Öffentlicher Verkehr

Ein GA kostet heute 45 Prozent mehr als noch vor 20 Jahren

Teurer Unterhalt des Schienennetzes (Symbolbild, Archiv)

Teurer Unterhalt des Schienennetzes (Archiv)

Teurer Unterhalt des Schienennetzes (Symbolbild, Archiv)

In einem Monat ändert der SBB-Fahrplan. Gleichzeitig werden die Billette und Abonnements im öffentlichen Verkehr durchschnittlich um 5,2 Prozent teurer. Ein Experte nimmt die SBB in den Schutz.

Das Generalabonnement (GA) 1. Klasse kostet ab dem 9. Dezember 450 Franken mehr (neu 5800 Franken), das GA 2. Klasse schlägt 200 Franken auf (neu 3550 Franken) und das 1-Jahres-Halbtax-Abo wird 10 Franken teurer (neu 175 Franken).

Es ist das dritte Jahr in Folge, dass die SBB die Preise erhöhen - eine Premiere in der Geschichte der Bundesbahnen. Entsprechend gross war der Aufschrei in der Bevölkerung, der Politik und den Medien, als die SBB den erneuten Aufschlag vor einigen Monaten bekannt gaben.

Die SBB rechtfertigen die Preiserhöhungen gerne mit dem Argument der Kostenwahrheit, dem Ausbau des Angebots, höheren Unterhaltskosten und der Teuerung. Zumindest das letzte Argument ist kaum gerechtfertigt. Berechnungen der «Nordwestschweiz» zeigen, dass die Preise für die wichtigsten Abonnements in den letzten 20 Jahren deutlich stärker gestiegen sind als der Landesindex der Konsumentenpreise, der die Teuerung abbildet. So ist das 1.-Klasse-GA seit 1992 49 Prozent teurer geworden, das 2.-Klasse-GA 45 Prozent und das 1-Jahres-Halbtax-Abo 40 Prozent. Die Teuerung in diesem Zeitraum betrug hingegen nur 20 Prozent. Auch Einzelbillette haben sich seit 1992 stärker verteuert, als dass sich dies durch die Inflation rechtfertigen liesse.

Billettpreise decken Kosten nicht

Das Argument der Kostenwahrheit ist hingegen unbestritten. Heute bezahlen die Bahnkunden mit ihren Billettpreisen nur einen Teil der real anfallenden Kosten. Die «Transportrechnung» des Bundesamts für Statistik für 2005 kommt für den Schienen-Personenverkehr auf einen Kostendeckungsgrad von 56 Prozent. Anderen Berechnungsmethoden zufolge liegt der Deckungsgrad gar noch tiefer: «Insbesondere schwach ausgelastete Strecken im Regionalverkehr sind nicht annähernd kostendeckend», sagt Widar von Arx, Leiter Mobilität am Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern.

Die Kosten, die durch die Billettpreise nicht abgedeckt werden, zahlen Bund und Kantone. Ein Teil dieser Abgeltungen ist struktureller Art, wird also immer notwendig sein. Denn der öV erbringt im Regionalverkehr einen politisch gewollten Grundversorgungsauftrag. Die verursachten Kosten können nicht allein von den Bahnkunden getragen werden. Das ist weltweit so. «Umgekehrt existiert eine Subventionierung des öV, der seinen Ursprung in den 1980er-Jahren hat und auf politisch-ökologische Überlegungen zurückgeht», so von Arx.

Das Halbtax-Abonnement beispielsweise kostete bis 1987 360 Franken - dann wurde es im Rahmen der Bundesmassnahmen gegen das Waldsterben auf 100 Franken verbilligt. Wer ab dem 9. Dezember für das Halbtax-Abo 175 Franken berappen muss, bezahlt also immer noch weniger als die Hälfte des Preises von vor 25 Jahren. Gemäss von Arx findet momentan ein Paradigmenwechsel statt, bei welchem die wahren Entstehungskosten höher gewichtet werden. «Die aktuelle SBB-Führung hat die unangenehme Aufgabe, ihren Kunden beizubringen, dass sie bisher für ihre Zugtickets zu wenig bezahlt haben», so der Ökonom.

SBB bestimmen Angebot nicht

Die SBB bieten heute betreffend Verkehrsleistung nachweislich mehr an als noch vor einigen Jahren. «Die Verbindungen wurden schneller und die Frequenzen höher», sagt von Arx. Die Schienentrassen sind in der Schweiz zu über 90 Prozent ausgelastet. Ganz anders sieht es mit der Auslastung der Züge aus: 2011 betrug diese im Fernverkehr durchschnittlich 32 Prozent und im Regionalverkehr gar nur 20 Prozent. Fakt ist aber: Das Angebot im Regionalverkehr bestimmen die Kantone. «Die Kantone bestellen bei den öV-Unternehmen das Angebot für ihr Gebiet und beeinflussen damit auch die Kosten», erklärt von Arx. Die SBB und andere Eisenbahnunternehmen wie die BLS oder die Rhätische Bahn seien lediglich Dienstleister.

Mit dem Angebotsausbau steigt auch die Belastung des Schienennetzes und somit die Wartungskosten. «Grossinvestitionen in die Infrastruktur lassen immer auch die Unterhaltskosten für die Zukunft steigen», so von Arx. Der Mobilitätsexperte nimmt die SBB deshalb in Schutz, was die Erhöhung der Billettpreise betrifft: «Die Hauptverantwortung liegt nicht bei den Bundesbahnen, sondern bei der Politik, welche die Rahmenbedingungen schafft.» Von den SBB könne man lediglich verlangen, dass sie weiter an ihrer Betriebseffizienz arbeiten. «Die SBB bieten eine hervorragende Qualität. Aber gleichzeitig dieselbe Effizienz wie in einem Wettbewerbssystem zu erwarten, wäre vermessen. Es gibt nur entweder - oder», so von Arx.

Meistgesehen

Artboard 1