Es war der erste offizielle Auftritt des inzwischen 69-jährigen Martin Winterkorn seit Auffliegen der Dieselaffäre im September 2015, die den Volkswagenkonzern in seine grösste Krise stürzte. Bis heute ungeklärt ist die Frage, was und vor allem seit wann der ehemalige Top-Manager Winterkorn von den manipulierten Diesel-Motoren wusste.

Mehr als zwei Stunden lang stand Winterkorn, der 2007 zum Chef des Wolfsburger Konzerns aufstieg, den 17 Mitgliedern des Untersuchungsausschusses Rede und Antwort. Neue Erkenntnisse gewann die Öffentlichkeit nach dem Hearing allerdings nicht. Winterkorn bestritt auch gestern, vor September 2015 vom Einbau der Software in den Dieselmotoren gewusst zu haben. «Das ist nicht der Fall», sagte er auf eine entsprechende Frage.

«Ich bitte um Entschuldigung»

Dass Winterkorn vor den Bundestagsabgeordneten plötzlich brisante Neuigkeiten erzählen würde, war ohnehin nicht erwartet worden. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen den ehemaligen VW-Chef wegen des Verdachts der Marktmanipulation, auch die US-Justiz vermutet – gestützt auf Aussagen von Kronzeugen –, dass Winterkorn von den Betrügereien spätestens bei einem Spitzentreffen von VW-Managern im Juli 2015 erfahren hatte, die Schummelei aber billigte oder gar förderte. Sobald es gestern heikel wurde, verweigerte Winterkorn mit Verweis auf das laufende Verfahren die Aussage. «Ich werde mich äussern, wenn meine Anwälte Akteneinsicht bekommen.»

Winterkorn nutzte die Gelegenheit des öffentlichen Auftritts auch dafür, seine besonderen Verdienste für den VW-Konzern hervorzuheben. «Die Liebe zum Detail», sagte er, sei «das Markenzeichen von mir und meiner Mannschaft» gewesen. Er verwies auf das rasante Wachstum, das der Konzern unter seiner Führung erfahren habe. Der Einsatz verbotener Software «muss natürlich in Ihren Ohren wie Hohn klingen», sagte Winterkorn und fügte hinzu: «Ich verstehe das, mir geht es genauso.»

Er sei erschüttert über den Dieselskandal, durch den 11 Millionen Kunden betroffen sind. «Ich muss akzeptieren, dass mein Name eng verbunden ist mit der Dieselaffäre.» Der Betrug an den Kunden belaste ihn «ganz besonders». Den Schritt zum Rücktritt im September 2015 bezeichnete der Ex-Manager als «den schwersten meines Lebens.» In einer Erklärung sagte er zudem: «Das Undenkbare ist geschehen. Es wurde verbotene Software eingesetzt. Ich bitte in aller Form um Entschuldigung.»

Signale überhört?

Winterkorn wies auch die Darstellung zurück, er habe mit eiserner Hand regiert, weshalb sich Mitarbeiter vor ihm gefürchtet hätten. Jeder Mitarbeiter habe stets mit Problemen auf ihn zukommen können, betonte der Ex-Chef von Volkswagen. Auf den Einwand eines Politikers, weshalb er denn von seinen Angestellten nicht ins Bild über mögliche Probleme mit den US-Behörden gesetzt worden sei – die Dieselaffäre zeichnete sich bereits im Jahr 2014 ab – meinte er: «Ich selbst suche nach befriedigenden Antworten.» Es sei nicht ersichtlich, weshalb er nicht frühzeitig über die Verstösse gegen Auflagen informiert worden sei. «Natürlich frage ich mich, ob ich die Signale überhört habe.»

Politiker nicht überzeugt

Mitglieder des Untersuchungsausschusses zeigten sich nach der Aussprache mit Winterkorn enttäuscht. «Ich glaube, in weiten Teilen ist er hinter dem zurückgeblieben, was er wirklich weiss», sagte der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Herbert Behrens (Linkspartei). Winterkorns Glaubwürdigkeit sei nach dem gestrigen Auftritt erschüttert. Der Untersuchungsausschuss wurde im April 2016 eingesetzt. Seine Aufgabe ist es, die Rolle der Bundesregierung und der Behörden in der Abgasaffäre zu klären.