Vor genau einem Jahr hat die Schweizerische Nationalbank aufgehört, auf dem Devisenmarkt zu intervenieren, um den Kurs des Schweizer Frankens bei mindestens 1.20 für einen Euro zu halten. Nach dem ersten Crash auf eine 1:1-Parität erholte sich der Euro im Laufe des Jahres und liegt aktuell bei Fr. 1.09. Damit liegt die nominelle Abwertung des Euro gegenüber dem Franken bei rund zehn Prozent.

Entwicklung des Euros in Franken

Entwicklung des Euros in Franken

Einschneidende Folgen

Für die Schweizer Wirtschaft hatte die Freigabe einschneidende Folgen – auch für den Arbeitsmarkt. So geht Swissmem, der Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, davon aus, dass seit der Frankenfreigabe 9000 Stellen in der Branche abgebaut wurden. Aber nicht alle Stellenverluste sind alleine auf den teuren Franken zurückzuführen – wie etwa die am Mittwoch bekannt gewordenen Abbaumassnahmen bei Alstom.

Exportorientiert

Der Basler Ökonom Christoph Koellreuter, Mitgründer der BAK Basel, beschritt in seiner Analyse des Arbeitsmarkts einen völlig neuartigen Weg: Im Auftrag des Verbandes «Angestellte Schweiz» und der Stellenvermittlungsplattform x28 AG wertete er mithilfe von IT-Tools Hunderttausende von Stelleninseraten der Datenbasis des Stellenvermittlers x28 aus.

Diese Firma hat ein bisher einzigartiges «Screening»-System entwickelt, mit dem alle Firmenwebsites der Schweiz nach Stellen durchforstet und nach Branchen und Regionen gegliedert werden.

Doppelzählungen, ein grosses Problem bei Erhebungen, würden eliminiert, so Koellreuter. «Stellenangebote widerspiegeln sehr gut die Zukunftserwartungen der Unternehmen», sagt Koellreuter. Ein weiterer Vorteil: Die Zahlen sind brandaktuell.

Exportorientiert

Klarer Rückgang

  • Vom 4. Quartal 2014 bis zum 4. Quartal 2015 – das war der Untersuchungszeitraum – hat die Zahl der offenen Stellen um 2,3 Prozent abgenommen, nämlich von 97 400 auf 95 100.
  • Die Prognosen dürften rund einen Prozentpunkt nach unten revidiert werden, schätzt Koellreuter. Dagegen könnte die Korrektur der industriellen Produktion 2015 mit rund vier Prozentpunkten von plus zwei auf minus zwei Prozent doch recht markant ausfallen.
  • Es überrasche wenig, dass die Trendumkehr bei den Stellenangeboten in der Industrie besonders deutlich ausfiel. Stellenangebote der Industrie haben Ende 2014 bis Ende 2015 um gegen 11 Prozent abgenommen, während sie im vierten Quartal 2014 gegen 12 Prozent höher lagen als Ende 2012. Einige Beispiele: Fahrzeugbau –20%, Maschinen-Metall-Nahrungsmittel-Textil-Holz-Möbel-Glas –18%, Uhren- und Schmuckindustrie –13%.
  • In der Industrie ist Pharma (inkl. Chemie) die grosse Ausnahme, deren Stellenangebote im vierten Quartal 2015 um gut 8% höher lagen als im vierten Quartal 2014. Besonders die Nordwestschweiz profitiert davon. Die zentrale Rolle von Patenten und die damit verbundene Möglichkeit, eine sehr hohe Wertschöpfung pro Arbeitsstunde zu erzielen, können für diese Steigerung eine Erklärung sein.
  • Bei Branchen wie der Uhrenindustrie oder der Branche Elektro-/Medizinaltechnik/Optik dürfe die momentane Flaute bei den offenen Stellen nicht überinterpretiert werden. Gegen eine zu pessimistische Perspektive spricht erstens das Vertrauen in den Standort Schweiz und zweitens die hohe Produktivität. «Swiss made» ist nicht nur in der Uhrenindustrie ein hervorragendes Etikett.
  • Nicht nur die Exportindustrie, sondern auch der Binnensektor, der im vierten Quartal 2015 rund 55 Prozent der Stellenangebote auf sich vereinigte, spürt die Aufwertung des Schweizer Frankens. Nebst dem Detailhandel leiden auch viele andere binnenorientierte Dienstleistungsbranchen unter der aufwertungsbedingten höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere des näheren Auslandes. Die Vakanzen nahmen 2015 in diesem Bereich um 4,5 Prozent ab. Dies, nachdem sie 2013 und 2014 um über 13 Prozent zugenommen hatten.

Dienstleister lassen hoffen

  • Der Dienstleistungssektor (und dort der Exportbereich) verhinderte, dass es noch schlimmer gekommen ist. Die Stellenangebote hätten sich dort seit der Aufhebung des Mindestkurses entgegengesetzt zum industriellen Bereich entwickelt, so Koellreuter. Eine Zunahme der Stellenangebote in den exportorientierten Dienstleistungsbranchen (Finanzsektor, Grosshandel, Versicherungen, Forschung, Tourismus/Hotellerie/Gastgewerbe) von über elf Prozent kontrastiert das Minus von gegen elf Prozent in der Exportindustrie.

Tourismus überrascht

Erstaunlich ist, dass bei der Internet-Erhebung die freien Stellen im Tourismusbereich massiv zugelegt haben – nämlich 27 Prozent. Mit ein Grund dürfte sein, dass neue Hotelketten in die Schweiz expandieren. x28 schätzt, dass rund ein Drittel obiger Zunahme auf die «Entdeckung» der eigenen Website zur Personalsuche zurückzuführen sei.

SNB-Chef Thomas Jordan darüber, warum die SNB gerade jetzt den Mindestkurs aufhebt