember ist Raclette beliebt. Im Dezember wird über drei Mal mehr exportiert als beispielsweise im Januar. Und dann war Raclette-Genuss in Deutschland vielleicht schon immer weniger anfällig auf den virusbedingten Imperativ der sozialen Distanzierung. Raclette wird in Deutschland hauptsächlich mit der Familie oder Freunden genossen – und weniger in coronageplagten Restaurants.

Kriech von Raclette Suisse sagte dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst: «Wir gehen davon aus, dass die Exporte nicht so stark betroffen sein werden.» Eine nicht ganz so glänzende Erfolgsgeschichte ist hingegen das Sommer-Exportgeschäft mit Raclette. Die Verbindung von schmelzendem Käse bei heissen Temperaturen wird schon seit 20 Jahren beworben.

© CH Media

Der Schweizer Milchproduzentenverband lancierte damals Fernsehspots mit dem Musiker Gölä, der sich mit Bandkollegen nach einem Konzert in der Garderobe den Schmelzkäse gönnte. Von einem «wahren Coup» schrieb damals der «Sonntagsblick».

Zwanzig Jahre später ist zwar in den Sommermonaten ein gewisses Wachstum zu erkennen. Aber die Zuwächse von Juni bis August bleiben weit zurück hinter dem Wachstum von Oktober bis Dezember. Raclette, Sommer und Hitze – das will die Branche zwar in Zeiten des Klimawandels zusammenbringen. Angesichts steigender Temperaturen ist die wirtschaftliche Logik unbestritten. Nur der Konsument scheint dennoch nur bedingt mitspielen zu wollen.

Promis kurbelten Verkäufe nicht an

Gölä seinerseits reihte sich damals ein in eine lange Reihe prominenter Käseliebhaber. Zwei Jahre später engagierten auch die Appenzeller für ihren Käse den deutschen Schauspieler Uwe Ochsenknecht.

Auf Prominenz setzten auch die Hersteller des Emmentaler Käse, als sie 2009 eine Exportkrise überstehen wollten. Sie engagierten Oscar-Preisträger Xavier Koller und Rapper Bligg für ihren Werbespot. Geholfen hat das alles nichts: In den letzten zehn Jahren hat sich die exportierte Menge von Emmentaler-Käse fast halbiert.

Auch Michelle Hunziker, die 2015 als Aushängeschild für den Käse engagiert wurde, konnte diesen Trend nicht umkehren. Doch immerhin. Wie die Branchenorganisation Emmentaler Switzerland kürzlich mitteilte, konnte der Emmentaler letztes Jahr erstmals wieder ein leichtes Plus verzeichnen – ganz ohne Star.

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