Solothurn
Ein Dorado für Zahnärzte?

Zum Zahnarzt geht man längst nicht mehr nur, wenn es weh tut. Schöne Zähne werden zunehmend zum Lifestyle-Attribut. Ein begehrtes Pflaster für Zahnärzte scheint Solothurn zu sein.

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Andreas Toggweiler

Über zwei Dutzend Einträge zählt man im Telefonbuch unter «Zahnärzte« in Solothurn. Doch der Markt scheint noch nicht gesättigt. Denn vor gut einem Jahr wurde an der Autobahn in Zuchwil die erste Grosspraxis der Region Solothurn, «zahn24arzt» mit inzwischen 16 Angestellten eröffnet. Damit nicht genug: Am 1. April eröffnete beim Hauptbahnhof eine Filiale der schweizweit tätigen Kette «zahnarztzentrum.ch» und wirbt ebenfalls um die Kundschaft. Das 2003 gegründete national tätige Unternehmen betreibt inzwischen zehn Grosspraxen in Schweizer Städten und betreut laut eigenen Angaben rund 70 000 Patienten.

Der Eigentümer der Kette, Christoph Hürlimann aus Winterthur, zeigt sich sechs Wochen nach dem Start zufrieden. «In weniger als zwei Monaten haben wir bisher 325 Patienten behandelt», sagt Hürlimann. Der 10. Standort seiner Kette habe somit einen ähnlich guten Start hingelegt, wie die anderen Praxen. Hürlimann ist in Solothurn mit drei vollzeitlich tätigen Zahnärzten und einer Dentalhygienikerin gestartet. In der Werbung wird insbesondere herausgestrichen, dass das Zentrum 365 Tage im Jahr geöffnet ist. An Sonntagen und Feiertagen ist damit allerdings ein Notfalldienst von 12 bis 15 Uhr gemeint, wie Hürlimann präzisiert.

Markt für Zahnbehandlungen im Wandel

Wie reagiert die Konkurrenz auf den neuen Player? Han M. Bos vom Zahnarztzentrum Zuchwil (zahn24arzt) sagt, man habe bezüglich Patientennachfrage bisher noch kaum etwas vom neuen Anbieter gespürt. «Wir sind im Gegenteil bestärkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn unser Modell der umfassenden Betreuung jetzt nachgeahmt wird», sagt der Co-Leiter des Zuchwiler Zentrums. Die Klinik laufe gut, sogar im «Krisenjahr» 2009 habe man einen ansehnlichen Kundenstamm aufbauen können. Bos sagt, es seien 2560 Patienten.

Er ist überzeugt, dass sich der Markt für Zahnbehandlungen in einem tiefgreifenden Wandel befindet. «Es geht heute nicht mehr allein um medizinische Probleme, sondern auch darum, dass schöne Zähne für die Leute immer wichtiger sind. Heute haben wir die technischen Möglichkeiten, die dies möglich machen.» Mit anderen Worten: Der Lifestyle-Aspekt gewinnt an Bedeutung. Die Leute wollen möglichst helle, gerade und schöne Zähne - und sie sind bereit, dafür etwas auszugeben.

Das beginnt schon bei der Orthodontie für Kinder, der Bos hohe Bedeutung zumisst. «Wenn man Fehlentwicklungen rechtzeitig korrigiert, gibt es im Erwachsenenalter keine Sorgen mehr mit schiefen Zähnen.» Das sei einerseits gut fürs Selbstwertgefühl und vermindere aber auch die Kariesanfälligkeit. Zahnstein-Entfernen ist heute zum jährlichen Ritual geworden. Bereits sehr häufig werde auch das «Bleaching» verlangt, das künstliche Aufhellen der Zähne mit Bleichmittel. Auch Physiotherapie bei nächtlichem Zähneknirschen wird vermittelt oder die Behandlung unter Vollnarkose angeboten. «Wenn jemandem gleich alle vier Weisheitszähne entfernt werden müssen oder wenn jemand übergrosse Angst hat, kann dies hilfreich sein.» Dafür werde ein externes Anästhesie-Team aufgeboten.

Kunden verlangen umfassende Dienstleistung

Bei Zahnverlusten, zum Beispiel durch Unfälle, gebe es heute verschiedene Möglichkeiten. Ein weiterer Vorteil von Zahnarztzentren sei, dass ein breites Know- how bestehe und auch genug Zeit, um Patienten umfassend zu beraten. So würden regelmässig Infoveranstaltungen durchgeführt und auch ein Newsletter verschickt.

Das Löcherflicken wegen Karies ist zwar heute immer noch ein zahnärztliches Grundangebot. «Die Zahnpflege hat in den letzten Jahrzehnten allerdings enorme Fortschritte gemacht, und so haben die Zahnärzte eigentlich immer weniger Arbeit mit Füllungen», sagt Dr. Wolfgang Walzinger, medizinischer Leiter des Zuchwiler Zahnarztzentrums. «zahn24arzt». Umso mehr verlangten die Kunden ein umfassendes Dienstleistungsangebot, Beratung, Flexibilität in der Termingestaltung und nicht zuletzt - genug Parkplätze.

Bleibt die Frage, wie die bisherigen «traditionellen» Zahnärzte mit der Offensive der Grosspraxen zurande kommen. Jana Bracher (Solothurn), Präsidentin der Solothurner Sektion der Schweizer Zahnärztegesellschaft (SSO), sieht in den neuen Zahnkliniken keine direkte Konkurrenz für die etablierten Solothurner Zahnärzte. «Wir erbringen als Familienzahnärzte ganz andere Dienstleistungen als diese Grosspraxen, die sich vor allem auf Laufkundschaft ausrichten», sagt Bracher. Mit Qualitätskriterien, regelmässiger Fortbildung (80 Stunden pro Jahr seien bei der SSO Pflicht), Notfalldiensten und der Ombudsstelle für Patienten sei man auf langjährige Kundenbeziehungen ausgerichtet, sagt Bracher. «Die Zahnärzte betreuen oft ganze Familien über Jahrzehnte hinweg.» Die Ansprechpersonen blieben dabei in der Regel dieselben. Dies schaffe Vertrauen und Sicherheit.

365 Tage geöffnet

Preislich seien die «Familienzahnärzte» mit den Grosspraxen vergleichbar. Es werde fast überall derselbe Taxpunktwert von Fr. 3.50 angewendet. Was die 365-Tage-Öffnung des neuen Zentrums am Hauptbahnhof betrifft, hat Bracher Fragezeichen. Dies sei eigentlich nur für Notfälle relevant, die aber auch vom Notfalldienst der SSO Solothurn abgedeckt würden. Ansonsten steuere die Nachfrage die Praxisöffnung schon seit jeher. Der Verband gebe den Kollegen freie Hand. «Dass Zahnärzte Termine am frühen Morgen, am Abend oder auch an Samstagen anbieten, ist nichts Neues. Das gibts bei uns schon länger.»